Nach Parlamentswahl in Irland: Inseldenken

Kommentar28. Februar 2016, 18:13
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Eine Weigerung zusammenzuarbeiten widerspräche dem Auftrag des Wählers

Die Asymmetrie ist bestechend: Just zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Briten anschicken, über ihren Verbleib am Busen der Europäischen Union abzustimmen, passen sich ihre irischen Nachbarn den europäischen Normen an. Das irische Parteiensystem stand beinahe ein Jahrhundert lang unter dem Fluch des Bürgerkrieges (1919–1921). Die damaligen Gegner erstarrten, geronnen in zwei politischen Stämmen, die sich nicht durch ihre programmatischen Ziele unterschieden, sondern allein durch ihre Geschichte. Deshalb spielte die Linke bisher meist ein Mauerblümchendasein, denn ihre ideologischen Fundamente widersprachen dem landesüblichen Denken.

Bei dieser Parlamentswahl sank nun der kombinierte Wähleranteil dieser beiden Stämme – Fine Gael und Fianna Fáil – erstmals auf knapp unter die Hälfte. Die zersplitterte Linke, angeführt von Sinn Féin, zog mehr als ein Drittel aller Wähler auf ihre Seite. Eine Koalition der beiden bürgerlichen Parteien erscheint als offensichtlicher Ausweg, zumal die Narben des Bürgerkrieges verheilt sind.

Die damaligen Ereignisse dürfen inzwischen eher in der Akte "Folklore" abgelegt werden. Eine Weigerung zusammenzuarbeiten widerspräche dem Auftrag des Wählers. Damit erhielte Irland eine Parteienlandschaft nach europäischem Muster: Mitte-rechts in der Regierung, Mitte-links in der Opposition – mit günstigen Ausgangsbedingungen für die nächste Wahl, wann immer diese kommt. (Martin Alioth, 28.2.2016)

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