Mitterlehner: "Unis sollen mehr Studierende zulassen"

Interview3. März 2016, 06:25
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Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner will, dass die Unis Studiengänge abgleichen. ÖH-Generalsekretärin Magdalena Goldinger will lieber Vielfalt und eine Profilschärfung

STANDARD: Der neue Chef des Wissenschaftsrats, Antonio Loprieno, sagte kürzlich, dass 22 Unis zu viel seien. Würden Sie sich auch um eine Fusion bemühen?

Mitterlehner: Im ersten Moment würde man wohl sagen, dass es hier Einsparungspotential gibt. Etwa bei den Medizinuniversitäten hätte es die Möglichkeit gegeben, sie nicht in die Eigenständigkeit zu entlassen oder nachträglich Zusammenführungen zu machen. Dann wäre auch die Größenordnung und die Zahl der Zitierungen in der internationalen Wahrnehmung eine ganz andere. Und damit auch die Chance, in den Rankings anders abzuschneiden und Effizienzpotenziale zu nutzen. Auf der anderen Seite hat man die Medizinunis erst vor zehn Jahren entkoppelt und gerade erst Eigenständigkeit entwickelt. Daher gibt es kaum Bereitschaft der Betroffenen, wieder gegenteilige Diskussionen zu führen. Wie ich die Landeshauptleute und die Hochschülerschaft kenne, werden wir nicht von 22 auf weniger Unis reduzieren.

Goldinger: Die 21 Universitäten und die Donauuni Krems haben eine Berechtigung zu existieren. Sie müssen aber ihr Profil schärfen. Das ist auch für Studierende wichtig – für ihre Entscheidung, wo sie studieren wollen.

foto: christian fischer
ÖH-Generalsekretärin Magdalena Goldinger von der Fraktion Engagierter Studierender (Fest) trinkt Tee, Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) lieber Kaffee. Aber nicht nur beim Heißgetränk sind die beiden unterschiedlicher Meinung: Beim Thema Testgebühren sind sie weit voneinander entfernt.

STANDARD: Was ist mit anderen Kooperationen abseits von Zusammenlegungen? Vor einigen Jahren hat die TU Wien Lehramtsstudien, die auch an anderen Unis angeboten wurden, eingespart.

Mitterlehner: Durch einen Fächerabgleich könnten die Hochschulen konzentrierter auftreten. Damit erreichen wir, was auch mit einer Zusammenlegung passieren würde: mehr Effizienz und mehr Kooperation.

Goldinger: Eine Zusammenarbeit auch auf Forschungswegen ist sinnvoll. Auch um Ressourcen abzugleichen und damit Studierende die Möglichkeit haben, besser wechseln zu können.

STANDARD: Aber muss es sein, dass man beispielsweise sowohl an der TU Wien wie auch an der Uni Wien Informatik studieren kann?

Goldinger: Ja. Es gibt an den verschiedenen Unis komplett unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Ähnlich ist es im Fach Architektur, das an der TU und der Akademie der Bildenden Künste angeboten wird. Das sind andere Zugänge zum Fach, die eine technische und eine Kunstuni haben. Durch eine Zusammenlegung geht die Vielfalt verloren.

Mitterlehner: Ein Fächerabgleich und Kooperationen zwischen den Hochschultypen würde uns einfach helfen, die Angebote zu verfeinern. Wir haben ja nicht beliebige finanzielle Mittel.

STANDARD: Durch die Hochschulraumstrukturmittel soll die innerösterreichische Mobilität erhöht werden. Die Anrechenbarkeit im Land ist aber schwieriger als bei Unis im Ausland. Die Unis pochen auf ihre Autonomie. Wie wollen Sie sich durchsetzen?

Mitterlehner: Ich hoffe, dass wir nicht ein österreichisches Erasmus-Programm brauchen für Leute, die in Österreich den Studienort wechseln (lacht). Dahinter liegt ein ernsthaftes Problem. Wir wollen eine bessere Koordination der Anrechenbarkeit in den Curricula erreichen.

STANDARD: Wie soll das funktionieren, wenn die Unis hier selbst entscheiden, was angerechnet wird?

Mitterlehner: Wir können das nicht vorschreiben, aber anregen und begleiten. An den Unis gibt es mittlerweile eine Kultur des Miteinanders. Wir haben eine gute kooperative Ebene – auch mit den Fachhochschulen. Dort, wo ich die beste Kooperation habe, habe ich auch die besten Hochschulen.

Goldinger: Bei den Studierenden kommt das aber so nicht an. Sie können oft nicht langfristig planen. Man muss sich zuerst inskribieren, um nachher herauszufinden, was überhaupt angerechnet wird – ohne, dass vorher kommuniziert wird, was die Möglichkeiten wären. Zudem sind es immer Einzelfallentscheidungen.

