Am Couchtisch essen

3. März 2016, 15:00
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Probate Praxis oder graue Theorie

foto: reuters / thomas peter

Pro
von Petra Stuiber

Der Titel ist so was von irreführend: als ob es um den Couchtisch ginge. Wir sprechen hier vom Essen vor dem Fernseher. Und das! ist! bei uns! verboten! Grundsätzlich.

Wir zelebrieren das Abendessen als familiäres Hochamt: stressfrei, mit guten Gesprächen und Freude über den manierlich essenden Nachwuchs, blablabla.

Das ist natürlich graue Theorie, denn die Praxis sind zwei quirlige Kinder im Alter von drei und sechs, die am Abend noch einmal so richtig aufdrehen und aus jedem gepflegten Dinner mir nix, dir nix ein Abenteuerspiel machen. Mit: rund um den Esstisch Fangen spielen, Nahrungsmittelweitwerfen, Hahnenkämpfen auf und unter dem Tisch. Kurzum: alles, was Eltern vom Essen abhält.

Strengere Erziehung wäre eine Alternative. Manchmal aber einfach: Couchtisch. Einfach: Paw Patrol, Dora, Thomas und seine Freunde. Plötzlich ist Ruhe, es wird gegessen, die Eltern plaudern. Schööön! Nachher kratzt man das Erdäpfelpüree vom Sofabezug und holt die Reste vom Würstel unter der Couch hervor. Aber egal. Das war's wert.

Kontra
von Fabian Schmid

Am Couchtisch isst nur, wer der Mahlzeit vor sich – und somit seinem Körper – keinen Respekt entgegenbringt. Man muss nicht wie ein erleuchteter Zenbuddhist jeden Bissen erschmecken, als hätte man noch nie zuvor gegessen. Vom Fernseher abgelenkt irgendetwas in sich zu stopfen, ist jedoch auch für profane Zeitgenossen keine Alternative.

Verschiedene Kulturkreise haben eine Vielzahl von Körperhaltungen beim Essen hervorgebracht. Im Westen sitzt man am Tisch, anderswo im Schneidersitz, und die alten Römer legten sich gar hin, um ihre Cena zu genießen – die übrigens mehrere Stunden dauerte. Das nach vorn gebeugte, Rücken und Verdauungstrakt verbiegende Essen wie an einem Couchtisch hat aus gutem Grund keine Tradition.

Selbst wenn es "modern" scheint, vorm Fernseher zu dinieren: Gerade in unseren 24-Stunden-online-Zyklen tut es gut, sich einmal auf etwas anderes als elektronische Geräte zu konzentrieren.

Und wenn man ein Programm einmal wirklich nicht verpassen will, kann man ja den Festplattenrekorder anwerfen. (RONDO, 4.3.2016)

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