Bioethik-Expertin: "Debatten werden pragmatischer geführt"

Interview4. März 2016, 05:49
97 Postings

Barbara Prainsack forscht am King's College. Ein Gespräch über Unterschiede der Bioethikdebatte in Großbritannien und Österreich

STANDARD: Sie forschen als Sozialwissenschafterin und Bioethik-Expertin seit zehn Jahren in Großbritannien. Dort machten vor wenigen Wochen Forscher weltweit Schlagzeilen, die künftig mit der revolutionären Crispr/Cas9-Methode gezielt DNA-Sequenzen menschlicher Embryonen verändern dürfen. Wie hat man diese Entscheidung in Großbritannien kommentiert?

Prainsack: Diese Entscheidung wird zwar von einigen Leuten als problematisch angesehen. Aber mehrheitlich verweist man darauf, dass die Genehmigung ja nur zu Forschungszwecken ausgesprochen wurde und es nicht darum geht, die Embryonen in den Uterus einer Frau zu implantieren. Man vertraut darauf, dass die Zulassung allein Forschungen dient, die im konkreten Fall die Erfolge bei der künstlichen Befruchtung erhöhen sollen. Und das wird als ein legitimes Ziel wahrgenommen.

STANDARD: In Österreich scheint so etwas eher unmöglich. Woran liegt es, dass man in Großbritannien bei biomedizinischen Fragen so viel liberalere Positionen vertritt?

Prainsack: Die Unterschiede beginnen bereits beim Denken in diesen beiden Kategorien liberal versus konservativ. Der britischen Selbstwahrnehmung entspricht das im wissenschaftlichen Kontext nämlich gar nicht. Es gibt in der britischen Wissenschaft eine sehr lange empirische Tradition, die Auswirkungen darauf hat, wie man mit wissenschaftlicher, medizinischer und technologischer Innovation umgeht: nämlich mit viel Pragmatismus. Ich würde also nicht sagen, dass die Briten per se fortschrittsgläubiger oder liberaler sind.

STANDARD: Wie zeigt sich das in den öffentlichen Debatten?

Prainsack: Zum einen gibt es in Großbritannien grundsätzlich viel mehr öffentliche Diskussionen zu diesen Themen, zum anderen werden diese Debatten viel pragmatischer geführt. Man fragt sich meist, wie man etwas sinnvoll anwenden könnte und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Im deutschsprachigen Feuilleton hingegen geht man eher von Prinzipienfragen aus wie: "Darf man Gott spielen?"

STANDARD: Apropos: Welche Rolle spielen die Religion und die Kirche in den britischen Debatten?

Prainsack: Es gibt jedenfalls keine vergleichbare katholische Tradition und keine katholisch-theologische Bioethik, die den Embryo als absolut unantastbar erachtet. Natürlich gibt es immer wieder auch religiöse Argumente von Gruppierungen, die versuchen, Einfluss zu nehmen oder Lobbying zu betreiben, aber im Unterschied zu Österreich sind Theologen weniger stark in den britischen Kommissionen vertreten. Zuletzt hat sich ein Experte in so einem Gremium immer wieder auf die Bibel bezogen. Das wird gar nicht gern gesehen und gilt als unpassend.

STANDARD: Sie sind Mitglied der österreichischen Bioethikkommission. Was sind die größten Unterschiede zu britischen Kommissionen?

Prainsack: In Großbritannien gibt es nicht die eine Bioethikkommission wie in Österreich. Das Nuffield Council on Bioethics kommt dieser noch am nächsten, ist aber keine staatliche Organisation. Man muss sich dort auch bewerben, um Mitglied zu werden. Das ist stark meritokratisch organisiert und weniger nach Fachbereichen. Deshalb sind im Nuffield Council auch relativ viele Geistes- und Sozialwissenschafter vertreten. Was dort zählt, ist allein die inhaltliche Expertise.

STANDARD: Kommen wir auf die Methode Crispr zurück, die gerade für eine Art von biotechnischer Revolution sorgt, weil dadurch das Verändern von Genen so viel einfacher wird. Wie regulierbar ist Crispr überhaupt?

Prainsack: Gute Frage. Das Problem bei den neuen Möglichkeiten des "Genome Editing" ist ja gerade, dass es so niedrigschwellig ist. Sprich: Relativ viele Leute werden das machen können. Ein Kollege von mir, Christoph Bock, hat deshalb die Risiken, die von Crispr ausgehen könnten, mit der Gefahr durch Computerviren verglichen, was meines Erachtens keine schlechte Analogie ist: Computerviren zu schreiben und in Umlauf zu bringen ist verboten. Aber einige Leute können und machen es trotzdem.

