UNO-Drogenbericht: Kritik an "Krieg gegen Drogen"

2. März 2016, 11:55
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Der Fokus müsse auf "Gesundheit und Wohlergehen" der Menschen liegen, fordert der Internationale Suchtstoffkontrollrat

Berlin – Der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) der UNO kritisiert in seinem am Mittwoch in Berlin präsentierten Jahresbericht 2015 den "Krieg gegen Drogen". Stattdessen müssen "Gesundheit und Wohlergehen" der Menschen mehr in den Fokus rücken, so wie es in den Drogenkontrollabkommen festgeschrieben ist. Die Behandlung Abhängiger sei ebenso eine Pflicht wie die Bekämpfung von Drogenschmuggel.

Die Gewährleistung der Verfügbarkeit von Drogen zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken einerseits und die Reduzierung der illegalen Versorgung mit Suchtstoffen andererseits müssten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden, betont das International Narcotics Control Board mit Sitz in Wien. Der jüngste Bericht des Gremiums wurde im Vorfeld einer UNO-Sondersitzung zum Thema Drogen veröffentlicht, die von 19. bis 21. April am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York stattfindet.

Eine weltweit wachsende Bedrohung sieht der Rat in der enorm steigenden Zahl neuer psychoaktiver Substanzen. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres wurde nicht weniger als 602 neue Substanzen gemeldet, gut eineinhalb Mal mehr als 2014. "Mit diesem Tempo mitzuhalten stellt eine zentrale Herausforderung für das internationale Drogenkontrollsystem dar", hält der Rat fest. 2015 wurden lediglich zehn neue psychoaktive Substanzen unter internationale Kontrolle gestellt.

Mangelhafter Zugang zu Schmerzmitteln

Sorgen bereitet den Fachleuten das unnötige Verschreiben von Benzodiazepinen an ältere Menschen als Mittel gegen Schlaflosigkeit und Angstzustände. Die regelmäßige Einnahme dieser Substanzen berge das Risiko, eine Medikamentenabhängigkeit zu entwickeln, betonte der INCB. Darüber hinaus habe sich in Studien gezeigt, dass bei Patienten über 65 Jahren, die Benzodiazepine einnehmen, ein um 50 Prozent höheres Risiko besteht, innerhalb von 15 Jahren eine Demenz zu entwickeln.

Neuerlich kritisiert der Suchtstoffkontrollrat den weiterhin bestehenden mangelhaften Zugang zu Schmerzmitteln (Opioid-Analgetika), von dem viele Menschen mit niedrigem Einkommen betroffen sind. Fast 95 Prozent aller weltweit verwendeten Schmerzmedikamente werden von Menschen in Europa und Nordamerika konsumiert. Zugleich haben drei Viertel der Weltbevölkerung keinen oder einen unzureichenden Zugang zu solchen Arzneimitteln, deren Konsumsich nach Angaben des INCB in diesem Jahrhundert fast verdoppelt hat.

Der Hauptproduzent von Heroin ist nach wie vor Afghanistan, obwohl sich die Fläche für den Anbau von Schlafmohn als Ausgangsprodukt erstmals seit sechs Jahren verringert hat. Der Anbau bleibe trotzdem auf hohem Niveau, hielt der Rat fest und urgiert die Schaffung von Alternativen für Menschen, die mit dem Schlafmohn-Anbau ihren Lebensunterhalt verdienen. (APA, 2.3.2016)

  • Sorgen bereitet dem INCB vor allem der enorme Zuwachs neuer psychoaktiver Substanzen.
    foto: apa/dpa/david ebener

    Sorgen bereitet dem INCB vor allem der enorme Zuwachs neuer psychoaktiver Substanzen.

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