Schleudertraining für den Vagabunden

28. Februar 2016, 09:39
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Burgtheater-Uraufführung: Claus Peymann inszeniert Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte..." in kunstgewerblicher Pracht

Wien – Peter Handkes neues Stück trägt den vielleicht poetischsten, gewiss aber den unhandlichsten Titel der laufenden Spielzeit. Es heißt "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" und nennt sich obendrein "ein Schauspiel in vier Jahreszeiten".

In ihm leistet ein poetischer Widergänger Handkes ganze Arbeit, obwohl man ihn nicht fleißig nennen wollen wird. Er tut nichts Außergewöhnliches. Er lässt sich am Rand einer Landstraße provisorisch nieder. Vorbeikommende – acht an der Zahl, die ominösen "Unschuldigen" – müssen vor seinen Augen passieren und die nicht erlahmende Schmählust des fidel schwätzenden Sonderlings über sich ergehen lassen.

Blendend weiße Märchenbühne

Wir befinden uns im Wiener Burgtheater. Die nach vorne wegkippende Märchenbühne stammt von Karl-Ernst Herrmann. Sie ist blendend weiß und mächtig weit und besitzt das wunderbare Flair der 1990er-Jahre. Damals wurden Handke-Uraufführungen noch zu Staatsaffären hochstilisiert. Und siehe da, so wie damals inszeniert Claus Peymann. Der noch amtierende Leiter des Berliner Ensembles nimmt sich, trotz einiger weniger Striche, eines jeden Wortes, eines jeden Beistrichs mit treu sorgender Ehrfurcht an.

Handkes "Drama" ist das gewiss unerzählbarste, dabei im vollkommen Vagen und Unerklärlichen angesiedelte Gegenwartsstück der Stunde. In ihm gibt sich ein sympathischer junger Märchenerzähler (Christopher Nell) gleich als mehrfacher Wiedergänger seiner selbst zu erkennen. Vor einem Vorhang aus blauer Ballonseide winkt er die verwegensten Trauminhalte zu sich heran.

Er ist zunächst "ICH", ein epischer Erzähler in Großbuchstaben. Er ist darüberhinaus sein eigenes Double, das sich bei Bedarf als "ICH, der Dramatische", zu erkennen gibt. Als multiple Persönlichkeit ist unser Straßenvagabund grundsätzlich gut zu leiden. Er nächtigt bevorzugt auf einem Hochsitz aus Wellblech. Er ähnelt mit seinem patent wippenden Haupthaar, dem Rucksack und der schmucken Weste dem jungen Hölderlin oder irgend einem anderen Dichter der Geniezeit und trägt noch eine andere Persona mit sich herum.

Bei ihr handelt es natürlich um niemand Geringeren als Handke selbst, den cholerischen Pilzesammler von Chaville (Paris). Herr "ICH" ist im Grunde ein Landfriedensbrecher. Indem er die Benutzung des Verkehrsweges ganz seinem eigenen Gutdünken anheimstellt, gerät er mit den sogenannten "Unschuldigen", ganz gewöhnlichen Verkehrsteilnehmern, in einen – freilich glimpflich ablaufenden – Konflikt.

Gesetz der Ding-Poesie

Seine Auffassungen und Meinungen presst er durch das Nadelöhr der Handke-Sprache. In dieser, die manch eine Ähnlichkeit mit dem normalen Verkehrsdeutsch aufweist, herrscht das sanfte Gesetz der Ding-Poesie. Der Tautropfen zählt darin soviel wie die kurioseste Verwünschung. Man kennt mindestens 120 Vogelarten beim Namen.