STANDARD: Das klingt nicht allzu optimistisch.

Prainsack: Umso wichtiger sind öffentliche Diskussionen, warum man das nicht machen soll, um sich von vornherein möglicher Folgen bewusst zu sein. Man wird aber auch sehr viel stärker im Auge haben müssen, was außerhalb der Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen passieren könnte: Ein großes Problem sind sicher Anwendungen im militärischen Bereich und natürlich im Zusammenhang mit Bioterrorismus.

STANDARD: Sehen wir einmal von den missbräuchlichen Anwendungen ab: Wo könnte denn Crispr in Sachen Humanbiologie etwas zum Besseren verändern?

Prainsack: Einige meiner Studierenden in London argumentieren, dass wir gleichsam eine Pflicht hätten, diese Technologie anzuwenden. Denn dadurch könnten unsere Kinder nicht nur gesünder, sondern auch intelligenter und glücklicher werden. Mit anderen Worten: Könnte man womöglich ein individuelles und kollektives Recht ableiten, von diesem wissenschaftlichen Fortschritt zu profitieren? Auch geht es manchen Ethikern im Zusammenhang mit der künftigen Anwendung von Crispr weniger um die Frage Keimbahn oder Nicht-Keimbahn, sondern um die Frage Wiederherstellung oder Neuerfindung.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Prainsack: Wenn es bei einer Person oder in einer Familie zu einer Mutation kommt, dann könnte diese Mutation künftig per Genome Editing entfernt werden und damit der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden. Das wäre etwas anderes, als etwa ein neues mutiertes Gen einzubauen, im Sinne einer Neuerfindung. Das würde freilich auch einen völligen Paradigmenwechsel bedeuten: Dadurch würde sich die ethisch-politische Diskussion zum Thema Crispr von der Diskussion um die Embryonen lösen.

STANDARD: In China scheint man diesbezüglich noch liberaler zu sein als in Großbritannien.

Prainsack: Dieses Argument der genetischen Verbesserung wird in China jedenfalls sehr viel bedenkenloser verwendet als bei uns. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es dort keine vergleichbaren Erfahrungen mit Euthanasie und keine Verstrickungen von Genetikern und Medizinern in den organisierten Massenmord gibt wie im nationalsozialistischen Deutschland. Es würde vielen Leuten gar nicht in den Sinn kommen, das als eugenische Entscheidung zu sehen, sondern als eine, die man aus Sorge um das Wohl des Kindes trifft – nicht viel anders als die Wahl einer möglichst guten Schule.

STANDARD: Wir haben bis jetzt über die Anwendungen von Crispr im biomedizinischen Bereich gesprochen. Wie sieht es damit im Bereich der "grünen Gentechnik" aus? Viele Experten sehen die große Zukunft gerade in diesem Bereich.

Prainsack: Für die menschliche Sphäre sind die Anwendungen in der Humanbiologie natürlich sehr wichtig. Aber wenn man beginnt, die Ökosysteme und das Klima etwa mit durch Crispr manipulierte Organismen zu verändern, dann kann das schwerwiegende Folgen haben: auf die Umwelt und – beispielsweise über die Nahrungskette – dann doch auch wieder auf die menschliche Biologie. Wenn man diese Risiken eindämmen will, müsste man der Freisetzung von Organismen, die mit Crispr/Cas9 verändert wurden, möglichst Einhalt gebieten.

STANDARD: Sie haben sich in Ihren Forschungen auch sehr intensiv mit Biobanken befasst, die für eine andere große, von der Technologie angetriebene Innovation in der Biomedizin stehen. Was sind denn da die neuesten Trends?

Prainsack: Vor fünfzehn Jahren glaubte man noch, dass man mit dem Genom die Blaupause des Menschen habe und man vorhersehen könne, an welchen Leiden die Menschen erkranken werden. Daran glaubt heute niemand mehr. Das Genom ist bestenfalls die erste Geige in diesem Orchester des Organismus. Daneben gibt es auch noch das Epigenom, das Proteom oder das Mikrobiom, also die Mikroorganismen in unserem Körper. Aus diesen Gründen geht es um die Zusammenführung möglich vieler Gesundheitsdaten, was etwa Craig Venter mit seiner 2014 gegründeten Firma Human Longevity anbieten will.

