Vorzügliche Unauffälligkeit im Originalklangkleid

29. Februar 2016, 15:48
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Geigerin Isabelle Faust im Wiener Konzerthaus

Wien – Doloroso nennt György Kurtág jenes Stück aus dem Zyklus Signs, Games and Messages, den die Geigerin Isabelle Faust als Zugabe wählte. Natürlich bildete das Stück einen Kontrast inmitten Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven im Originalklangkleid.

Die Klänge des Zeitgenossen, der gerade eben 90 Jahre alt wurde, hoben sich jedoch nicht grundsätzlich von den alten Meistern ab. Vielmehr verband sie die Solistin durch dieselbe Haltung, durch die ähnliche Mischung von Distanz und Eindringlichkeit, Objektivität und Anteilnahme, mit der sie sich auch Mozart angenähert hatte.

Klang der Stradivari

Der Klang ihrer Stradivari blieb zwar derselbe, wurde aber in geradezu unglaublicher Weise ganz anders modelliert: In Kurtágs Miniatur floss jedoch vibrierende Expressivität, deren vollständige Absenz Mozarts Violinkonzert in G-Dur (KV 216) seine Direktheit verpasste – so konsequent, wie es in Originalklangorchestern zum State of the Art gehört, bei Solisten und Solistinnen jedoch selten gleichermaßen radikal zu hören ist. Darüber hinaus versagte sich Faust allzu viel Subjektivität und schon gar Anflüge von Spontaneität, zog sich eher – in einem freilich profilierten interpretatorischen Setting – hinter Mozart zurück: Gewiss war alles schön und richtig, aber eben auch nicht allzu aufregend (was dem Stück allerdings auch nicht wirklich widerspricht).

Dirigent Philippe Herreweghe und das Orchestre des Champs-Élysées, das sich auf Originalinstrumenten durch das Repertoire vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert bewegt, übten sich hier in ähnlich vorzüglicher Unauffälligkeit, gestalteten perfekt abgerundete Phrasen, sorgten für einen transparenten, sinnlichen Klang und für Ausgewogenheit bei fließendem Tempo.

Zuvor hatten sie Beethovens Coriolan-Ouvertüre, ein vor Energie berstendes Werk, unerwartet brav zurechtfrisiert. In Beethovens 4. Symphonie fanden sie abschließend jedoch zu markantem Musizieren voller verschiedenartiger Charaktere – und dies umso mehr, je mehr die einzelnen Musiker oder Stimmgruppen individuell interagieren durften: Die Klarinettenkantilene im zweiten Satz wurde zu einer Insel ätherischer Melancholie. (Daniel Ender, 29.2.2016)

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