Mutmaßlicher IS-Kämpfer: "Hier ist kein Leben in Österreich"

1. März 2016, 18:13
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Jihadistenprozess in Graz geht mit neuen Angeklagten in die nächste Runde

Graz – Es ist ein Prozess in mehreren Aufzügen. Die am Montag auf zwei Monate vertagten Verhandlungen gegen einen radikalen Prediger und einen mutmaßlichen Syrien-Kämpfer, dem mehrfacher Mord zur Last gelegt wird, waren sozusagen ein Kernstück der Grazer Jihadistenprozesse. In Summe stehen aber 13 Angeklagte, die im "IS-Verdacht" stehen, in den nächsten Wochen vor Gericht. Sie wurden bei Großrazzien Ende 2014 in Linz, Wien und Graz festgenommen.

Dienstagvormittag saß einer der mutmaßlichen IS-Kämpfer vor dem Richter. Launig, ausschweifend, wenig sagend. "Ich werde alles sagen, wenn Sie mich fragen, aber ich werde nichts voraus sagen, ich werde Ihnen nicht helfen", lachte der Angeklagte im hellen Sweater und mit langem, gepflegtem Bart. Also half der Richter nach und überraschte den Angeklagten mit Protokollen, die er von der Staatsanwaltschaft in New York am Wochenende übermittelt bekam. Es sind detaillierte Infos aus Facebook-Accounts.

Dem gebürtigen Bosnier und Vater dreier Kinder wird die Beteiligung an der IS-Terrormiliz vorgehalten – darauf stehen mehrere Jahre. Bisher gab er nur an, mit seiner Frau nach Istanbul gefahren zu sein, um dort Kleider einzukaufen, die er weiterhandeln wollte. Die jetzt aufgetauchten Eintragungen von bisher nicht bekannten Facebook-Accounts des Angeklagten geben aber klare Hinweise, dass er vorhatte, mit seiner zweiten Frau nach Syrien auszuwandern.

"Feindlich gegen Muslime"

Per Facebook kommunizierte er mit einem befreundeten IS-Kämpfer, der ihm ein Haus in Syrien versprach. Konfrontiert mit dem US-Papier räumte er jetzt ein: "Ja, es war geplant, mit der Frau nach Syrien zu gehen." Er kichert in Richtung Richter: "So, jetzt haben sie eh alles entdeckt. Ich versuche zu verheimlichen und sie decken alles auf."

"Warum?", fragte der Richter, "warum wollten Sie ausgerechnet nach Syrien gehen?" Der Angeklagte, ein gelernter Elektriker, der bisweilen als Taxilenker gearbeitet hatte, empfindet sich als Opfer. "Hier ist kein Leben in Österreich", deshalb habe er nach Syrien gehen wollen. Diese "feindliche Haltung gegen Muslime, diese regelmäßigen Kontrollen in den Moscheen", die Angst, abgehört zu werden, sei zermürbend gewesen. Der Angeklagte will nicht verstehen, dass in den Hinterhofmoscheen extreme Prediger – wie der Staatsanwalt anklagt – junge, oft minderjährige Muslime radikalisiert haben. Eltern hätten die Moscheen ja angezeigt, weil sie Angst um ihre Kinder hatten. Von all dem habe er nichts mitbekommen. Er habe zwar Predigten gehört, aber Syrien oder Jihad sei nie Thema gewesen, glaube er.

Was er denn eigentlich in Syrien wollte, fragte der Richter noch einmal nach. Der Angeklagte denkt kurz nach: "Normal leben. Manche kämpfen – aber das muss jeder für sich entscheiden." (Walter Müller, 2.3.2016)

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