Mautner-Markhof-Gründe: Erst Gurkerl, dann Wohnen

4. März 2016, 05:30
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Auf den ehemaligen Mautner-Markhof-Gründen errichteten ÖSW und Familienwohnbau ein Holzverbundhaus für Senioren und Migranten

Früher wurden hier Senf und Essiggurkerln produziert. Heute befindet sich auf dem 80.000 Quadratmeter großen Areal des 1841 gegründeten Traditionsbetriebs Mautner Markhof ein Wohnpark mit rund 750 Wohnungen. Mit ein bisschen Fantasie könnte man behaupten, dass ein paar davon die Idee der Gurkerlproduktion bis zum heutigen Tage auf materielle Weise weiterleben lassen. Doch der Reihe nach.

Nachdem das Familienunternehmen 2002 seinen Betrieb eingestellt hatte und teilverkauft worden war, stand plötzlich ein wertvolles Stücken Stadt für eine Neunutzung zur Verfügung. Im Zuge eines vom Wohnfonds Wien ausgelobten Bauträgerwettbewerbs unter dem Titel "Wohnen mit kultureller Vielfalt" kamen sieben Architekten und sieben gemeinnützige Bauträger zum Zug.

Das Österreichische Siedlungswerk (ÖSW) und der Bauträger Familienwohnbau errichteten mit dem Wiener Architekturbüro Tillner & Willinger zwei Hausskulpturen mit 60 klassischen Wohnungen, 25 betreubaren Wohneinheiten und einer Senioren-WG, die vom Wiener Hilfswerk betrieben werden.

Schönes Holz

"Manche sagen, das ist das schönste Haus auf dem ganzen Areal", sagt Architekt Alfred Willinger. "Und das freut uns sehr, denn wir haben uns dafür starkgemacht, das Projekt in Holzverbund-Bauweise zu errichten." Die beiden Hölzer Fichte und Lärche sind an der Fassade gut ersichtlich und lassen das Projekt von manchen Blickwinkeln aus wie eine balkonumrankte Holzschatulle erscheinen.

Das Holz dient nicht nur der Optik und der Atmosphäre, sondern hat auch funktionale Gründe. "Wir wollten ein flexibles Haus planen, das jederzeit auf kulturelle Bedürfnisse und unterschiedliche Wohnvorstellungen reagieren kann", so Willinger. "Daher haben wir eine schlanke Tragkonstruktion aus Stahlbeton errichtet, die mit vorgefertigten und jederzeit leicht veränderbaren Holzelementen ausgefacht wurde."

Die Mehrkosten für das deutlich teurere Holz konnten auf indirekte Weise wieder wettgemacht werden: Nachdem die Außenwände dank der Leichtbaukonstruktion um zehn bis 15 Zentimeter dünner als eine klassisch gedämmte Stahlbetonwand ausfielen, wurde im gleichen Volumen mehr vermietbare Wohnnutzfläche geschaffen. Die Baukosten pro Quadratmeter sind unterm Strich die gleichen.

Wohnwünsche und Wohnungsattribute

"Die Integration bei diesem Projekt betrifft aber nicht nur die unterschiedlichen Ethnien, Kulturen und Lebensumstände", meint ÖSW-Vorstand Michael Pech, "sondern auch die Tatsache, dass die Interessenten und künftigen Bewohnerinnen bereits in den Planungsprozess eingebunden wurden." Über eine Projekt-Website konnten damals Wohnwünsche und Wohnungsattribute kundgetan werden, die in die Planung der Architekten einflossen.

"Mit 33 Prozent Migrationsanteil funktioniert die Integration in dieser Wohnhausanlage sehr gut, allerdings braucht es bei so vielen Menschen mit Betreuungsbedarf und Migrationshintergrund von Anfang an eine gute sozialwissenschaftliche Beratung und Betreuung", so Pech. Und die Sache mit dem Gurkerl? Holz braucht man eben nicht nur zum Bauen, sondern auch, um Essigsäure herzustellen. Ersteres ist nachhaltiger. (Wojciech Czaja, 4.3.2016)

  • Die Leichtbauweise in Holz hat dünne Außenwände und somit auch mehr Wohnnutzfläche zur Folge. Den Wohnungsmix konnten die künftigen Bewohner über eine Projekt-Website selbst mitbestimmen.
    foto: rupert steiner

    Die Leichtbauweise in Holz hat dünne Außenwände und somit auch mehr Wohnnutzfläche zur Folge. Den Wohnungsmix konnten die künftigen Bewohner über eine Projekt-Website selbst mitbestimmen.

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