Griechenland: Studieren während der Krise

3. März 2016, 09:00
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Wie die Austeritätspolitik in Griechenland während der Krise das Leben auf dem Campus prägt

Georgios Fragakis hätte sein Studium an der Panteion-Universität in Athen gegen nichts anders tauschen wollen – nicht Harvard, nicht Oxford. Die Studienbedingungen hätten sich seit der Krise aber trotzdem verschlechtert. "Ich hatte hier großartige, inspirierende Lehrer", sagt Fragakis. Der Psychologiestudent erzählt, wie ein Professor zu Studienbeginn einen Einführungskurs in ein Kaffeehaus verlegte: "Dort machte er uns klar, dass es in der Psychologie um Menschen geht, nicht um Nummern."

Fragakis hatte sein Studium 2007 begonnen, zwei Jahre bevor Griechenland in die Krise geriet. Was mit nervösen Diskussionen unter Studierenden begann, sei erst im Laufe der Zeit zur erfahrbaren Realität geworden. Heute sagt Fragakis, dass jeder Student das Gefühl von Melancholie und Depression kenne. Bekannte von ihm hätten ihr Studium abgebrochen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Andere könnten ein Studium erst gar nicht antreten, weil sie keinen Studienplatz in ihrer Heimatstadt erhielten und sich das Leben anderswo nicht leisten können. Wieder andere müssten in mehreren Jobs arbeiten, um über die Runden zu kommen – fänden dann aber keine Zeit mehr zum Studieren und blieben viele Jahre ohne Abschluss. "Wir haben unsere Hoffnungen und Träume verloren. Uns geht es nicht mehr um Erfolg. Uns geht es ums Überleben."

Wenig Geld durch Nebenjobs

Zum Gespräch auf dem Capus seiner Alma Mater bringt Fragakis zwei Kommilitonen mit, Aristeidis Zervoudis und Trisevgeni Georgakopoulou. Wie schwierig sich die Situation vieler Studierender mittlerweile gestaltet, zeigen ihre Nebenjobs. Georgakopoulou erzählt, dass sie mit Nachhilfe für Schüler sechs Euro pro Sitzung verdiene und sofort ausbezahlt werde. Wie die meisten Studierenden verdient Zervoudis in seinen Jobs weniger als drei Euro pro Stunde, bei ähnlichen Lebenshaltungskosten wie in Österreich. Er verteilt Werbeflyer und arbeitet als Statist in TV-Shows. Dass er noch auf Gehaltszahlungen aus dem Vorjahr wartet, sei ein verbreitetes Phänomen. Zwar erhält er auch Unterstützung von seinen Eltern, weil sie auf Chios leben und sich mit der Streichung von Mehrwertsteuerausnahmen für Inseln steigenden Produktpreisen gegenübersehen, werde das für sie aber nun schwierig.

Sechs Jahre Krise gingen an keinem Bereich der griechischen Gesellschaft spurlos vorüber. Vom rigorosen Sparkurs blieb die Bildung nicht ausgenommen. Nach Angaben der griechischen Regierung wurden 2015 für Bildung 36 Prozent weniger ausgegeben als 2009. Die Schrumpfung des öffentlichen Sektors spiegelte sich auch in Gehaltskürzungen und Entlassungen beim administra tiven Personal an den Unis wider, was 2013 zu Streiks führte, die diese mehrere Wochen lang lahmlegten. In den vergangenen Jahren wurden Unis auch ganz geschlossen und Institute zusammengelegt.

Problem: Arbeitslosigkeit

Jungakademiker sind nach dem Abschluss von Arbeitslosigkeit bedroht. Laut dem Bildungsmonitor der Europäischen Union haben nach drei Jahren nur 44,3 Prozent der griechischen Hochschulabsolventen einen Arbeitsplatz – gegenüber 76,1 Prozent im EU-Schnitt und 87,2 Prozent in Österreich. In dieser Statistik belegt Griechenland den letzten Platz.

Von einschneidenden Veränderungen wissen auch Professoren. Panos Kordoutis, Professor für Sozialpsychologie an der Pantheion- Uni sieht sich durch die Krise in seiner Forschung eingeschränkt. Eigentlich würde er gerne erforschen, wie sich Scheidungsraten durch die Krise veränderten. "Das aber würde umfangreiche Erhebungen erfordern, für die das Geld fehlt. In meiner Forschung muss ich mich weitgehend auf Papierfragebögen beschränken."

Kaum Mittel für Forschung

Während in Ingenieurwissenschaften oder der Pharmazie Geld noch von privaten Unternehmen zu lukrieren sei, sei die Finanzierung sozialwissenschaftlicher Forschung schwierig geworden.

Unter der Krise leide die Lehre, sagt Kordoutis. Die Fakultät biete ei nen Abschluss in der gesamten Breite der Psychologie. Weil als Folge von Sparmaßnahmen aber die Stellen pensionierter Professoren nicht neu besetzt werden, gestalte sich die Aufrechterhaltung des Lehrangebots schwierig. Um weiterhin Vorlesungen und Prüfungen abzuhalten, sei man auf die Hilfe Unbezahlter angewiesen. Die Vorlesung in Biologischer Psychologie werde etwa von einem Psychiater übernommen, der eigentlich in einem Krankenhaus arbeitet. (Miguel de la Riva, 3.3.2016)

  • Mitarbeiter der Kapodistrias-Universität Athen haben eine schwarze Flagge aufgehängt um gegen personelle Kürzungen zu protestieren.
    foto: ap/dimitri messinis

    Mitarbeiter der Kapodistrias-Universität Athen haben eine schwarze Flagge aufgehängt um gegen personelle Kürzungen zu protestieren.

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