Die Landstraße reizt zur Verzückung, weil man auf ihr alle diejenigen, die einem auf ihr nun einmal entgegenkommen, so herzlich grüßen kann. Und während unser Herr Landrat sich ganz naiv an der Burgtheater-Maschinerie erfreut, am Blitz und am Donner sowie am eigenen Falsettgesang, wird einem schlagartig deutlich: Peter Handke hat sich des Theaterapparats nicht ohne Nachdruck bemächtigt und sich mit ihm ganz weit hinein in die Büsche geschlagen. Man lauscht verzückt dem von Nell vorgetragenen Poetologenlatein, dem Wort vom "Epos ohne Krieg", von der geheimnisvollen "anderen Zeit", als Fuchs und Hase einander offenbar noch in Augenhöhe begegneten, der "Landstraßenvogelmist" Blinde sehend machte, die Menschen nicht schnöde miteinander "kommunizierten", sondern einander voll heißer, inbrünstiger Poesie die Meinung geigten ...

Man blickt gerührt in die ferne Leere des Bühnenhorizonts. Man würde Handke furchtbar gerne in allem zustimmen. Prosaisch und seinsvergessen ist die Welt der Autobahnauffahrten, der planierten Zugangswege. Unser Dasein hat zweifellos an Würzigkeit eingebüßt, an Geschmack und Gehalt. Man entdeckt nur weit und breit kein Stück, keinen geschürzten Handlungsknoten. Da ist nichts außer dem diffusen Willen, Handkes wortgewaltige Referate in all ihrer mutwilligen Pracht aufzuhübschen und zu exekutieren. Das ist, zieht man das Vermögen aller Beteiligten in Betracht, schon ein mittleres Desaster.

Es ist schon relativ Hochmittag auf der Landstraße, als unser junger Märchenerzähler endlich Besuch erhält. Als "Wortführer" der "Unschuldigen" kommt Martin Schwab des gewundenen Wegs. Den Pöbler ignoriert er komplett, angestauter Luft entledigt er sich rülpsend, das heißt hingebungsvoll. Es wittert ein schöner, archaischer Ernst um Schwab. Leider zurrt ihn die Regie sicherheitshalber gleich fest auf ein paar Klischees. "Die Wortführerin" (Maria Happel) trippelt und gluckst und kirrt, dass es nur so eine Art hat. Der Chor der "Unschuldigen" unterhält sich mit den Smartphonemodellen der Oldtimer-Generation ganz prächtig.

Peymann hat überhaupt eine Unmenge hübscher Details zusammengetragen. Da unser Stück ohne Handlung praktischerweise dem Gang der Jahreszeiten folgt, findet sich ausgiebig Gelegenheit, die Schar der Landstraßen-Lästlinge vor einem Papierhorizont lieblich aufzureihen. Nichts ist notwendig in dieser Kunstgewerbeübung auf technisch hohem Niveau. Niemals geht das eine zwingend aus dem anderen hervor. Immerzu wird die Handke'sche Poesie auf vermeintliche Bildwirkungen hin abgeklopft.

Vollends zur wunderbaren Regina Fritsch als der großen "Unbekannten von der Landstraße", einem erotischen Fabelwesen, einer archetypischen "Dame in Schwarz", die dem "ICH" auf geheimnisvolle Weise verbunden scheint, ist Peymann herzlich wenig eingefallen.

Versöhnliches Ende

Das Stück, das keines ist, und darum heißt wie noch kein anderes vor ihm, endet versöhnlich. Dieser an sich erfreuliche Umstand erklärt sich vornehmlich dadurch, dass so etwas wie ein Stück, ein "Drama", gar nicht erst in Gang gekommen ist. Der Jubel, der an alle Beteiligten reichlich ausgespendet wurde, mag durch den nostalgischen Blick zurück begünstigt worden sein. Früher wurden in Handkes Namen Einbäume zu Wasser gelassen und selige Stunden verbracht, da man nichts voneinander wusste. Jetzt wurde man an der Landstraße sitzengelassen. Kein schönes Erlebnis. (Ronald Pohl, 28.2.2016)

  • Christopher Nell als 'Ich' (Mitte), Regina Fritsch (rechts) als 'Die Unbekannte' sowie 'Die Unschuldigen' (Hintergrund).
    foto: apa/roland schlager

    Christopher Nell als 'Ich' (Mitte), Regina Fritsch (rechts) als 'Die Unbekannte' sowie 'Die Unschuldigen' (Hintergrund).

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