"No Man's Sky" angespielt: Abstecher in die Unendlichkeit

3. März 2016, 17:00
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Der GameStandard hatte erstmals Gelegenheit dazu, selbst durch das gigantische Weltraumspiel zu fliegen

In "No Man's Sky" werden Spieler zu Entdeckern des Weltraums. Auf ihrer Reise durch ein virtuelles Universum müssen sie fremde Welten erforschen, um letztendlich das mysteriöse Zentrum zu erreichen. Das Besondere daran: Jede der Millionen Galaxien und Milliarden Planeten samt ihrer vielseitigen Fauna und Flora wird nicht von Menschenhand, sondern "prozedural" mittels eines komplexen Algorithmus vom Computer generiert. Ein Meer an Zahlen und Formeln, das so schön aussieht wie das Cover eines Sci-Fi-Romans.

So viel zur Theorie, aber wie spielt sich dieser eindrucksvolle Zufall mathematischer Wahrscheinlichkeiten? Der GameStandard hatte ihm Rahmen eines Preview-Events erstmals die Gelegenheit dazu, selbst Hand anzulegen und zum Nobody in der Unendlichkeit zu werden.

MacGyver im Weltall

Sobald man darüber nachdenkt, erschlägt einen "No Man's Sky" mit den endlosen Möglichkeiten der endlos kombinierbaren Schöpfungsformeln. Aber im Grunde genommen handelt es sich um ein eher klassisches Rollenspiel im Raumanzug. Jeder Spieler startet am äußeren Rand des Universums und muss durch das Sammeln von Ressourcen und den Bau immer intelligenterer Technologien und leistungsfähigerer Raumschiffe sukzessive das mysteriöse Zentrum erreichen. Jede Galaxie und jeder Planet kann angesteuert und erreicht werden, sofern der Antrieb stark genug ist. Nahtlos durchbricht man die Atmosphäre und landet jedes Mal aufs Neue in einer unbekannten Welt.

In der gezeigten Demo ließen sich vier unterschiedliche Planeten erkunden, deren Erscheinungsbild, wie alles in diesem Universum, per Zufall generiert wurde. Den Anfang machte ein mörderisch kalter Eisplanet, dessen Erde das Zuhause fremdartiger Minidinosaurier und rohstoffreicher Felsformationen ist. Mit einem Jetpack auf dem Rücken bewegt man sich erstaunlich agil über den Untergrund und macht sich auf die Suche nach allem, was man aufnehmen kann, um sich schließlich mit ausreichend Rohstoffen im Gepäck in einem kleinen Forschungsschiff auf die große Reise begeben zu können.

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Rohstoffe und Sammelwahn

Mittels einer Laserkanone kann man sich nicht nur vor möglichen Gefahren schützen, sondern praktischerweise auch auf Distanz Mineralien und andere wertvolle Elemente abbauen. Die Entwickler haben ein eigenes Periodensystem konstruiert, das sowohl reale als auch erfundene Elemente umfasst. Einfache Rohstoffe lassen sich zum Beispiel als Treibstoff oder Munition und für die Schildladung nutzen. In Kombination wiederum können Werkzeuge und besondere Bauelemente wie Siliziumchips generiert werden, die man zum Upgrade von Gadgets und Raumschiffen benötigt. Hört sich komplex an, funktioniert im Spiel jedoch fast nebenbei über ein Inventar-Interface, das ein wenig an jenes des Shooters "Destiny" erinnert. Der Weg zum Überleben wird jedenfalls nicht zum Rätselpfad.

First Contact

Tödlich ist die Umgebung aber allemal. Das fängt schon beim scheußlichen Wetter an. Hitze oder Kälte zehren an der Schildenergie, weshalb man in regelmäßigen Abständen in kleinen Bodenstationen Unterschlupf finden muss, die gleichzeitig als Fixpunkte zur Speicherung des Spielfortschritts dienen. Alternativ sprengt man mit dem Plasmageschoss ein Loch in die Erde und rettet sich in teils gigantischen Höhlen in Sicherheit.

