Housing First in Wien: Obdachlosenprojekt wird verlängert

1. März 2016, 08:00
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92 Wohnungen fördert die Stadt Wien im Rahmen von Housing First mit jährlich 490.000 Euro. Eine erste Evaluierung zeigt, dass der soziale und finanzielle Wiedereinstieg gelingt

Wien – Gesundheitlich ging es ihr und ihren Kindern bei der Zuweisung in die neue Wohnung eigentlich gut. Sie fühlte sich fit. Das war aber nicht immer so. In der Vergangenheit hatte Sophia Bremer (Name von der Redaktion geändert) mit Depression und körperlichen Problemen zu kämpfen. Ihre Spielsucht führte zu finanziellen Schwierigkeiten. In weiterer Folge verlor sie ihre Wohnung.

Mittlerweile lebt die Mutter mit ihren drei Kindern in einer von 92 Housing-First-Wohnungen in der Bundeshauptstadt. Vom Fonds Soziales Wien wird die Ende 2012 als dreijähriges Pilotprojekt gestartete und heuer auf Dauer verlängerte Obdachlosenhilfe jährlich mit 490.000 Euro gefördert.

Hilfe ohne Zwang

Ziel sei eine "Hilfe ohne Zwang" gewesen, sagt Markus Reiter, Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfsorganisation Neunerhaus, des Projektträgers von Housing First. Im Rahmen dieses Projektes werden wohnungslosen Personen über die eigens gegründete Plattform "Erst Wohnen" günstige Wohnungen zugewiesen, und Bewohner schließen einen Mietvertrag direkt mit den Vermietern ab.

Die anfängliche Befürchtung, dass dadurch die Klienten nicht mehr greifbar seien und keine sozialarbeiterische Hilfe in Anspruch nehmen würden, bestätigte sich nicht – wie eine erste von einem externen Forschungsinstitut durchgeführte Studie zeigt. "Die Bewohner übernehmen durch den direkten Vertrag von Beginn an Eigenverantwortung. Dadurch, dass Sozialarbeiter sie zwanglos dabei unterstützen, wird die Hilfe viel besser angenommen", sagt Reiter zum STANDARD. Derzeit werden 149 Personen in Wohnungen in ganz Wien betreut. Die Unterstützung dauert zwischen 21 Tagen und zehn Monaten – je nach Bedürfnis.

80 Prozent und damit die große Mehrheit der Klienten spricht bei Einzug von Handlungsbedarf in puncto Verschuldung. Die Studie von L&R Sozialforschung zeigt, dass sich dieses Problem durch das Housing-First-Konzept sehr zum Positiven verändert. Auch Bremer hatte durch ihre Spielsucht finanzielle Probleme. Sie wurde der Schuldnerberatung vermittelt und erhielt ein Betreutes Konto, was ihr aus der Krise helfen soll.

Fortschritte bei Inklusion

Auch bei der sozialen Inklusion machen die Klienten große Fortschritte. "Von den Nachbarn weiß keiner, dass die Mieter von Sozialarbeitern unterstützt werden", sagt Reiter. Denn man wolle "keine Mieter zweiter Klasse" haben. Im Durchschnitt kosten die Wohnungen 7,14 Euro pro Quadratmeter. Bei der durchschnittlichen Größe von rund 39 Quadratmetern kommen die Bewohner auf 289,75 Euro Miete im Monat.

Neben der sozialen Verbesserung im Wohnumfeld habe das Projekt auch dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen der Bewohner mit ihrer Familie und ihren Freunden wieder stabilisieren. In den der Studie zugrunde liegenden Interviews mit Klienten gibt rund ein Drittel der Befragten an, Konflikte mit dem näheren sozialen Umfeld zu haben.

Bremer etwa lebte mit ihren Kindern vor dem Kontakt mit der Wohnungslosenhilfe prekär bei ihren Eltern in sehr beengten Verhältnissen, was zu "großen Spannungen" geführt habe. Bei einer zweiten Befragung gaben die Klienten vermehrt an, dass sich diese verbessert hätten. (Oona Kroisleitner, 1.3.2016)

  • Von der Obdachlosigkeit sollen es Menschen in Wien mittels Housing Frist wieder in die Selbstständigkeit schaffen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Von der Obdachlosigkeit sollen es Menschen in Wien mittels Housing Frist wieder in die Selbstständigkeit schaffen.

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