Die Universität im digitalen Wandel

7. März 2016, 09:00
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Livestreams aus dem Hörsaal gibt es bereits, organisiert und administriert wird das Studium sowieso schon online. Kritiker sehen darin eine versteckte Ökonomisierung von Bildung

Wien – So ein Studium, das ist gar nicht schwer: Einfach alle Ampeln auf Grün schalten, schon hat man den angestrebten Titel in der Tasche. So erscheint es zumindest Studierenden der Uni Wien, wenn sie einen Blick in das Portal U:Space werfen. Die Studienplanpunkte sind feinsäuberlich nach den Voraussetzungsketten geordnet, neben jeder Lehrveranstaltung steht eine Ampel, die nach der erfolgreichen Absolvierung auf Grün umspringt.

Schneller Wandel

An- und Abmeldung, die Beantragung von Stipendien oder das Einzahlen des Studienbeitrags: Seit Juni des vergangenen Jahres ist alles über ein zentrales Portal möglich. Wie schnell der Wandel zur digitalisierten Hochschule vonstattenging, machen Erzählungen älterer Semester deutlich. Was Studienanfängern heute als selbstverständlich gilt, ist eine Erscheinung der letzten Jahre. Noch in den 2000ern mussten Dokumente persönlich beantragt werden, nach Prüfungen hingen die Noten auf langen Listen im Gang aus, und Anmeldungen zu Seminaren setzten die physische Präsenz voraus – Warteschlagen vor den Sekretariaten schon im Morgengrauen inklusive.

Die Organisation des Studiums funktioniert mittlerweile digital. Lehrende und Studierende verwenden dieselben zentralen Managementsysteme wie U:Space, das nach Kriterien wie "Usability" und "Performance" ausgerichtet ist. "Studierende und Lehrende werden aufgerufen, sich als selbst-administrierende unternehmerische Subjekte zu verstehen, die ihre Leistungen numerisch sichtbar und transparent machen", kritisiert die Kultur- und Sozialan thropologin Asta Vonderau. Sie hat sich mit der Implementierung eines Onlinemanagementsystems in den Studienalltag der Uni Mainz auseinandergesetzt.

Zentralisierte Plattformen

Besonders im Zuge des Bologna-Prozesses ist es zu einer verstärkten Nutzung zentralisierter Plattformen gekommen. In Deutschland verwenden über siebzig Hochschulen das System Campusnet, das von einem privaten Anbieter entwickelt wurde. U:Space basiert auf der Open-Source-Software Liferay, in Graz verwendet man Unigrazonline und in Innsbruck LFU:online.

Vonderau, die an der Stockholm University forscht, will von der neutralen Sichtweise der digitalen Administration wegkommen. Für die Forscherin fungieren die Managementsysteme als "Schnittstelle zwischen Privatwirtschaft und Hochschule" und würden so dem ökonomischen Verständnis eines erfolgreichen Studiums Vorschub leisten.

Das Argument, das oft ins Treffen geführt wird, um die digitale Administration durchzusetzen, ist die Effizienz, und zwar für beide Seiten: Studierenden werden die Behördengänge abgenommen, man erspart sich Zeit und die Hochschule Kosten. "Effizienz an sich ist nichts Schlechtes", sagt Vonderau im Gespräch mit dem UniSTANDARD. Mit der Einführung solcher Systeme würden aber immer bestimmte Nutzerbilder produziert, beispielsweise "das Bild eines Studierenden, der immer da sein kann und nicht arbeiten muss sowie immer Zugang zum Computer hat".

Durch die schrittweisen Änderungen führt an den digitalen Uni-Portalen kein Weg mehr vorbei. Ein Beispiel: Seit einer Satzungsänderung der Uni Wien im vergangenem Herbst sind Anmeldungen nur mehr online möglich, auch Lehrende haben keine Möglichkeiten, auf die Anmeldesysteme einzuwirken. Es kommt zu einer Kompetenzverlagerung, von den Lehrenden hin zu den Systemadministratoren. "An der Uni Mainz wurde mit dem Gerechtigkeitsargument argumentiert: Niemand wird bevorzugt, und durch persönliche Beziehungen entstehen keine Ungerechtigkeiten", sagt Vonderau. Sie fragt sich allerdings, "ob maschinelle Gerechtigkeit der individuellen Lebenssituation" gerechter wird.

Weniger Spielraum

Dadurch, dass die direkte Kommunikation zwischen Studierenden und Lehrenden wegfalle, gebe es weniger Spielraum für Aushandlungsprozesse und individuelle Kompromisse. Zurück in die "gute alte Zeit" will Vonderau dennoch nicht. Aber: "Man sollte Freiräume für Kreativität und Experimente nicht zugunsten von Effizienzsteigerungen aufgeben."

Nicht nur die Administration der Universität wird vom analogen in den digitalen Raum verlegt, auch die Inhalte und das Studium selbst. Paradigmatisch dafür stehen die Massive Open Online Courses (MOOCs) – oft bis zur Prüfung kostenlose Massenvorlesungen, die ausschließlich online abgehalten werden. Was in den USA begann und als Bildungsrevolution gehypt wurde, gibt es seit einiger Zeit auch in Österreich.

Zugängliche Bildung

In Graz wird seit über zwei Jahren auf der Plattform iMoox mit dem Kursformat experimentiert. "Die Motivation ist sicher, Bildung freier zugänglich zu machen", sagt Michael Kopp, der das Projekt leitet. An der Implementierung der Kurse in das Curriculum wird gearbeitet. Die Nachfrage sei groß: "Mittlerweile hat die Seite 9000 User."

Ein komplett digitales Studium ist derzeit aber noch Zukunftsmusik, zumindest für Kopp: "Die österreichischen Unis sind Präsenzunis. Onlineangebote sind eine Ergänzung." (David Tiefenthaler, 3.3.2016)

  • Wenn das Studium einer LAN-Party gleicht: Online-Massenkurse boomen.
    foto: reuters/scanpix/johan nilsson

    Wenn das Studium einer LAN-Party gleicht: Online-Massenkurse boomen.

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