OECD-Experte: Mehr tun für bessere Jobqualität

Interview2. März 2016, 14:09
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Brauchen wir angesichts der Rekordarbeitslosigkeit lediglich mehr Jobs? Nein, auch die Qualität sei entscheidend, sagt Christopher Prinz

STANDARD: Wir haben eine Rekordarbeitslosigkeit. Sie finden, man sollte die Arbeitsplatzqualität stärker im Fokus haben. Ist das nicht der falsche Zeitpunkt?

Prinz: Es gab immer wieder die Vermutung, dass wir uns entscheiden müssen, ob wir mehr Jobs oder gute Jobs wollen. Die Analysen, die wir bisher gemacht haben, haben eindeutig gezeigt, dass man sich nicht entscheiden muss. Das kann sehr wohl Hand in Hand gehen.

STANDARD: Was bedeutet überhaupt gute Qualität?

Prinz: Wir verstehen unter guter Arbeit das Zusammenspiel aus Lohnsicherheit, Arbeitsbedingungen und Arbeitsmarktsicherheit. Ein Job soll adäquat bezahlt sein, eine gute Balance aus Arbeitsanforderungen wie Arbeitsdruck, Arbeitszeiten, physischen und psychischen Anforderungen sowie Ressourcen zur Unterstützung wie Managementpraktiken, oder Weiterbildungsmöglichkeiten bieten. Und im Falle des Jobverlusts soll eine ausreichende Absicherung gegeben sein.

STANDARD: Abgesehen von den Arbeitsbedingungen schnitt Österreich zuletzt recht gut ab. Sie arbeiten daran, international vergleichbare Daten zu finden. Was ist da schon passiert?

Prinz: In vielen G20-Meetings ging es in den letzten Jahren sehr viel um Arbeitsmarktfragen, nachdem die Arbeitslosenrate höher war als je zuvor. Unser Job-Quality-Framework – Arbeitsmarktsicherheit, Arbeitsbedingungen und Lohnsicherheit – wurde akzeptiert als eine Basis zukünftiger Analysen in diesem Bereich.

STANDARD: Mit welchem Ziel?

Prinz: Wir arbeiten bei der OECD mehr und mehr auch mit Nicht-OECD-Ländern und G20-Ländern zusammen. Gerade im Bereich der Arbeitsbedingungen haben wir noch einen großen Mangel an vergleichbaren Daten. Bislang nutzen wir einen EU-Survey und sind jetzt dabei, sicherzustellen, dass es Daten auch aus Nicht-EU-Ländern gibt. Auch was abgefragt wird, wollen wir mittel- und langfristig stärker harmonisieren – damit die Daten so gut und so vergleichbar sind wie jene zur Quantität von Beschäftigung.

STANDARD: Haben Sie eine These, was herauskommen wird?

Prinz: Die Vermutung, die wir aufgrund der bisherigen Daten haben – dass es überhaupt keinen Zielkonflikt gibt –, wird sich erhärten. Man könnte sehr viel mehr tun, um die Jobqualität zu verbessern. Wir hätten sehr viel stärkere Argumente für manche Schlussfolgerungen.

STANDARD: Inwieweit wird das Thema Jobqualität wahrgenommen?

Prinz: In gewisser Weise hat uns die Krise wohl in die Hand gespielt. Es wird mehr gesehen, dass auch Aspekte der Jobqualität eine Rolle spielen. Man kommt ein bisschen weg von der engen Sicht auf die Quantität der Beschäftigung. Man sollte die Qualitätsfrage immer mitdenken, weil sich doch in den letzten Jahren viele Dinge auch verschlechtert haben.

STANDARD: Der Druck ist auch bei den Unternehmen recht hoch. Kann man ihnen abverlangen, auch noch auf das Wohl der Mitarbeiter zu schauen?

Prinz: Wir wollen uns in den nächsten Jahren anschauen, wieweit die Qualität der Arbeit auch entscheidend ist für die Produktivität. Es gibt starke Hinweise, dass wir uns dann nicht nur besser fühlen, sondern dass das wirklich zu höherer Produktivität und Arbeitsleistung führt. In diesem Kontext ist Gesundheit ein sehr wichtiger Faktor.

STANDARD: Psychische Probleme von Arbeitnehmern, die sich in verminderter Produktivität und Kosten für Unternehmen niederschlagen, verringern Österreichs Wirtschaftsleistung im Jahr um etwa 3,6 Prozent des BIP, hat die OECD im Herbst errechnet. Was ist verbesserungswürdig in Österreich?

