Rewe: Aderlass wegen Zielpunkt

2. März 2016, 05:30
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Rewe darf 25 ehemalige Zielpunkt-Standorte erwerben, muss aber 17 eigene schließen. Auch Spar muss seine Handelsfläche verkleinern

Wien – Wo bisher Zielpunkt draufstand, ist künftig vor allem Rewe oder Spar drin. Die beiden Lebensmittelriesen sichern sich mit bis zu 52 Filialen den Großteil der verwertbaren Standorte der insolventen Supermarktkette. Der Gewinn an Handelsfläche geht allerdings mit einem erheblichen Verlust an eigenen Standorten einher, zumindest für die deutsche Rewe.

Der Konzern mit den Vertriebslinien Billa, Penny, Merkur, Adeg und Bipa darf sich 25 ehemalige Zielpunkt-Märkte einverleiben – muss jedoch im Gegenzug 17 nahe gelegene eigene Filialen aufgeben. Das sehen die Auflagen der Bundeswettbewerbsbehörde vor.

Für den Einzug in drei Standorte des früheren Rivalen müssen so etwa in Summe sechs umliegende Supermärkte schließen. Bei sechs übernommenen Shops ist die hinzugewonnene Verkaufsfläche zu reduzieren. Zehn neu erworbene Filialen dürfen nunmehr lediglich als Diskonter geführt werden.

"Klar hätten wir uns mehr erhofft", sagt Rewe-Sprecherin Ines Schurin. Man habe die nunmehr vorliegenden Auflagen jedoch mit der Wettbewerbsbehörde gemeinsam erarbeitet. "Unterm Strich ist es für uns eine Optimierung der Betriebsgröße." Rewe will den betroffenen früheren Zielpunkt-Mitarbeitern einen neuen Dienstvertrag anbieten. Seinen eigenen Leuten, die in jenen 17 Märkten arbeiten, die aufgelassen werden, verspricht der Konzern Arbeitsplätze an anderen Standorten.

Konkurrent Spar, dem die Behörde 27 frühere Zielpunkt-Shops zubilligt, müsste, sofern er sie sich tatsächlich schnappt, nur fünf eigene Standorte zusperren und bei zweien die Fläche reduzieren. Bis kommende Woche will Spar noch mit einzelnen Vermietern verhandeln. Dann soll die fixe Liste der neuen Märkte publik werden.

Ideen für mehr Wettbewerb

Was Rewe und Spar des Weiteren verbindet: Sie müssen Kartellwächtern Vorschläge machen, wie sie ihre Marktmacht künftig vermindern und den Wettbewerb beleben wollen. Die Behörde erwartet sich ein Paket an Maßnahmen. Wie diese – die der Natur der zwei Handelsgruppen nicht gerade entsprechen – aussehen und greifen könnten, steht in den Sternen.

Die hohe Konzentration des Lebensmitteleinzelhandels in Österreich ist europaweit Spitze. Dass der Niedergang Zielpunkts diese einmal mehr erhöht, war aus Sicht des Großhändlers Christof Kastner unabwendbar. "Der Markt hat das frei gewordene Volumen sofort aufgesogen. Und was nun passieren wird, ist nichts anderes als eine Standortverbesserung der bestehenden Konzerne."

Keineswegs schon verdaut haben die Zielpunkt-Pleite die Lieferanten. Etliche kleine und mittlere österreichische Lebensmittelproduzenten wuchsen und litten mit der Handelskette mit. Um in die Regale von Rewe und Spar zu wechseln, sind für viele harte Einschnitte und Kompromisse nötig.

Auch wenn nach außen hin anderes behauptet werde – natürlich seien die Lieferkonditionen andere, erzählt ein Markenerzeuger: je größer ein Händler, desto stärker seine Einkaufsmacht und desto geringer der Handlungsspielraum kleiner Partner. Der hohe Anteil an Eigenmarken großer Handelsketten dränge viele Lieferanten zusätzlich in die Statistenrolle.

Schirnhofer holt Partner

Hart in die Bredouille durch das Zielpunkt-Ende geriet Schirnhofer. Der steirische Feinkosthersteller musste Insolvenz anmelden, schaffte im Februar dennoch die Kehrtwende und den Erhalt von 200 Jobs in einer strukturschwachen Region. Nun bekommt der Betrieb Hilfe aus Oberösterreich: Kröswang, ein auf gut 150 Millionen Euro Umsatz herangewachsener Händler frischer Lebensmittel und langjähriger Geschäftspartner Schirnhofers, geht eine enge Kooperation mit den Oststeirern ein, erfuhr der STANDARD.

Ab April wird in der Gastronomiezustellung noch stärker zusammengearbeitet, primär in der Steiermark, bestätigt Marketingleiter Thomas Holl. Eine finanzielle Beteiligung werde es aber nicht geben. Schirnhofer liefert in der Steiermark über einen eigenen Fahrverkauf nach wie vor direkt aus. Gespräche mit Investoren sollen weiterhin im Gange sein. (Verena Kainrath, 2.3.2016)

  • Österreichs Lebensmittelkonzerne bessern im Zuge der Zielpunkt-Insolvenz ihr Standortnetz auf. Der frühere Zielpunkt-Lieferant Schirnhofer findet neue Partner.
    rewe international ag/apa-fotose

    Österreichs Lebensmittelkonzerne bessern im Zuge der Zielpunkt-Insolvenz ihr Standortnetz auf. Der frühere Zielpunkt-Lieferant Schirnhofer findet neue Partner.

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