STANDARD: Wie sieht sein Angebot konkret aus?

Prainsack: Venter will für seine Kunden einen digitalen Avatar anbieten. Für rund 25.000 Dollar bekommt man eine Art digitalen Doppelgänger, in den die Daten aus digitalen Bodyscans, genomische, mikrobiomische und epigenetische Informationen, Familiengeschichten, aber auch Umwelteinflüsse integriert werden. In diese Richtung wird wohl die Zukunft gehen: Wer hat das beste und anwendungsfreundlichste Angebot an integrierten Daten? Freilich ist der klinische Nutzen dieser Datenintegration noch gar nicht erbracht, weshalb es hier fast nur private Anbieter gibt.

STANDARD: Das ist ja auch bei den Anbietern von Gentests und Genom-Sequenzierungen nicht viel anders.

Prainsack: Richtig. Und darin sehe ich auch ein großes Problem. Eine der größten Firmen ist das kalifornische Unternehmen 23andMe, das von Anne Wojcicki mitgegründet wurde, der Ex-Frau von Google-Gründer Sergey Brin. Diese Firma hat im Juni 2015 ihr millionstes analysiertes Genom gefeiert. Damit hat 23andMe auch eine der größten DNA-Datenbanken weltweit. Da muss man sich schon fragen, warum eine private Firma, die noch dazu immer noch eng mit Google verbunden ist, über so viele Daten verfügen kann.

STANDARD: Worin sehen Sie bei den Tests von 23andMe die größten Probleme?

Prainsack: Ich würde nicht sagen, dass die Tests an sich unethisch wären. Problematisch ist viel eher, dass die Firma erstens eine Art von Monopolstellung hat und sie zweitens auch noch öffentliche Gelder erhält – mit der Begründung, dass 23andMe mittlerweile die besten Datensätze hat. Dazu kommt dann auch noch die offensichtliche Überrepräsentation von Weißen und Gebildeten in diesen Daten. Und als private Firma ist 23andMe auch nicht rechenschaftspflichtig gegenüber demokratisch legitimierten Institutionen.

STANDARD: Was wäre die Alternative?

Prainsack: Bessere Genomdatenbanken in öffentlichem Eigentum. Man weiß aus empirischen Untersuchungen, dass Menschen durchaus bereit sind, ihre Daten herzugeben, wenn andere Leute etwas davon haben. Bei den meisten privaten Biobanken verliert man die Rechte auf die eigenen Daten und damit das Mitspracherecht, was mit ihnen geschieht. Wenn ich mein Genom etwa bei 23andMe sequenzieren lasse, helfe ich bei der Wertschöpfung dieser Firma und muss auch noch dafür bezahlen. Insofern macht man vielleicht lieber bei einer öffentlich geförderten Biobank mit, die keine kommerziellen Interessen verfolgt und deren Daten auch anderen zugutekommen.

STANDARD: Der Staat stellt sich aber auch nicht immer sehr geschickt an, wenn es um das Sammeln und Verwalten von Gesundheitsdaten geht.

Prainsack: Leider. Ein ganz schlechtes Beispiel ist die Initiative care.data des britischen National Health Service. 2014 hat man die medizinischen Daten der englischen Patienten in dieses neue elektronische System überführen wollen, aus dem man sich rausoptieren konnte. Nicht nur war das Rausoptieren praktisch sehr schwierig. Zudem gab es auch Pläne, die Daten an Private zu verkaufen. Das löste einen Riesenskandal aus, weshalb man die ursprünglichen Pläne wieder rückgängig machen musste. (Klaus Taschwer, 4.3.2016)


Barbara Prainsack (40) studierte Politikwissenschaften in Wien und forscht seit fast zehn Jahren in England. Zurzeit ist sie Professorin für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften, Gesundheit und Medizin am renommierten King's College in London. Kürzlich erschien ihr Buch "Das Solidaritätsprinzip. Ein Plädoyer für eine Renaissance in Medizin und Bioethik" (mit Alena Buyx). Sie ist Mitglied der österreichischen Bioethikkommission.

  • "Das Problem bei den neuen Möglichkeiten des 'Genome Editing' ist ja gerade, dass es so niedrigschwellig ist", sagt die Bioethik-Expertin Barbara Prainsack.
    foto: standard/corn

    "Das Problem bei den neuen Möglichkeiten des 'Genome Editing' ist ja gerade, dass es so niedrigschwellig ist", sagt die Bioethik-Expertin Barbara Prainsack.

Share if you care.