Fieber, Durchfall, aber weder Bett noch Medizin: Flüchtlinge in Griechenland

28. Februar 2016, 15:55
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Die Schließung von Grenzen entlang der Balkanroute lässt die Lage in Griechenland eskalieren

Nach der Schließung von Grenzen entlang der Balkanroute droht die Lage in Griechenland zu eskalieren. "Helft uns!", rufen Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze in Sprechchören. Rund 7.000 Menschen haben sich dort mittlerweile eingefunden in der Hoffnung darauf, weiterreisen zu dürfen. Ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser ist schon längst nicht mehr gesichert, so wie im Rest des Landes auch. Die Auffanglager von Lesbos über Athen bis in den Grenzort Idomeni sind heillos überfüllt.

Mehr als im reichen Deutschland

Mehr als 25.000 Flüchtlinge und Migranten stauen sich in Griechenland. Das Land sei "ein einziger großer Hotspot", heißt es in Athen. Derzeit gelangen täglich rund 3.000 Menschen von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln. Halten die Länder entlang der Balkanroute an ihrem Beschluss fest, täglich höchstens 580 Menschen passieren zu lassen, ergibt sich bis zum Juni 2016 eine Zahl von rund 200.000 Menschen, die in Griechenland feststecken. Das wären pro Kopf mehr Flüchtlinge, als Deutschland alleine 2015 geschultert hat – in einem Land, das seit sechs Jahren in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise steckt.

Schlafen an der Tankstelle

Die Flüchtlinge werden nur notdürftig untergebracht: Auf den Inseln bleiben die großen Fähren in den Häfen liegen, so dass die Menschen dort übernachten können. Am Hafen von Piräus schlafen sie ebenso wie in kurzfristig geöffneten Kasernen der Armee und am alten Athener Flughafen "Ellinikon". Entlang der Strecke Richtung Norden öffnen Gemeinden ihre Turnhallen und Schwimmbäder, Parkplätze und Tankstellen werden vorübergehend zur Bleibe. Hilfsorganisationen und die griechische Bevölkerung versuchen, ausreichend Nahrung, Wasser, Decken und Kleidung bereitzustellen.

Gut 500 Meter lang ist die Schlange am frühen Sonntagmorgen bei der Essensausgabe im Grenzort Idomeni. Geduldig stehen die Menschen an, kleine Kinder, junge Männer, Mütter mit Babys auf dem Arm, alte Leute am Stock. Die Müdigkeit und die Anstrengungen der Reise stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Manche harren bereits seit Tagen an der Grenze aus. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1.500 Menschen, alle anderen schlafen im Freien und versuchen, sich nachts an Lagerfeuern zu wärmen.

Medizinische Versorgung gibt es kaum. Freiwillige und Mitglieder der Organisation Ärzte ohne Grenzen versuchen, die Menschen zu behandeln; vor allem Alte und Kinder leiden. Griechische Medien berichten von Kleinkindern mit Durchfall und Fieber und von Eltern, die keine Medikamente auftreiben können.

Immer wieder kommt es zum Gerangel um Nahrungsmittel, um Decken, Zelte und Schlafplätze. Auch der Müll wird zunehmend zum Problem – die umliegenden Gemeinden sind auf die zusätzlichen Mengen Abfall nicht eingerichtet.

Notfallplan ausständig

Seit Freitag arbeitet die EU griechischen Medienberichten zufolge gemeinsam mit Griechenland an einem Notfallplan für humanitäre Hilfe, darunter finanzielle Mittel und Unterstützung bei der Versorgung der Menschen. Um 228 Millionen Euro habe Athen Brüssel gebeten, berichtet die griechische Tageszeitung "Kathimerini" in ihrer Sonntagsausgabe. Gedacht sei das Geld für die Einrichtung weiterer Notunterkünfte sowie die Versorgung der Menschen. Auch ein System mit Coupons, bei dem Privatleute und Hotels den Flüchtlingen Unterkunft gewähren könnten, ist demnach im Gespräch.

Dabei wollen die Flüchtlinge selbst gar nicht in Griechenland bleiben; auf die Frage, wohin ihre Reise geht, antworten die meisten "Deutschland". An den zentralen Athener Plätzen Viktoria und Omonia hat sich bereits ein reger Schlepper-Betrieb entwickelt; hier sammeln sich Flüchtlinge, um einen Weg zur Weiterreise zu finden. Die Angebote der Schlepper reichen von Trips über Albanien nach Mitteleuropa bis hin zur Adria und dem Ionischen Meer nach Italien. Kostenpunkt: zwischen 2.500 und 3.000 Euro. Die meisten Flüchtlinge jedoch haben weder die Mittel, noch die Möglichkeit. Viele trauen den Schleppern nicht, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben; Familien mit Kindern können die langen Fußmärsche nicht bewältigen.

Entrüstung über Österreich

Entrüstung ruft vor allem die harte Haltung Österreichs hervor. Vor dem österreichischen Konsulat in Athen demonstrierten am Samstag rund 1.000 Menschen gegen die Grenzpolitik des Landes. Österreich stachle die anderen Länder der Balkanroute an, die Grenzen geschlossen zu halten. Immer wieder äußern griechische Politiker mittlerweile die Drohung eines allumfassenden Vetos, was EU-Entscheidungen betrifft. So könnte Griechenland beispielsweise mögliche Aufnahmegespräche der Balkanländer in die EU torpedieren.

Mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen schwindet auch die Hoffnung des von der Finanzkrise schwer gebeutelten Landes auf eine wirtschaftliche Erholung. (APA, 28.2.2016)

  • Flüchtlinge auf Lesbos: In Griechenland fehlt es an Notunterkünften für Flüchtlingsfamilien.
    foto: apa/afp/aris messinis

    Flüchtlinge auf Lesbos: In Griechenland fehlt es an Notunterkünften für Flüchtlingsfamilien.

  • Demonstration in Athen vor der österreichischen Botschaft: "Stoppt Kriege – sichere Reisemöglichkeiten"
    foto: apa/afp/angelos tzortzinis

    Demonstration in Athen vor der österreichischen Botschaft: "Stoppt Kriege – sichere Reisemöglichkeiten"

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