Afghanen an Serbiens Grenze: Die Gestrandeten von Tabanovce

Reportage2. März 2016, 10:46
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In dem mazedonischen Ort sind 658 Afghanen hängengeblieben. Sie können nicht weiter in den Norden, aber auch nicht aufgeben

"Gibt es noch ein Prozent Hoffnung, dass wir über die Grenze kommen?", fragt Yama Sorosh. "Bitte sagen Sie uns die Wahrheit! Niemand sagt uns hier irgendetwas." 400 Meter hinter den weißen Zelten von Tabanovce liegt Serbien. Die serbischen Grenzbeamten lassen die Afghanen, die hierhergekommen sind, aber nicht weiterziehen. "Warten!" ist jeden Tag die gleiche Antwort auf die gleiche Frage: "Was sollen wir tun?" Die zweite große Frage, die die Menschen hier haben, ist: "Wie sieht unsere Zukunft aus?" Diese beantwortet niemand.

Tabanovce liegt versteckt hinter hohen Autobahntrassen, ein kleines Dorf mit einer alten zerfallenen Moschee, ein paar Kleinbauernhöfen, durch die die Katzen huschen und die Hühner staksen. Es ist einer jener Unorte, von denen nie jemand gehört hat, bevor sie nicht entlang der Balkanroute zu Flüchtlingszentren wurden und mittlerweile tausende Male auf Google Maps eingegeben wurden.

Orte wie Tabanovce haben sich in das Bewusstsein der Flüchtlinge eingegraben. Insbesondere in jenes der 658 Afghanen, die hier vor zwei Wochen steckengeblieben sind. Viele von ihnen sind Hazara, manche haben kleine Kinder dabei, manche wollen zu ihren Kindern, die bereits in Deutschland oder Österreich sind. Keiner von ihnen hat sich vorgestellt, dass seine Reise in Tabanovce enden wird oder dass es ein Land namens Mazedonien überhaupt gibt.

Sie sind über Berge gewandert, haben gefroren, haben in viel zu engen Baracken geschlafen, wurden von diversen Schmugglern ausgenommen. Durchschnittlich kostete die Reise 4.000 Dollar, die allermeisten haben ihr Erspartes aufgebraucht, wenn sie in Europa angekommen sind. Nun haben sie nichts mehr als diese Fragen, die Tag für Tag brennender werden. "Warum wurden die Leute vor uns noch durchgelassen und wir nicht mehr?" Die Gestrandeten von Tabanovce wissen nicht, dass sie eigentlich Opfer von Punkt Nummer sechs einer Erklärung von Polizeidirektoren sind.

Die "Drecksarbeit" der Balkanstaaten

Am 18. Februar trafen sich Polizeidirektoren der Staaten entlang Balkanroute – von Mazedonien bis Österreich – in Zagreb. Festgehalten wurde an jenem Tag, dass es nach den vergangenen Restriktionen "dringend" neue Maßnahmen brauche. Der Punkt sechs des Dokuments, das die Polizeidirektoren an diesem Tag unterschrieben haben, beschreibt, dass Personen einreisen können, die aus Kriegsgebieten kommen. Als Beispiele werden Syrien und der Irak aufgezählt, nicht aber Afghanistan.

Diese Tatsache – möglicherweise durchaus mit Absicht so niedergeschrieben – wurde von Mazedonien und Serbien als Argument genommen, dass ausschließlich nur mehr Syrer und Iraker durchgelassen werden. Die EU-Staaten Kroatien, Slowenien und Österreich würden sich wohl rechtlich schwer damit tun, dies zu argumentieren. Die "Drecksarbeit" machen aber ohnehin die Balkanstaaten.

Natürlich könnte man den Punkt sechs auch anders interpretieren. Auf dem Papier steht ja auch nicht, dass die Afghanen Wirtschaftsflüchtlinge seien, aber in der tieftraurigen Realität von Tabanovce wurden sie dazu am 19. Februar gemacht, als sie hier ankamen. Seither sehen die 658 Afghanen hier zu, wie die mazedonischen Bäume zu blühen beginnen, wie die serbische Lokomotive mit viel zu lautem Pfeifen hin- und herfährt, wie die Syrer und Iraker and ihnen vorbeiziehen.

Die Botschaft nach Afghanistan bringen

Sie hatten einfach nur Pech. Nun können sie nicht nach vor. Sie können nicht zurück. Sie sitzen in dem eingezäunten Flüchtlingscamp, sie hängen die Wäsche über den Zaun. Sie hoffen jeden Abend auf den nächsten Tag. "Können Sie mir nur eine exakte Information geben? Davon hängen unsere Lebensentscheidungen ab", sagt Yama Sorosh aus Herat, der sehr gut Englisch kann.

