Ghostwriter aus Liebe zur Wissenschaft

Porträt3. März 2016, 08:52
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Vor Themen, die nicht seine sind, hat der in Wien tätige Ghostwriter Pierre Guerchon keine Scheu. Sein Geld verdient er damit, dass manche ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz aufgegeben haben

Wien – Die Frage, ob seine Arbeit fragwürdig oder gar unmoralisch sei, habe auch er sich oft gestellt, sagt Pierre Guerchon*. Beantworten sollte er sie aber erst am Ende eines längeren Gesprächs. Er bestellt einen Espresso, zwei weitere folgen noch. Ein schlanker, nicht sehr großer Mann mit dunklen Locken im schwarzen Rollkragenpulli.

Guerchon, 26 Jahre alt, gebürtiger Franzose, ist Ghostwriter. Das heißt: Er schreibt akademische Arbeiten für jene, die sie nicht selbst schreiben wollen – aus welchen Gründen auch immer. Saoirse Whitman ist sein Pseudonym. "Whitman nach dem US-amerikanischen Dichter Walt Whitman, 'Saoirse' ist Irisch und bedeutet Freiheit", sagt Guerchon und zieht an seiner Zigarette. Man merkt ihm an, dass er nichts willkürlich tut. Er denkt scheinbar viel nach, will mehr erfahren, mehr von der Welt, mehr über sein Gegenüber. Aber jetzt soll er einmal von sich selbst erzählen, auch das fällt ihm nicht schwer.

Angefangen hat alles im Bekanntenkreis. Einmal habe er seiner Mitbewohnerin bei einer Hausübung geholfen, ein zweites Mal bei einer Seminararbeit. "Nach einiger Zeit bedeutete 'helfen' dann: 'Schreib es für mich!'", sagt Guerchon, der seine Doktorarbeit an einer französischen Uni schreibt. "Und so haben wir es schließlich gehandhabt, weil es einfach schneller ging."

Um Hilfe gebeten

Mit der Zeit hätten ihn Freunde der Mitbewohnerin um "Hilfe" gebeten, da hat der Doktorand begonnen, für seine Arbeit Geld zu nehmen. Anfangs waren es 7,50 Euro pro Seite, "das hat sich kaum ausgezahlt". Mittlerweile verlangt er zehn. Im Vergleich: Bei größeren Agenturen zahlt man das Vier- bis Zehnfache. Gefragt, wie viel er im Monat verdient, sagt er: vielleicht "neuf cent Euro", 900 Euro. Damit könne man in Wien gut durchkommen, meint Guerchon, der zuletzt in Paris gelebt hat. Sein Kundenkreis erweitert sich stetig, durch Weiterempfehlungen, aber auch durch Online-Inserate. In denen steht dann etwa: "Ich helfe beim Verfassen und Redigieren von Magisterarbeiten."

"Das ist wie ein Code, jeder weiß, was damit gemeint ist", sagt Guerchon, der in Frankreich Geopolitik studiert hat. Für andere geschrieben hat er bereits in Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Psychologie. So beeindruckend die Bandbreite erscheint, so üblich ist es in der Branche, Arbeiten in Fächern zu schreiben, die man nie studiert hat. "Wissenschaft ist wie Brot backen. Der Teig ist immer derselbe, danach fügt man unterschiedliche Zutaten hinzu."

Dissertationen schreibt Guerchon, der perfekt Deutsch spricht, nicht. Am liebsten, sagt er, seien ihm Masterarbeiten. "Das sind im Gegensatz zu Hausübungen oder Seminararbeiten schon Forschungen. Das heißt, ich muss überlegen und analysieren und nicht nur zusammenfassen oder beschreiben."

Wut auf "dieses" System

Dass er auf seine Arbeiten fast nur Sehr gut bekommt, macht ihn sichtlich stolz. Der 26-Jährige scheint überzeugt, das System Wissenschaft zu bereichern – eher jedenfalls als seine Kunden, die meist wenig Ahnung und keinen Respekt vor wissenschaftlichem Arbeiten hätten. Auf Beschwerden oder Änderungswünsche gehe er daher auch nicht ein. "Wenn sie sagen: 'Nimm doch diese Theorie, schreib das anders', sage ich: 'Mach es doch selbst.'" Am liebsten ist ihm, wenn er durch die Auftragsarbeiten selbst dazu lernt.

Dazuzulernen, das war auch der Grund, aus dem er sich nach seiner Ankunft in Wien vor eineinhalb Jahren für sein bereits zweites Masterstudium inskribieren wollte. Im Fach Geografie. Von der Universität Wien kam eine Absage. Seine bisherigen Studienabschlüsse könnten wegen mangelnder Vergleichbarkeit nicht anerkannt werden, hieß es. Das löste Wut aus, "eine Wut, die heute immer noch da ist". Solch einem System gegenüber müsse man nicht ehrlich sein, sagt Guerchon.

Keine gesicherten Zahlen

Wie viele Ghostwriter in Österreich tätig sind, dazu gibt es keine gesicherten Zahlen. Das deutsche Magazin Zeit Campus hat für den "Ghostwriter-Report" akademische Ghostwriter um eine Einschätzung gebeten. Die Angaben lagen im Schnitt bei 50 Vollzeitghostwritern in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Was Pierre Guerchon nach Abschluss seiner Doktorarbeit plant? "Ich möchte mir einen richtigen Job suchen", sagt der junge Mann, der anonym bleiben will, weil er Angst hat, Ghostwriting könnte seiner Karriere schaden. (Lisa Breit, 3.3.2016)

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