Der fleischfressende Dinosaurier aus der Schublade

11. März 2016, 17:56
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Ein Fund aus Marokko könnte dazu beitragen, ein über 100 Jahre altes paläontologisches Rätsel zu lösen

London/Bologna – Vor elf Jahren erhielt das Museum für Geologie und Paläontologie in Palermo den Oberschenkelknochen eines großen fleischfressenden Dinosauriers, der in Marokko gefunden worden war. Seitdem befand sich das Fossil in der Warteschleife – oder genauer gesagt einer Schublade –, ehe nun der am Imperial College London studierende Paläontologe Alessandro Chiarenza zusammen mit einem Kollegen von der Universität Bologna die Erlaubnis erhielt, den Fund zu untersuchen.

Der Fund

Es stellte sich heraus, dass das Fossil gleich in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Es stammt von einem Tier aus der Gruppe der Abelisauridae: Fleischfressenden Theropoden aus der Kreidezeit, für die ein kurzer, hoher Schädel, kleine Spitzzähne und Stummelärmchen typisch waren. Der bekannteste Vertreter dieser Gruppe dürfte der Carnotaurus sein, der auf der Stirn zwei Hörner trug. Heute vermutet man, dass diese Tiere auch gefiedert waren.

Das Exemplar aus Marokko, das aus der späten Kreidezeit stammt, dürfte zu Lebzeiten etwa neun Meter lang gewesen sein und ein bis zwei Tonnen gewogen haben – laut den Forschern zählt es damit zu den größten Vertretern seiner Gruppe. Sein typischer Lebensraum waren von Flüssen und Sümpfen durchzogene Savannen, wo es Jagd auf im Wasser lebende Tiere wie Schildkröten oder Krokodile machte. Auf Abelisaurus-Lebensgewohnheiten konnte man bereits aus Funden aus anderen Regionen schließen. Dieses Wissen hilft nun möglicherweise dabei, ein über 100 Jahre altes Rätsel der Paläontologie zu lösen.

Das Rätsel der Kem Kem Beds

1912 stieß der deutsche Paläontologe Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach auf eine fossilienreiche geologische Formation im Südosten Marokkos, die sogenannten Kem Kem Beds. Dort fanden sich die Überreste einer Vielzahl großgewachsener Theropoden aus ganz unterschiedlichen Gruppen, von Carcharodontosaurus bis hin zum Spinosaurus. Und nun eben auch ein beinahe ebenso großer Abelisaurus.

Forscher standen damit vor der Frage, wieso sich all diese Räuber nicht gegenseitig zu Tode konkurrenzierten. Es ist, als würden sich heute in ein- und demselben Gebiet nicht nur Löwen und Hyänen – eine bekannt brisante Nachbarschaft – um dieselbe Beute streiten, sondern auch noch Tiger, Jaguare, Grizzlys und Eisbären mitmischen.

Mittlerweile weiß man allerdings, dass die einzelnen Theropoden jeweils unterschiedliche Habitate bevorzugten. Die Forscher vermuten daher, dass die Kem Kem Beds die kreidezeitliche Wirklichkeit verzerrt widerspiegeln. Die einzelnen Theropoden dürften sehr wohl räumlich klar voneinander getrennt gelebt haben – allerdings in einem sehr wechselhaften Lebensraum, in dem ein Ort mal der einen, mal der anderen Gruppe ideale Bedingungen bot. Dieser stete Wechsel wurde dann in der Fundstätte vermischt und die exakte Chronologie war nicht mehr erkennbar, was zum falschen Eindruck führte, all die mächtigen Räuber hätten zeitgleich nebeneinander gelebt. (jdo, 11. 3. 2016)

  • Größenvergleich zwischen dem Abelisauriden aus Marokko und ... soll das etwa Alfred Hitchcock sein??
    illustration: imperial college london/davide bonadonna

    Größenvergleich zwischen dem Abelisauriden aus Marokko und ... soll das etwa Alfred Hitchcock sein??

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