Gen für graue Haare entdeckt

1. März 2016, 17:17
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Forscher untersuchten Kopf- und Gesichtsbehaarung von 6000 Südamerikanern

London/Wien – Graue Haare gelten oft als ästhetisches Manko. Das mag daran liegen, dass sie vor allem mit fortschreitendem Alter und Stress in Verbindung gebracht werden, und selbst das Sprichwort rät davon ab, sich graue Haare wachsen zu lassen. Allerdings sind nicht nur äußere Umstände für das Ergrauen der Haarpracht verantwortlich, wie ein internationales Forschungsteam berichtet.

Um Gene zu identifizieren, die Haareigenschaften beeinflussen, untersuchten die Wissenschafter mehr als 6000 Personen aus fünf lateinamerikanischen Ländern. Unter deren Vorfahren waren amerikanische Ureinwohner, Europäer und Afrikaner, was für eine große Variationsbreite an Haarfarben und Strukturen in der Stichprobe sorgte.

Weshalb sich beim Menschen überhaupt so viele verschiedene Haartypen ausgebildet haben, hat wohl evolutionäre Gründe. "Es wird schon lange vermutet, dass Haareigenschaften durch Selektion beeinflusst wurden", sagt Erstautor Kaustubh Adhikari vom University College London. Haare besitzen so verschiedene Funktionen wie Temperaturregulation und das Übermitteln sozialer Signale, daher könnten bestimmte Ausprägungen je nach Umgebung vorteilhaft gewesen sein. Durch natürliche oder sexuelle Selektion – sprich: Partnerwahl – führte dies wahrscheinlich zu den facettenreichen Ausprägungen. "Wir haben bei unserer Studie statistische Hinweise im Genom gefunden, die diese Ansicht unterstützen", so Adhikari.

Kosmetischer und forensischer Nutzen

Zudem identifizierten die Autoren erstmals ein Gen, das mit dem Ergrauen von Haaren zusammenhängt, wie sie in der Fachzeitschrift "Nature Communications" schreiben. IRF4 heißt der Übeltäter, der unter anderem die Produktion und Speicherung des Pigments Melanin reguliert. Wie genau er aber dessen folgenreiche Abwesenheit bewirkt, muss noch erforscht werden. "Das könnte ein gutes Modell abgeben, um Aspekte des biologischen Alterns zu verstehen", sagt Studienleiter Andrés Ruiz-Linares. "Der Einfluss von IRF4 könnte auch relevant sein für die Entwicklung von Möglichkeiten, das Ergrauen der Haare aufzuhalten oder hinauszuzögern.

foto: kaustubh adhikari, emiliano bellini, andres ruiz-linares
Bildhafte Zusammenfassung der Forschungsergebnisse: Verschiedene Gene beeinflussen Gesichts- und Haupthaar. Für die Ausbildung einer Monobraue scheint nach derzeitigem Wissen nur das Gen Pax3 verantwortlich zu sein.

Bei männlichen Probanden wurden auch Gene identifiziert, die in Zusammenhang mit Bartdichte, Augenbrauendicke und der Veranlagung für zusammengewachsene Augenbrauen – die berüchtigte Monobraue – stehen. Genauer untersucht wurde eine genetische Variante, die die Welligkeit von Haupthaar beeinflusst. "Das PRSS53-Enzym wirkt in dem Teil des Haarfollikels, der die wachsende Haarfaser formt", erklärt Desmond Tobin von der Universität Bradford. "Die neue Genvariation wird mit glattem Haar bei Ostasiaten und amerikanischen Ureinwohnern assoziiert und unterstützt die Ansicht, dass die Selektion auf Haarform relativ jung in der Familie der Menschen ist." In Europa ist ein anderes Gen für glattes Haar verantwortlich – diese Eigenschaft ist also mindestens zweimal unabhängig voneinander entstanden.

Die Studie kann jedoch nicht nur für kosmetische Anwendungen interessant sein, sondern auch für forensische, wie Adhikari meint. Es wird an der Entwicklung von Technologien geforscht, bei denen mittels DNA-Probe das Aussehen unbekannter Personen rekonstruiert werden soll. Bisher benutzte man hierfür nur Proben von Menschen europäischer Abstammung, die neuen Ergebnisse könnten aber bei Personen aus Lateinamerika hilfreich sein. (sic, 1.3.2016)

  • Nicht immer gelten graue Haare als unattraktiv – letzten Endes bleibt dies aber eine Geschmacksfrage.
    foto: evan agostini / invision / ap

    Nicht immer gelten graue Haare als unattraktiv – letzten Endes bleibt dies aber eine Geschmacksfrage.

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