Geheimdienstexperte Soldatow: Snowden hat Russland genutzt

Interview2. März 2016, 18:07
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Der Journalist Andrej Soldatow gilt als profilierter Kenner der russischen Geheimdienste

STANDARD: Apple und die US-Regierung streiten darüber, ob Apple beim Entsperren eines iPhones helfen muss. Was würde eine Niederlage Apples für Russland bedeuten?

Soldatow: Die russischen Behörden würden Apple sofort dazu zwingen wollen, eine ähnliche Lösung auch für sie zu entwickeln. Momentan haben die Behörden Schwierigkeiten, wenn es um das Abfangen verschlüsselter Daten geht. Deshalb wollen sie IT-Konzerne dazu zwingen, ihre Server in Russland zu hosten. Sie brauchen wie das FBI Zugriff durch die Vordertür.

STANDARD: Welche Maßnahmen hat Russland in diese Richtung bereits getroffen?

Soldatow: Die Behörden probierten Ähnliches bereits früher. Der Geheimdienst FSB überzeugte die Regierung davon, Gesetze einzuführen, die spezielle Bedingungen für importierte Hardware vorsahen. So musste Netzwerkausrüster Cisco die Verschlüsselung bei WLAN-Routern abdrehen. Es ist davon auszugehen, dass sie auch Apple zwingen würde, Software zum Knacken von iPhones zu liefern.

STANDARD: Wenn der FSB unbedingt Zutritt durch die Vordertür braucht, ist er technisch wohl nicht so versiert wie die NSA?

Soldatow: Ja. Das größte Problem der russischen Dienste ist die Masse an Daten, die sie angesammelt haben – darin sind sie der NSA ja nicht unähnlich. Doch während US-Behörden riesige Rechenzentren bauen, kann der russische FSB die Datenmassen nicht so einfach zentralisieren. Er ist Opfer seiner eigenen Gier, da er nicht für die Überwachungsinstrumente bezahlen wollte.

STANDARD: Sondern diese Aufgabe an die Internet- und Mobilfunkprovider selbst übertragen hat?

Soldatow: Genau. Der FSB verlangte, dass Telekomunternehmen das Equipment zur Datenabsaugung selbst zahlen. Dadurch werden die Daten allerdings bei den Providern selbst gesammelt. Es gibt keine Datenbank, in der alles zusammenläuft.

STANDARD: Gab es nach den Snowden-Enthüllungen Bestrebungen, den FSB mehr in Richtung NSA zu modellieren?

Soldatow: Ich glaube nicht, dass nach Snowden ernsthafte Anstrengungen unternommen wurden. Seit 2007 gibt es verschärfte Überwachungsgesetze – und um zur NSA zu werden, mangelte es nie am Willen, sondern an den Kapazitäten. Außerdem haben russische Behörden den großen Nachteil, dass weltweit vor allem US-Produkte wie Facebook oder iPhones genutzt werden. Die NSA hat es daher leichter, diese Daten anzuzapfen.

STANDARD: Gilt das auch für Gebiete des ehemaligen Ostblocks?

Soldatow: Hier ist die Situation anders, da in Osteuropa Services wie das soziale Netzwerk VKontakte oder die Suchmaschine Yandex populär sind. Nach Beginn der Ukraine-Krise wollte der FSB sofort Daten zu den VKontakte-Profilen von ukrainischen Aktivisten. Allerdings installierte der FSB keine Überwachungsinstrumente, sondern marschierte direkt zur Geschäftsführung.

STANDARD: Sie haben gesagt, Snowden hätte negativ zur Überwachung in Russland beigetragen. Warum?

Soldatow: Ausgerechnet an jenem Tag, an dem Snowden in Moskau gelandet ist, haben die russischen Behörden einen Angriff auf die Freiheit im Netz gestartet. Von Beginn an nutzten seine Enthüllungen der Regierung, um das zu rechtfertigen. So wurden etwa Google oder Twitter gezwungen, Server in Russland zu hosten. Die Regierung sagt: 'Wir müssen die Daten der russischen Bevölkerung vor der Massenüberwachung der NSA beschützen.'

STANDARD: Wodurch die russischen Behörden selbst leichteren Zugriff auf diese Daten erlangen konnten.

Soldatow: Ja. Für die Aktivisten war das ein riesiges Problem. Mehr als 40.000 Personen haben die Konzerne gebeten, ihre Daten nicht nach Russland zu übersiedeln. Snowden hat dazu allerdings geschwiegen. Natürlich erwarten wir nicht, dass Snowden für die Internetfreiheit in Russland kämpft – aber zumindest, dass er verurteilt, wie seine Enthüllungen missbraucht werden.

STANDARD: Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte auf dem Propagandasender Russia Today eine eigene Sendung.

Soldatow: Menschen sehen Assange als Helden. Er ist aber nicht allein: Bürgerrechtsbewegungen in Großbritannien beschweren sich fortlaufend über die dortigen Geheimdienste und dürfen das ab und zu kurz in der BBC kommentieren. Dann kommt "Russia Today" und gibt ihnen zwei Stunden Redezeit – jede Woche. Gleichzeitig drängt der Sender seine Gäste nicht, prorussisch zu agieren. Wie man damit umgehen soll, ist fraglich – ich persönlich wüsste nicht, wie ich mich entscheiden würde. (Fabian Schmid, 29.2.2016)

Andrej Soldatow (41) ist einer der wichtigsten russischen Investigativjournalisten. Gemeinsam mit seiner Kollegin Irina Borogan enthüllt er Missstände bei russischen Geheimdiensten. Sie gerieten mehrmals selbst ins Fadenkreuz des FSB.

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The Red Web: Auszug aus dem Guardian

  • Der russische Präsident Wladimir Putin mit Margarita Simonjan, Chefredakteurin des Propagandasenders Russia Today.
    foto: imago/itartass

    Der russische Präsident Wladimir Putin mit Margarita Simonjan, Chefredakteurin des Propagandasenders Russia Today.

  • Der Investigativjournalist Andrej Soldatow hat mit Irina Borogan in "The Red Web" die russischen Sicherheitsdienste und ihren Überwachungsapparat untersucht.
    foto: foto: konstantin zavrazhin

    Der Investigativjournalist Andrej Soldatow hat mit Irina Borogan in "The Red Web" die russischen Sicherheitsdienste und ihren Überwachungsapparat untersucht.

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