"Ashley Madison"-Hack: Erpressungen, Suizide und offene Fragen

6. März 2016, 11:43
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Das populäre Seitensprung-Portal war vor mehr als sechs Monaten gehackt worden, nach wie vor sind keine Täter geschnappt

Es war wohl der größte virtuelle Moralpranger, der je im Netz online ging: Vor etwas mehr als einem halben Jahr veröffentlichten Hacker unzählige Nutzerdaten des Seitensprung-Portals Ashley Madison. Wohnort, Name, Kreditkartendaten und Angaben zum eigenen Aussehen waren ebenso zu finden wie Informationen zu sexuellen Vorlieben. Die Nutzer der Seite – die sich an verheiratete Männer richtete – konnten selbst zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben: Der Guardian berichtet etwa von "Michael", der die Webseite nur auf seinem Arbeitslaptop in einem Extra-Browser benutzte und ein verschwommenes Foto von sich im Profil hatte. Durch die Veröffentlichung der Kreditkartendaten waren die Personen jedoch eindeutig identifizierbar und Vorsichtsmaßnahmen obsolet.

Kein üblicher Hack

"Lern deine Lektion und tue Buße": Mit diesen Worten hatten die Hacker den Datensatz im Netz bereitgestellt. Ein kurioses Vorgehen, wie etwa der Sicherheitsexperte Brian Krebs im Guardian analysiert. Normalerweise werden große Portale wegen folgender Motive gehackt: Cyberkriminelle wollen die Nutzerdaten verkaufen, um etwa Kreditkartenbetrug durchzuführen. Oder aber es kommt zu Erpressungen gegen die Firma. Schließlich gibt es auch persönliche Motive gegen die Webseite selbst, etwa von frustrierten ehemaligen Mitarbeitern. Keine der drei Kategorien passt so recht zum Ashley Madison-Hack.

Polizei tappt im Dunkeln

Über die Verantwortlichen und deren Motive muss also weiter spekuliert werden. Denn die Polizei im kanadischen Toronto, wo Ashley Madison angesiedelt ist, hat nach wie vor keine Verdächtigen verhaftet. Ermittlungserfolge gab es keine zu vermelden, die Presseabteilung antwortet Journalisten nicht mehr. Dabei wird erst nach einigen Monaten klar, wie viel Schaden der Hack in unzähligen Beziehungen und Leben angerichtet hat. Insgesamt sollen auf der Seite 37 Millionen Nutzer angemeldet worden sein, wobei Beobachter diese Zahlen bestritten haben – mehrere Millionen Männer sind aber jedenfalls betroffen.

Drastische Konsequenzen

Laut Guardian sollen nach der Publikation persönlicher Daten mehrere Betroffene Selbstmord verübt haben. Öffentlich bekannt ist etwa der Fall eines US-amerikanischen Priesters, der sein Lebenswerk durch den Leak in Trümmern sah. Seine Witwe gab später gegenüber US-Medien an, dass sie ihrem Mann den Seitensprung verziehen hätte. Sie erfuhr erst nach seinem Suizid von der Mitgliedschaft bei Ashley Madison.

Erpressungsversuche

Es sind vor allem Zweifel und Angst, die betroffene Männer quälen. Oftmals ist es für sie noch schlimmer, wenn ihre Partnerinnen nicht von dem Hack erfahren haben – denn das könnte sich jederzeit ändern. Erpressungsversuche durch Trittbrettfahrer sind an der Tagesordnung, seit die Daten öffentlich verfügbar sind – auch in Österreich. Die australische Journalistin Kristen Brown hat mehr als 200 Betroffene interviewt. Sie sagt, dass sie im Grunde als Therapeutin für diese Menschen fungierte, da sie sich aus Scham oftmals an niemanden wenden können.

Datensicherheit als große Illusion

Dasselbe berichtet der IT-Berater Troy Hunt, der die Webseite HaveIBeenPwned leitet. Dort können Nutzer überprüfen, ob sie von einem Hack betroffen sind. Zahlreiche Personen schreiben an Hunt und fragten ihn, wie sie ihre Daten löschen könnten – was er ihnen natürlich nicht beantworten kann. Noch immer trudeln Nachrichten bei ihm ein. Das ist vielleicht auch eine Lektion, die Ashley Madisons Hacker der Öffentlichkeit beibringen wollten: So etwas wie absolute Datensicherheit existiert kaum. Services wie Ashley Madison sind angreifbar, auch wenn die Betreiber etwas anderes versprechen. (fsc, 29.2.2016)

Information

Soforthilfe bei Suizidgedanken und psychischen Krisen:

Psychiatrische Soforthilfe (0-24 Uhr): 01/313 30

Kriseninterventionszentrum (Mo-Fr 10-17): 01/406 95 95

Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/97 71 55

Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79

Telefonseelsorge (0-24 Uhr, kostenlos): 142

Rat auf Draht (0-24 Uhr, für Kinder & Jugendliche): 147

Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Mo-Sa 14-18 Uhr, kostenlos): 0800/20 14 40

Männernotruf Steiermark: 0800 246 247

Links

Guardian

AshleyMadison

HaveiBeenPwned.com

Nachlese

"Ashley Madison"-Hack: Erpressungen in Österreich gehen weiter

  • Millionen Männer waren vom Ashley Madison-Hack betroffen
    foto: apa/lee min jan

    Millionen Männer waren vom Ashley Madison-Hack betroffen

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