Lanze für Anti-Aging brechen

Kolumne1. März 2016, 08:00
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Konsumentenschützer testen Anti-Aging-Produkte und bezweifeln eine Wirkung. Warum regelmäßiges Cremen trotzdem nicht falsch sein kann

Konsumentenschützer haben eine wichtige Aufgabe. Sie testen, prüfen und checken, inwiefern Werbebotschaften den Tatsachen entsprechen. Letzte Woche waren Anti-Falten-Cremen an der Reihe. Getestet wurden zehn Produkte, die mit Anti-Aging werben. Vier Wochen lang schmierten die Testpersonen und wurden dann faltentechnisch vermessen. Fazit der Konsumentenschützer für alle Präparate: "nicht zufriedenstellend". Wie in der Schule: Danke, setzen.

Aber ganz so simpel, wie die Konsumentenschützer sich das denken, ist die Sache nicht. Zur faktischen Ebene: Vier Wochen Testlauf sind wenig. Wagen wir den Vergleich mit sportlicher Aktivität: Wer ein Monat lang – sagen wir – moderate Übungen macht und dessen Fett dann vermessen wird, hat unter Umständen noch keine großen Erfolge zu verbuchen. Obwohl jede Form von Bewegung langfristig ganz sicher gesund und zu Gewichtsabnahme führen wird.

Urteil zu pauschal

Zweitens: Wer waren die Probandinnen? Alter, Gesundheitszustand, Raucher/Nichtraucher sind entscheidende Kriterien. Die Haut ist so vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt, auch das Wetter ist ein wichtiges Messkriterium: Das "nicht zufriedenstellend" ist eine zu pauschale Ohrfeige.

Denn, und jetzt kommt die Wahrheit: Wir wissen alle, dass wir älter werden, Falten kriegen und eines Tages sterben. Sollen wir diesen Tatsachen vollkommen ungerührt begegnen und in resignierter Uneitelkeit begegnen? Also, meine Meinung: Nein.

Was die Konsumentenschützer außer Acht lassen, ist der psychologische Moment von Kosmetika. Wer cremt, kümmert sich um sich selbst. Anti-Aging ist eine Maßnahme gegen die Selbstvernachlässigung, eine Maßnahme der täglichen Streicheleinheiten, ein Akt der Selbstliebe, würde ich fast sagen. Nach dem Motto: Je teurer, umso mehr gönne ich’s mir. Wer ein Auto braucht, kann ja auch zwischen Mercedes und Škoda wählen.

Ein Tupfer Selbstliebe

Zugegeben: Es gibt Cremen, die schlagen dem Fass den Boden aus. Dafür riechen sie aber vielleicht extrem gut, fühlen sich wunderbar an, gehören zu einem fixen Ritual, rufen Erinnerungen wach, sind der tägliche Luxus in einer an sich ziemlich harten Welt. Die Konsumentenschützer rauben einem jede Illusion und machen damit eventuell sogar gegen einen Placebo-Effekt zunichte, der in kosmetischen Fragen keine unbeträchtliche Wirkung hat.

Klar: Preis/Leistung ist eine wichtige Sache. Aber einfach nicht alles. Ich kann eines sagen: Die durch Cremen zuteil gewordene Sorgfalt sieht man. Ich sehe sie bei anderen und würde sie Gepflegtheit nennen. Wie und – vor allem – für wie viel Geld sie zustande kommt, kann jede und jeder selbst entscheiden. Es gibt große und kleine Kosmetikkonzerne, es gibt Öko und nicht Öko, es gibt Parfümerien und Supermärkte, die sie verkaufen. Nichts tun ist für die Haut jedenfalls sicherlich nicht die beste Lösung, und nur Feuchtigkeit auch nicht. Konsumentenschutz hin oder her. (Karin Pollack, 1.3.2016)

  • Eincremen ist ein Akt der Selbstliebe.
    foto: istock/nsnedza

    Eincremen ist ein Akt der Selbstliebe.

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