Merkel mit Ecken

Blog2. März 2016, 09:51
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Es reibt sich derzeit gut an der deutschen Kanzlerin. Aber Spott ist unangebracht: Politiker mit unpopulären Überzeugungen sollte es mehr geben

An Angela Merkel kann man sich momentan so richtig gut reiben. Nicht nur, wenn man Marcus Franz heißt und ein grenzwertiges Bild von der Welt und der Politik und ein jenseitiges von Frauen hat. Merkel bietet mit ihrer klaren und unerschütterlichen Haltung in der Flüchtlingspolitik die ideale Projektionsfläche für all jene, die an einer schnellen, nicht an einer nachhaltigen Lösung interessiert sind: Horst Seehofer, Sebastian Kurz, Johanna Mikl-Leitner und auch Werner Faymann zählen dazu.

Jene Europäer, die in Wahrheit längst auf Europa als Union pfeifen, nennen ihr vehementes Eintreten für ein gemeinsames europäisches Schultern der Fluchtproblematik zuweilen naiv, weltfremd, gar bizarr. Dass es auch moralisch "ehrenwert" ist, hat dabei fast schon einen negativen Beigeschmack.

Lackmustest Wahlen

So kann man das natürlich sehen, und man kann auch, wie die "Süddeutsche Zeitung", diesen verbalen Kraftakt als Camouflage bezeichnen: Denn innenpolitisch, argumentiert die "SZ", habe Merkel längst den Schwenk vollzogen, den sie außenpolitisch so geißle. Und, so mutmaßte auch DER STANDARD: Der Lackmustest steht erst an, wenn bei den Landtagswahlen in drei wichtigen deutschen Bundesländern der CDU jeweils eine Schlappe droht.

Man kann aber auch sehen, dass hier endlich einmal eine Politikerin steht, die an ihrer tiefen inneren Überzeugung ("man muss Flüchtlinge anständig behandeln") festhält und auch keine Angst vor Pathos hat, auch wenn ihr ein forscher Gegenwind ins Gesicht bläst. Und man kann einigermaßen erleichtert darüber sein, dass in der von Beratern, Image-Coachs und Meinungsforschern glattgeschmirgelten Politbranche noch hie und da ein Mensch auftaucht, der Ecken und Kanten aufweist – ohne gleich, wie etwa Donald Trump, ins Bizarre abzugleiten.

Nicht ganz unzufrieden

Merkels demonstrative Zuversicht gibt den verunsicherten Deutschen derzeit, trotz aller Probleme, offenbar mehr Halt, als ihre Gegner wahrhaben wollen. Das zeigen auch aktuelle Umfragen, in denen etwa gleich viele Deutsche ihrer Politik zustimmen, wie sie sie ablehnen, oder der Deutschlandtrend, laut dem die Zufriedenheit mit der Politik der Kanzlerin wieder steigt. Und es entspricht den Erhebungen der Bertelsmann-Stiftung, die herausgefunden haben will, dass die Vorbehalte und Ängste gegenüber Flüchtlingen vom Grunde her eher ein Elitenproblem denn eines der "kleinen Leute" seien.

Es ist jedenfalls eine erfrischende Abwechslung, einmal aus einem Politikerinnenmund Sätze zu hören wie dass es nicht die Aufgabe der Politik sei, die Welt zu beschreiben und fürchterlich zu finden. Denn genau das ist es, was die meisten Staatsmänner und -frauen in Europa derzeit tun – womit sie den politischen Zerfallsprozess der Union kräftig befeuern.

Es ist sehr gut möglich, dass Merkel scheitert, dass alles genau so kommt, wie sie es nicht möchte. Aber sie hat es wenigstens mit hohem Einsatz versucht. (Petra Stuiber, 2.3.2016)

  • Wer macht hier die kantigere Politik?
    reuters / yves herman

    Wer macht hier die kantigere Politik?

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