Ob unter- oder oberirdisch: Ganz allein ist man auf diesen Planeten nichts unterwegs. Neben einer Schar kleiner und großer Fantasietiere, bevölkern mehrere Alienarten, mit denen der Spieler zwangsläufig in Kontakt tritt, das Universum. So haben sich friedlich gesinnte Händler niedergelassen, um Rohstoffe und Materialien zu tauschen oder Technologien zu verkaufen. Um diese Fremden zu verstehen, muss man deren Sprache erlernen, indem man sie persönlich um Übersetzungshilfe bittet oder Inschriften auf Obelisken entschlüsselt ("Rise of the Tomb Raider" lässt grüßen). Die Entwickler haben sich dafür ein vielschichtiges Dialogsystem überlegt, das nicht verstandene Worte verschlüsselt darstellt, aber auch zum Raten einlädt. Ob man dann wirklich richtig liegt, sieht man, wenn ... lassen wir das.

Drohnenpolizei und Piraten

Es sind Mechanismen, die zum Erkunden verleiten. Kaum etwas in "No Man's Sky" wird erklärt. Es gibt keine große Hintergrundgeschichte, und alles, was man entdeckt, entdeckt man aller Wahrscheinlichkeit nach zum ersten Mal überhaupt im Spiel. Und wenn man Pflanzen oder Tiere stört beziehungsweise zerstört, schreitet eine übergeordnete Drohnenpolizei ein und beginnt einen mit Laserstrahlen zu befeuern. Wie in "Grand Theft Auto" zeigt ein Fahndungslevel an, wie brenzlig die Situation ist, vor allem anfangs ist man nur ein kleiner Fisch im Haibecken.

Wie klein man ist, zeigt sich spätestens aber dann, wenn man ins Raumschiff steigt und nahtlos durch die Atmosphäre ins Weltall fliegt. Im schwerelosen Raum sieht man wortwörtlich eine endlose Zahl an Sternen um sich herumschwirren und sucht am Radar nach dem nächsten erkundungswürdigen Planeten. Eine unbegrenzte Sternenkarte zeigt an, wo man sich im Universum befindet – und wann man bereit dazu ist, ins Zentrum des nächst näheren Galaxierings vorzustoßen.

Asteroiden sausen einem entgegen, die zwecks Rohstoffsammlung ebenfalls beschossen werden können. Etwas weiter entfernt gleiten riesige Handelsfrachter durch den Raum, mit denen man entweder ins Geschäft kommen kann – oder die man wie ein Pirat zu bestehlen versucht. Die Beute ist lukrativ, die Feuerkraft der feindlichen Bordkanonen jedoch nicht zu unterschätzen. Es hat etwas von einem Arcade-Shooter im dreidimensionalen Raum mit lockerem Wirtschaftssimulationsunterbau.

Menschen mit Seltenheitswert

Im All wie auf einem Planeten gelten die gleichen Gesetze endlicher Ressourcen. Munition und Booster gehen rasch zur Neige, und wenn man Pech hat, passt einen mitten im Asteroidengürtel ein Pirat ab. Dann hat man die Wahl, entweder zurückzuballern, oder die Flucht zu ergreifen. In beiden Fällen ist zu hoffen, dass die Schilde halten. In Form von größeren Raumstationen findet man einen sicheren Hafen. Dort kann man sein Schiff aufwerten, Handel betreiben oder einfach nur von oben herab auf das galaktische, meditative Schauspiel blicken.

Im Zuge der Demo fanden all diese Interaktionen mit computergesteuerten Akteuren statt. Und darf man den Entwicklern Glauben schenken, wird es in den allermeisten Situationen auch dabei bleiben. Das Universum von "No Man's Sky" ist so groß, dass selbst bei einigen Millionen Spielern 99,9 Prozent der Spielwelt unentdeckt bleiben werden. Zwar teilen sich alle Spieler das Universum, doch tatsächlich jemand anderen auf einem Planeten zu treffen, sei einfach aufgrund der schieren Ausmaße sehr unwahrscheinlich. Anstelle dessen haben sich Designer ein asymmetrisches Mehrspielerkonzept überlegt, wie es etwa in der "Dark Souls"-Serie zum Einsatz kommt.