STANDARD: … die Unis entscheiden also von Person zu Person. Es gibt keine Vorlagen.

Goldinger: Genau. Es kann sein, dass zwei Leute vom selben Studium und derselben Uni wechseln und dann unterschiedliche Auflagen für ein Studium an der anderen Uni vorgesetzt bekommen.

Mitterlehner: Wir brauchen hier ein möglichst transparentes und planbares System. Keines, wo man individuell mit sportlicher Begabung das Beste für sich herausholen kann.

STANDARD: Über die Strukturmittel sollen auch nicht-traditionelle Studiengänge gefördert werden – wie?

Mitterlehner: Studienanfänger mit Lehrabschluss sollen es leichter haben, an der Uni zugelassen zu werden. Es soll nicht nur den starren Weg geben, über die Matura oder Studienberechtigungsprüfung an die Uni zu kommen. Unis sollen mehr Anfänger zulassen.

Goldinger: Wichtig ist auch, dass man die Kompetenzen, die man im Beruf erworben hat, leichter in das Studium eingliedern kann. Das funktioniert an manchen Fachhochschulen schon besser. Die Kompetenzen, die Leute mitbringen, müssen höher anerkannt werden, auch wenn es keine wissenschaftlichen Kompetenzen sind.

STANDARD: Die Universitätenkonferenz hat beschlossen, Aufnahmeverfahren einzuheben – spießt sich das nicht mit Ihrer Forderung nach mehr Zulassungen?

Mitterlehner: Nein. Aber es wird eine Frage der Angemessenheit der Gebühren sein. Entscheidend ist, ob es eine Abdeckung der Kosten ist, die bei der Durchführung der Verfahren entstehen, weil Studierende nicht antreten oder ob es eine verdeckte Studiengebühr ist. Die Höhe ist entscheidend.

foto: christian fischer
ÖH-Generalsekretärin Magdalena Goldinger (Fest) will, dass Unis keine Prüfungsgebühren einfordern – an den FHs ist dies schließlich ausdrücklich verboten. Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) sieht dies als einen hinkenden Vergleich.

STANDARD: SPÖ und Hochschülerschaft kritisierten die Gebühren als sozial selektiv …

Mitterlehner: Etwa 50 Euro gelten als angemessen. Das ist ein Betrag, der keine erhebliche finanzielle Belastung für Studierende ist.

Goldinger: Wir haben Angst, dass diese Gebühr weiter abschreckt. Bei beschränkten Studien bewirbt man sich oft für mehr als eines. Bei drei oder vier Studien läppert sich das schon zusammen. Mit Ende der Schulzeit ist das schon recht hoch. Den Fachhochschulen, die schon lange Zugangsbeschränkungen haben, ist es gesetzlich verboten, Aufnahmegebühren zu verlangen. Wieso soll man an der Uni zahlen?

Mitterlehner: Der Vergleich mit den FHs ist nicht stimmig. Dort werden Studiengebühren eingehoben. Wenn ich – wie Sie – ableite, dass alles für alle Hochschulen gelten muss, muss ich das auch hier machen.

STANDARD: Wollen Sie Studiengebühren auf die Unis ableiten?

Mitterlehner: Ob ich mir das vorstellen kann, und es ein Programmpunkt ist, sind zwei verschiedene Sachen. Vorstellen kann ich mir das sowieso. Es ist auch ein Wunsch meiner Partei. Wir haben aber die Spielregel, die Regierungsprogramm heißt, und da ist es nicht vorgesehen.

STANDARD: Vor knapp einem Monat fand der Akademikerball statt. Die ÖH hat Demos organisiert und sich auf ihr allgemeinpolitisches Mandat berufen. Dieses ist aber umstritten.

Mitterlehner: Ich halte viel vom allgemeinpolitischen Mandat. Ein mündiger Student, der sich in die gesellschaftspolitische Diskussion einbringt, wird auch später eher ein Bürger sein, der die Gesellschaft mitgestaltet. Wir werden hier nichts einschränken. Sonst klagen alle über Politikverdrossenheit junger Leute.

Goldinger: Dieses Mandat ist wichtig, um auch eine Stimme in der Gesellschaft darzustellen. (Oona Kroisleitner, Tanja Traxler, 3.3.2016)

Magdalena Goldinger (28) ist seit 2015 Generalsekretärin der ÖH-Bundesvertretung für die Fraktion Engagierter Studierender (Fest). Sie studiert Lehramt für Mathematik und Geschichte an der kirchlich pädagogischen Hochschule Wien/Krems.

Reinhold Mitterlehner (60) ist seit 2013 Wissenschaftsminister. Im Jahr 2014 übernahm er den Vizekanzlerposten und wurde Bundesparteiobmann der ÖVP. Mitterlehner ist studierter Jurist.

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