Nur jeder zweite Chef sieht Frauen als Gewinn

2. März 2016, 05:30
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Lediglich ein Viertel der mittelständischen Firmen fördert Frauen aktiv, ergibt das aktuelle Mittelstandsbarometer von EY

Drei Viertel der Führungspositionen im heimischen Mittelstand sind in Männerhand. Woran liegt das? Die Antwort ist schon lang bekannt und aktuell im Mittelstandsbarometer von EY erneut gegeben: "Wir finden keine geeigneten weiblichen Fachkräfte." Das ist auch aus den männlich dominierten Aufsichtsgremien bekannt – auch dort die immer gleiche Erklärung: "Wir würden ja, fänden wir nur ..."

Je umsatzstärker die Firma, desto frauenfreundlicher äußern sich die Chefs, und auch branchenspezifische Unterschiede sind deutlich: Im Handel sind demnach aktuell etwa 30 Prozent der Führungsjobs mit Frauen besetzt, im Bereich Bau/Energie nur 19.

Elfriede Baumann, Partnerin bei EY und verantwortlich für die hauseigene Initiative "Women. Fast. Forward." versucht es mit der Glas-halb-voll-Perspektive: Es sei ein positives Signal, dass die Hälfte der Firmenlenker glaubt, dass ein höherer Frauenanteil in Führungspositionen den Unternehmenserfolg "tendenziell" erhöhe.

Weiter: Nur jeder vierte Chef verneine einen solchen Zusammenhang kategorisch.

Nur ein Viertel fördert aktiv

Zurück zur positiven Sicht auf das Bewusstsein: Wie setzt sich dieses in Einstellungs- und Beförderungspolitik um? Baumann appelliert: "Es ist im ureigenen Interesse von Unternehmenslenkern, eine offene Unternehmenskultur zu entwickeln, in der Vielfalt tatsächlich gelebt wird und kein Lippenbekenntnis ist."

Der Weg scheint überwiegend noch zu beschreiten angesichts der Ergebnisse, dass nur ein Viertel der untersuchten 900 Mittelständler Frauen aktiv fördert. In der Dienstleistung sind es 33 Prozent, in der Industrie nur 23. Dabei sind die zwecks Frauenförderung ins Treffen geführten Instrumente durchaus auch zu diskutieren in ihrem "Frauenfokus": Zuallererst werden flexible Arbeitszeitmodelle genannt.

Dies nach jahrelanger Diskussion über Arbeitgeberattraktivität für Männer und Frauen, im Zuge derer immer wieder die Möglichkeit nach flexiblerem Arbeiten statt Stechuhrregime von beiden Geschlechtern ganz oben auf die Wunschliste gereiht wird – nicht nur von jungen sogenannten High Potentials.

Instrument Nummer zwei ist auch interessant: "Aktive Verringerung von Gehaltsunterschieden zwischen Frauen und Männern in gleicher Position": Indirekt wird somit ein Gender Pay Gap bestätigt. Ein solcher wird in anderen Umfragen bei anderer Fragestellung regelmäßig verneint und Faktoren wie Teilzeit, Kinderpause und Unvergleichbarkeit der Positionen zugeschrieben. Acht Prozent sensibilisieren ihre Führungskräfte, vier Prozent haben eigene Frauennetzwerke. (Karin Bauer, 2.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Hilfe auf der Karriereleiter? Die Chansonsängerin und Schauspielerin Helen Vita fragte sich das in den 60ern möglicherweise auch.
    foto: imago

    Hilfe auf der Karriereleiter? Die Chansonsängerin und Schauspielerin Helen Vita fragte sich das in den 60ern möglicherweise auch.

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