So werden entdeckte Planeten nach dem ersten Spieler benannt, der ihn bereist, und man kann Tieren Namen geben, solange es diese Bezeichnungen durch den Schimpfwortfilter schaffen. Dadurch hinterlassen andere Spieler Spuren ihrer Existenz im Universum und auch man selbst hinterlässt einen Fußabdruck. Sollte man dennoch einen anderen Menschen im Spiel zu Gesicht bekommen, wäre das ein ganz besonderer Moment.

Am Anfang war eine Sinuskurve

Diese Asymmetrie erlaubt es Spielern auch komplett isoliert und offline zu reisen. Alle Berechnungen erfolgen auf dem lokalen PC beziehungsweise der PS4 und nicht auf Servern. Sobald man sich verbindet, werden lediglich die Daten wie Planetennamen abgeglichen.

Erstaunlich daran ist, dass die Welt von "No Man's Sky" dennoch so lebhaft und variantenreich erscheint. Der Detailreichtum lässt sich gewiss nicht mit jenem eines modernen "Far Cry" oder "Assassin's Creed" vergleichen, und ein bisschen wirkt es schon so, als sei alles aus Polygonen zusammengesetzt. Doch es ist schon beeindruckend, dass all diese unterschiedlichen Bodenformationen und Felsen, alle Gräser und Bäume sowie Vögel, Fische, Dinosaurier und Kleintiere prozedural entstehen. Während man spielt, entfaltet sich das Universum vor einem. Chefentwickler Sean Murray erklärte dies im Zuge einer Präsentation anhand der Planetenoberflächen, die allein auf Basis von Sinuskurven erzeugt werden. In ihrer einfachsten Form sind sie ebenmäßig rund. Dank einer einfachen Sinuskurve geht die Oberfläche auf und ab, und werden, wie im finalen Spiel, mehrere Kurven kombiniert, ergibt sich eine Landschaft, die so aussieht, als wäre sie natürlich gewachsen oder zumindest absichtlich so kreiert.

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Lichtblick am Horizont

"No Man's Sky" ist in seinem hochkomplexen Minimalismus, der es einem zehnköpfigen Team erlaubt, das bislang größte Spieluniversum überhaupt zu generieren, ein einzigartiges, ein erstaunliches Projekt. So viel ist schon seit geraumer Zeit klar. Doch es ist umso erfreulicher zu sehen, dass in diesem mathematischen Gigantismus auch ein sehr greifbares Spiel steckt, das im positiven Sinne mit vertraut vorkommenden Konzepten den Entdeckerdrang weckt. Reicht das, um Spieler über dutzende Stunden hinweg dazu zu bewegen, einen Planeten und eine Galaxie nach der anderen zu erkunden, um letzten Endes den geheimnisvollen Mittelpunkt zu erreichen? Die Antwort wird von den persönlichen Spielvorlieben abhängen. Neugierige Rollenspieler mit Sammeldrang, die immer schon mit dem Astronautendasein liebäugelten, dürfen jedenfalls ungeduldig dem virtuellen Horizont entgegenblicken. Und das Schöne daran ist: Alles, was Sie bisher von dieser Welt gesehen haben, werden Sie bei Ihrem eigenen Spielantritt aller Wahrscheinlichkeit nach so nicht zu Gesicht bekommen. (Zsolt Wilhelm, 3.3.2016)

"No Man's Sky" erscheint am 22. Juni für PS4 und PC auf Disc und als Download ab 59,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Preview fand im Rahmen eines Events in London statt. Die Reisekosten wurden vom Herausgeber Sony übernommen.

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