Integration: Einfach bauen, anders bauen – und sich kümmern

3. März 2016, 15:32
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Welchen Beitrag kann die Wohnpolitik zur Integration von Flüchtlingen leisten? Dass mehr gebaut werden muss, stand beim Standard-Wohnsymposium außer Streit

Auf die letzte große Migrationswelle während des Bosnienkriegs in den 1990er-Jahren hat Österreich, und vor allem die Stadt Wien, mit einer Wohnbauoffensive reagiert, die den heimischen Markt fast 20 Jahre lang ausreichend mit Wohnraum versorgte. Der neue Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten stellt die Wohnpolitik vor noch größere Herausforderungen.

cartoon: oliver schopf

Denn zu den 90.000 Asylwerbern des Vorjahres kommen noch die zahlreichen Zuwanderer aus anderen Ländern, vor allem aus der EU, dazu, die ohnehin schon für Wohnungsknappheit in den Ballungsräumen sorgen. Und angesichts der kulturellen Differenzen mit vielen Ankömmlingen ist die Wohnpolitik noch viel stärker gefordert, die Integration der neuen Bewohner zu unterstützen.

Unter dem Titel "Unterkunft oder Integration" beschäftigte sich das 54. Standard-Wohnsymposium vergangene Woche mit diesem schwierigen Themen. Auch wenn die meisten Redner betonten, dass man natürlich beides brauche – Unterkunft und Integration -, so zeigten sich in den Vorträgen und Diskussionen doch höchst unterschiedliche Zugänge und Schwerpunkte.

Möglichst große Projekte

Eine klare Botschaft kam von Herbert Ludl, dem Generaldirektor der Sozialbau AG, Österreichs größter gemeinnütziger Genossenschaft: Mit dem Satz "Bauen, bauen, bauen" rief er dazu auf, die ganze Energie auf eine Steigerung der Wohnbauleistung zu verwenden.

Man müsse jetzt sofort anfangen, denn "es dauert ja drei bis fünf Jahre bis zum Bezug", und sollte möglichst große Projekte mit preiswerten Wohnungen und "ohne Schnickschnack" errichten. Denn in den großen Anlagen funktioniere auch die Integration am besten. In der Wiener Stadtregierung ist Ludls Botschaft bereits angekommen: Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) will die Zahl der neuen Wohnungen um ein Drittel von 10.000 auf 13.000 im Jahr erhöhen.

Die Wiener Architektin Sabine Pollak warnte hingegen davor, einfach nur draufloszubauen. Die Krise sei eine Chance, beim Wohnbau umzudenken und auch angesichts unterschiedlicher Wohnkulturen der Zuwanderer neue architektonische und ökonomische Konzepte zu entwickeln.

Auch Pollak geht es darum, die Kosten zu senken, und auch sie setzt auf große und dichte Anlagen mit kleineren Wohneinheiten. Aber vor allem drängt sie darauf, auf vieles in der Standardausstattung zu verzichten, um Bewohnern mehr Spielraum zu bieten. "Wir sollten rauer und roher denken – offen verlegte Leitungen, Estrichböden, Fixverglasungen", sagte sie. Ziel sollte dabei auch sein, besonders kostspielige Baunormen loszuwerden.

Keine Pappendeckelcontainer

Auch Georg Busik, Marketingsprecher von Bau-Massiv, dem Fachverband Steine-Keramik in der Wirtschaftskammer Österreich, warnte in seinen Begrüßungsworten auf dem Symposium, das gemeinsam mit dem Fachmagazin Wohnen Plus organisiert wurde, vor allzu viel Geiz beim Bauen. "Wir dürfen keine Pappendeckelcontainer aufstellen", sagte er. "Wer billig baut, baut teuer. Denn dann muss man es zweimal bauen." Bei provisorischen Unterkünften etwa in Containern komme auch das Problem der umweltschonenden Nachnutzung dazu. "Abbau und Wiederaufbau sind nicht nachhaltig."

Das dritte große Thema auf dem Wohnsymposium betraf die Betreuung von Bewohnern als Mittel zur Integration. Neben einer qualitätsvollen Wohnumgebung müsse es Ansprechpartner vor Ort geben, die auf Beschwerden reagieren, bei Streitigkeiten vermitteln und auch den Zuwanderern helfen, sich in eine neue Umgebung mit anderen Regeln möglichst rasch einzufinden.

Die Botschaft, dass die Software mindestens so wichtig ist wie die Hardware, kam auch aus vielen der Tischrunden heraus, bei denen die Teilnehmer Vorschläge für die Wohnpolitik erarbeiteten. Für viele ist hier die Stadt Wien mit ihrem vielfältigen Angebot an Wohnpartnern und Stadtteilarbeitern ein Vorbild.

Übereinstimmung bei Deutschkursen

Und selbst im Streitgespräch zwischen zwei höchst unterschiedlichen politischen Proponenten – Andreas Rabl, dem FPÖ-Bürgermeister aus Wels, und Marina Hanke, Wiener Gemeinderätin und Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Wien – gab es zwar bei den Fragen der Aufnahmebereitschaft für neue Flüchtlinge und der Höhe der Mindestsicherung keine Übereinstimmung, sehr wohl aber bei der Bedeutung von Deutschkursen und anderen Integrationsmaßnahmen für jene Menschen, die im Land bleiben.

Dort dürfe nicht gespart werden, waren sich beide einig. Mit dem von den Teilnehmern zum Sieger gekürten Tischvorschlag "Weniger jammern, mehr kümmern" kann sich fast jeder identifizieren. (Eric Frey, 2.3.2016)

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