Prinz: Wir haben zwar sehr gute gesetzliche Rahmenbedingungen, etwa in arbeitsmedizinischer Hinsicht oder beim Arbeitsschutz. Was aber völlig fehlt, ist, wie mit gesundheitlichen Problemen umgegangen wird. Das ist bei uns völlig aus der Wirklichkeit ausgegliedert. Wenn man krank ist, lässt man sich krankschreiben, der Arbeitgeber hat keine Information, was los ist, und wenn man gesundgeschrieben ist, kommt man wieder zurück. Es gibt keinerlei fließende Übergänge in die eine oder andere Richtung. Schwierig ist das vor allem bei psychischen Belastungen.

STANDARD: Wo liegt das Problem?

Prinz: Wenn jemand krank ist, hat der Arbeitgeber in Österreich keine Rechte zu fragen, was dahintersteht. In vielen Ländern gibt es eine Vorgangsweise, was zu geschehen hat, damit man die Menschen möglichst schnell und auch graduell auf den Arbeitsplatz zurückbringen kann. Wenn jemand nicht am Arbeitsmarkt ist, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass er jemals zurückkommt, mit der Dauer der Absenz sehr rasch ab. Das ist höchst kostspielig für die Allgemeinheit, aber auch für den Arbeitgeber. Es wäre im Sinne des Arbeitgebers, sehr frühzeitig das Gespräch und mögliche Lösungen zu suchen. Man könnte über die Arbeitsfähigkeit sprechen und darüber, ob der oder die Betroffene vielleicht den falschen Job in der Firma hat oder ob es Dinge gibt, die man ändern könnte. Die Krankenstanddiagnose ist dabei unerheblich. Da gibt es einen großen Mangel an einer Unternehmenskultur, die sich mit dem Thema auseinandersetzen darf.

STANDARD: Was konkret passiert in anderen Ländern?

Prinz: In den skandinavischen Ländern gibt es klare Regeln, ab welchem Zeitpunkt wer informiert werden muss und welche Gespräche stattfinden müssen. Es gibt noch große Schwächen, wie das implementiert wird, aber wenn man etwas machen will, kann man das nach diesen Regeln auch tun. Sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer und der Arzt haben Verpflichtungen. In vielen Ländern haben Ärzte sehr viel bessere Richtlinien bezüglich dessen, was sie tun sollten. Einerseits sind das wichtige Informationen, andererseits können Ärzte sich darauf berufen – was sie zugleich vor dem Patienten schützt. Bei uns hat ein Arzt mit dem Thema Arbeitsmarkt und Rückkehr an den Arbeitsplatz nur wenig zu tun. Man schreibt den Arbeitnehmer je nach Diagnose krank. Aber der Arzt wäre ein wichtiger Partner, um im Sinne seines Patienten eine möglichst rasche Rückkehr an den Arbeitsplatz zu unterstützen.

STANDARD: Gibt es Erhebungen, wie sich das auswirkt?

Prinz: In Großbritannien gab es Studien. Wenn alle Beteiligten und insbesondere die Ärzte rasch und wiederholt davon sprechen, dass man möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zurückkehren muss, und dabei die Arbeitsfähigkeitsseite und nicht die Krankheitsseite betont wird, reduziert das die Krankenstandsdauer deutlich.

STANDARD: Wo ist politisch gesehen der Schlüssel?

Prinz: Da könnten die Sozialpartner selbst sehr viel tun. Dinge, die bei uns ein Tabu zu sein scheinen, sind international kein Tabu. Die Frage der Frühpensionierungen ist eine ähnliche Situation. Dieses Phänomen ist in anderen Ländern schon lange nicht mehr üblich. Und natürlich hängt das mit der Qualität der Arbeit zusammen.

STANDARD: In der österreichischen Pensionsdebatte kommt Arbeitsplatzqualität kaum vor ...

Prinz: Bei der Frage, wie wir die Lebensarbeitszeit verlängern können, spielen Quantität und Qualität der Arbeit eine große Rolle. Wenn wir wollen, dass die Menschen bis 65 arbeiten, müssen wir auch sicherstellen, dass die Arbeitsbedingungen das ermöglichen. Man kann ja etwas ausprobieren. Diese Kultur ist in Großbritannien oder den Niederlanden sehr verbreitet: Man probiert in einer Region Dinge aus, die noch nicht Gesetzeslage sind, und analysiert dann, ob das etwas bringt. (Regina Bruckner, 2.3.2016)

foto: julien daniel / oecd
Christopher Prinz ist österreichischer Pensionsexperte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.
  • Stress am Arbeitsplatz kennt mittlerweile wohl jeder. Nicht alle können mit dem steigenden Druck gut umgehen.
    foto: apa/dpa/christian charisius

    Stress am Arbeitsplatz kennt mittlerweile wohl jeder. Nicht alle können mit dem steigenden Druck gut umgehen.

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