Morfeza Hamid, der gegen die Taliban gekämpft hat und aus der Provinz Daikondi kommt, sagt, er habe vor fünf Monaten von Freunden über soziale Medien gehört, dass es nun möglich sei, nach Deutschland zu reisen. Er hat mit seiner Schwester Marzeyeh und ihren beiden Kindern die Reise angetreten, sein Schwager ist bereits in Österreich. Nun – nachdem er bereits seit zwölf Tagen hier in Tabanovce festsitzt – hat er seinen Freunden in Afghanistan mitgeteilt, dass sie nicht kommen sollen, weil es keinen Sinn macht.

Diese Botschaft nach Afghanistan zu bringen, ist genau das politische Ziel der drei mitteleuropäischen Staaten Österreich, Slowenien und Kroatien, die gemeinsam mit den Balkanstaaten Serbien und Mazedonien die regionale Initiative zur Drosselung der Balkanroute anführen. Es wird aber wohl noch einige Wochen dauern, bis die Botschaft Wirkung zeigt. Denn noch sind viele Afghanen auf der Route.

Ähnlich war es Mitte November, als der Grenzübertritt nach Mazedonien für alle, außer für Iraker, Syrer und Afghanen untersagt wurde. Die Iraner, Pakistaner und Libanesen saßen damals plötzlich fest. "Es ist besser, wir bleiben hier, bis wir sterben!", war damals von ihnen an der griechisch-mazedonischen Grenze zu hören. Dieser Satz ist heute wieder von den Afghanen in Tabanovce zu hören. Viele der Bangladescher und Iraner, die damals im November nicht weiterkonnten, wurden später nach Athen zurückgebracht. Manche kehrten Richtung Türkei oder Nordafrika zurück, manche versuchten nach Italien zu kommen. Vielleicht wird dasselbe auch mit den Afghanen passieren.

Das Land der Verheißung

Die Willkür des Datums, das den Hoffnungen nach Deutschland zu kommen, ein Ende setzte, die Tatsache, dass es unter den Afghanen auch Asylberechtigte gibt, zeigt die gemeine und hässliche Seite der politischen Entscheidung. Dennoch verhalten sich die Flüchtlinge ruhig. Vielleicht werde es später zu Hungerstreiks kommen, vielleicht zu einer Revolution, sagt Sorosh. Die meisten Flüchtlinge hier sagen jedenfalls, sie wären niemals nach Europa aufgebrochen, wenn sie gewusst hätten, dass sie hier stranden würden. Sie meinen, sie wären stattdessen vielleicht nach Pakistan gegangen, weil die Hazara dort auch ihre Kinder in die Schule schicken könnten.

Für die Afghanen dauerte die Reise etwa 50 Tage. Sie war gefährlich – wie eine schwere Probe, an deren Ende das Land der Verheißung und Hoffnung stehen sollte: Germany. Und sicher nicht das Land der Ernüchterung: Mazedonien, wo es weder Arbeit noch Rechtsstaatlichkeit noch Zukunftsperspektiven gibt. Auch ein paar Iraker und Syrer sind hier in Tabanovce hängengeblieben. Entweder sie haben einen Stempel der Türkei im Pass und sollen deshalb zurückgeschickt werde. Oder die Personenangaben auf dem Registrierungszettel der Griechen stimmen nicht mit jenen auf dem Zettel der Mazedonier überein.

Seit 18. Februar wird den Syrern und den Irakern eine Art Flüchtlingspass in Mazedonien gegeben. Es handelt sich um ein paar Papiere, auf denen Fotos der Familienmitglieder und Geburtsdaten angegeben sind, aber auch die Eingangs- und Ausgangsstempel der Staaten, durch die die Leute reisen. Nur wer solche Papiere in den Händen hält, darf auf der Route weiterreisen. Nur so jemand erreicht Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich. Die Afghanen bekommen solche Zettel nicht. "Wir werden noch eine Woche hier bleiben und warten. Wir haben noch ein wenig Hoffnung. Unsere einzige Option ist Geduld", sagt Sorosh. (Adelheid Wölfl aus Tabanovtse, 2.3.2016)

  • Seit zwei Wochen sitzen hunderte Afghanen an der serbischen Grenze fest.
    foto: ap photo/boris grdanoski

    Seit zwei Wochen sitzen hunderte Afghanen an der serbischen Grenze fest.

  • Ihre Reise dauerte durchschnittlich sieben Wochen.
    foto: reuters/marko djurica

    Ihre Reise dauerte durchschnittlich sieben Wochen.

  • "Es ist besser, wir bleiben hier, bis wir sterben!", ist die Losung für viele.
    foto: ap photo/boris grdanoski

    "Es ist besser, wir bleiben hier, bis wir sterben!", ist die Losung für viele.

  • Während Syrer und Iraker mit einem Flüchtlingspass durchreisen können, erhalten Afghanen keinen solchen Zettel.
    foto: reuters/marko djurica

    Während Syrer und Iraker mit einem Flüchtlingspass durchreisen können, erhalten Afghanen keinen solchen Zettel.

  • Nicht vor, nicht zurück.
    foto: reuters/marko djurica

    Nicht vor, nicht zurück.

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