Warum Eltern keine Kannibalen sind

5. März 2016, 08:00
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Bei den einen hält sich ein Männchen mehrere Weibchen, die anderen leben monogam und ohne Seitensprung: Buntbarsche wecken das Interesse von Verhaltensforschern

Wien – Wie wir seit geraumer Zeit wissen, geht nicht nur die vermeintlich lebenslang treue Graugans fallweise fremd, auch mit der Monogamie anderer Vogelarten ist es nicht allzu weit her: Durchschnittlich elf Prozent der Kinder eines Brutpaares stammen nicht vom Vater, der sie füttert. Ähnliche Zahlen vermutet man übrigens auch für Menschen. Kaum hat man sich an die Idee gewöhnt, dass es in der Biologie keine Treue gibt, überrascht eine sonst eher unromantische Gruppe sowohl damit als auch mit erstaunlich kulantem Verhalten gegenüber fremdem Nachwuchs: Fische.

Buntbarsche oder Cichliden sind eine extrem formenreiche Gruppe, die mit hunderten Arten vor allem die großen afrikanischen Seen besiedelt. Zwei dieser Arten fielen Franziska Lemmel-Schädelin vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Zuge von Feldforschungen im Tanganjikasee besonders auf, nämlich Neolamprologus caudopunctatus und Neolamprologus pulcher. Beide sind mit maximal 65 Millimeter Körperlänge recht klein, bewohnen sandig-felsigen Untergrund in bis zu 40 Meter Tiefe, ernähren sich von Plankton und brüten unter Steinen oder in Felsritzen. Außerdem haben sie dieselben Feinde im See, gegen die sie ihre Gelege und ihre Jun- gen entschlossen verteidigen.

Unter diesen Umständen, so schien es Lemmel-Schädelin, sollte man eigentlich erwarten, dass sie auch in allen anderen Belangen eine ähnliche Lebensweise pflegen. Dem ist jedoch nicht so: Während bei N. pulcher ein Männchen mehrere Weibchen haben kann, brütet N. caudopunctatus zwar in Kolonien, ist dabei aber monogam, und zwar ganz ohne Seitensprünge. Zusätzlich werden Brutpaare von N. pulcher bei der Nestverteidigung von bis zu 20 Helfern unterstützt, wohingegen N.-caudopunctatus-Paare die zeit- und energiezehrende Aufgabe ganz allein bewältigen.

In einem eben angelaufenen Projekt, das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützt wird, wollen Lemmel-Schädelin und ihre Kollegen nun herausfinden, wie flexibel das Brutverhalten der beiden Arten ist. Zu diesem Zweck werden die Lebensumstände der Fische im Labor heftig manipuliert: In einem ersten Experiment, das Filipa Cunha-Saraiva in Lemmel-Schädelins Gruppe im Rahmen ihrer Doktorarbeit durchführt, wird bei 34 Paaren von N. caudopunctatus jeweils die Hälfte der Brut gegen eine fremde ausgetauscht und die Reaktion der Eltern beobachtet.

Prinzipiell haben Buntbarsche keine Hemmungen, fremde Eier und Jungfische zu fressen, allerdings nicht, wenn sie selbst Mütter und Väter sind. Tatsächlich verteidigt N. caudopunctatus in freier Natur häufig fremde Jungfische gemeinsam mit den eigenen. Auch im aktuellen Versuch akzeptieren die Brutpaare die ihnen untergeschobenen Eier. Ob sie imstande sind, die fremden als solche zu erkennen, ist noch nicht geklärt, von einigen Buntbarsch-Arten weiß man aber, dass sie das sehr wohl können.

Friedfertiger Laichimpuls

In einem anderen Versuch wurden ganze Gelege in die Bruthöhlen von Paaren transferiert, die selbst kurz vor der Eiablage standen – mit dem Resultat, dass alle Eier sofort gefressen wurden. "Offenbar brauchen sie den Impuls des Laichens, um den Kannibalismus auszuschalten. Wenn sie nicht selber gelegt haben, sind sie keine Eltern", sagt Lemmel-Schädelin. Für die friedfertige Wirkung des Laichens spricht ein weiteres Experiment, bei dem die Brut gleich nach der Eiablage entfernt und erst nach unterschiedlich langen Zeitspannen zurückgegeben wird. Nach vorerst drei Stunden Abwesenheit wurde der Nachwuchs klaglos akzeptiert – und zwar egal, ob es sich um den eigenen oder fremden handelte. Immer längere Abwesenheit soll zeigen, wie lang die elterliche Fürsorge aufrechtbleibt.

Dass N. caudopunctatus seinen elterlichen Schutz häufig auch auf fremden Nachwuchs ausdehnt, konnte Lemmel-Schädelins Gruppe in einem früheren, ebenfalls vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt zeigen. Dabei untersuchte sie eine aus 118 Nestern bestehende N.-caudopunctatus-Kolonie im Tanganjikasee und stellte fest, dass ganze 59 Prozent von 32 untersuchten Bruten völlig unverwandten Nachwuchs enthielten. Dieser wurde von den Nestbesitzern jedoch gemeinsam mit dem eigenen verteidigt und damit per definitionem adoptiert: "Adoption ist, wenn Individuen in Abwesenheit der genetischen Eltern für nichtverwandte Kinder sorgen", sagt Lemmel-Schädelin.

Gezielt in fremde Nester

DNA-Untersuchungen zeigten, dass diese Adoptivkinder teilweise von bis zu 40 Meter entfernten Gelegen stammten, und der See ist voller Räuber. "Dass die Jungfische selbstständig in das fremde Nest geraten sind, ist so wahrscheinlich, wie dass ein Kleinkind eine verkehrsreiche Stadt ohne Unfall durchquert", meint Lemmel-Schädelin. Wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht bewiesen ist, dass die genetischen Eltern die Jungen im Maul gezielt in fremde "Haushalte" bringen.

Was sie dazu bewegt, ist unklar. Denkbar ist, dass es sich um Tiere handelt, die ihren Partner verloren haben und daher wenig Chancen haben, ihre Brut erfolgreich aufzuziehen. Für die Adoptiveltern hält sich der Aufwand in Grenzen. Ein paar Jungfische mehr zu verteidigen dürfte keinen Unterschied machen. Eventuell profitieren sie sogar davon: je größer der Schwarm der Jungfische, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die, die gefressen werden, nicht die eigenen sind. Von einer anderen Buntbarsch-Art (Cichlasoma nigrofasciatum) weiß man, dass sie Jungfische akzeptiert, die kleiner sind als ihre eigenen, größere aber vertreibt – ebenfalls belegt ist, dass kleinere häufiger gefressen werden. (Susanne Strnadl, 5.3.2016)

  • Neolamprologus caudopunctatus ist mit maximal 65 Millimeter Körperlänge eine kleinere Buntbarsch-Art. Die Fische bewohnen sandig-felsigen Untergrund in bis zu 40 Meter Tiefe, wie hier im Tanganjikasee, der zwischen Kongo, Tansania, Sambia und Burundi liegt.
    foto: stefanie schwammberger

    Neolamprologus caudopunctatus ist mit maximal 65 Millimeter Körperlänge eine kleinere Buntbarsch-Art. Die Fische bewohnen sandig-felsigen Untergrund in bis zu 40 Meter Tiefe, wie hier im Tanganjikasee, der zwischen Kongo, Tansania, Sambia und Burundi liegt.

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