Apothekerkammer warnt vor rezeptfreien Arzneimitteln in Drogerien

1. März 2016, 11:04
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Verkauf einiger Topprodukte wäre "Wettbewerbsverzerrung", sagt Kammerpräsident Max Wellan

Wien – Die Drogeriemarktkette dm will rezeptfreie Medikamente verkaufen dürfen, und zwar deutlich billiger als in Apotheken. Mit einem Gutachten des Verfassungsrechtlers Heinz Mayer wurde nun ein Individualantrag beim Verfassungsgerichtshof eingereicht.

Seit Ende Juni 2015 ist es auch in Österreich möglich, rezeptfreie Medikamente online bei öffentlichen Apotheken zu ordern. Dass Drogerien keine rezeptfreien Medikamente verkaufen dürfen, ist für Mayer verfassungswidrig, weil es keinen sachlichen Unterschied gebe, der diese rechtliche Ungleichbehandlung rechtfertigen könnte.

Der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, Max Wellan, hat nun zum Vorstoß von dm Stellung bezogen: Er warnt "vehement" vor einem Verkauf von Arzneimitteln außerhalb von Apotheken. In der von dm geforderten Freigabe des Verkaufs von rezeptfreien Arzneimitteln sieht er eine Wettbewerbsverzerrung und eine Gefahr für die Gesundheit. Auch für die Versorgung wäre eine Marktöffnung "langfristig ein Problem".

Wellan spricht von "Beratungsdiebstahl"

Beim Online-Verkauf von Medikamenten, der derzeit nur von Apotheken betrieben werden darf, haben diese laut Wellan die Pflicht, aktiv nachzufragen, wenn sie Gesundheitsrisiken vermuten. Das sei mit der von dm geplanten Möglichkeit einer Hotline zu einem Pharmazeuten beim Verkauf in Drogerien gar nicht vergleichbar.

Bei jedem fünften Aspirin-Verkauf ergebe sich im Gespräch, dass es im konkreten Fall des Käufers falsch angewendet würde, erläutert Wellan. "Fragen Sie dann an der dm-Kassa nach bei Unverträglichkeiten, Schwangerschaft oder wenn sie morgen einen Zahnarzttermin haben, ob sie das Medikament einnehmen können?" Wenn die Medikamente in der Drogerie verkauft würden, die Beratung aber dann erst in der Apotheke erfolgen müsse, weil die Kassierin eben keine Pharmazeutin sei und die Fragen nicht beantworten könne, wäre das für den Apothekerkammer-Chef "Beratungsdiebstahl".

Der Apothekerkammer-Präsident sieht auch die Versorgung der Bevölkerung durch ein dichtes Netz an Apotheken in Gefahr. Würde man einzelne Produkte herausnehmen, die viel Umsatz generieren, wäre das eine "Wettbewerbsverzerrung". "Wer macht denn die Nachtdienste? Wer hat 4.000 Medikamente auf Lager und nicht nur einige Renner? Wer stellt selbst Arzneimittel her? Wer betreut die Suchtkranken?" Alle diese Apothekertätigkeiten erfolgten im Interesse des Gemeinwohls, so Wellan.

Problematische Selbstmedikation

Der Interessensverteter fürchtet auch einen Verkauf von Arzneimitteln nach dem Multipack-Aktionen-Prinzip: "Kauf zwei Packungen, die dritte ist gratis." Die Apotheker wollten aber einen vernünftigen Umgang mit Arzneimitteln. "Medikamente gehören in die Apotheke. Jedes einzelne Medikament kann bei falscher Anwendung, bei falscher Dosierung oder falscher Kombination zu gesundheitlichen Problemen führen", betont Wellan.

Die Apothekerkammer verweist warnend auf Länder, wo Medikamente bereits jetzt über Supermärkte angeboten werden: Beispielsweise in den USA gingen aufgrund dieser unkontrollierten Abgabe bereits 28 Prozent aller Spitalsaufenthalte auf falsch eingenommene Arzneimittel zurück. Allein in Kalifornien gebe es pro Jahr 60 Lebertransplantationen bei Kindern wegen Paracetamol (ein dort im Supermarkt erhältliches Medikament) aufgrund von Überdosierung durch die Eltern. (APA, 1.3.2016)

  • Die Drogeriemarktkette dm fordert den Verkauf von rezeptfreien Medikamenten – und zieht nun vor dem Verfassungsgerichtshof. Die Apothekerkammer hält das für keine gute Idee.
    foto: apa/barbara gindl

    Die Drogeriemarktkette dm fordert den Verkauf von rezeptfreien Medikamenten – und zieht nun vor dem Verfassungsgerichtshof. Die Apothekerkammer hält das für keine gute Idee.

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