Nemzow-Mord: Ein Toter als Sündenbock

26. Februar 2016, 17:24
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Ein Jahr nach dem Mordanschlag gestaltet sich die Suche nach den Hintermännern quälend langsam

Eine Schweigeminute zum Angedenken an den vor einem Jahr erschossenen Ex-Vizepremier Boris Nemzow wird es in der russischen Staatsduma nicht geben: Populistenchef Wladimir Schirinowski kritisierte einen entsprechenden Vorschlag des einzig im Parlament verbliebenen oppositionellen Abgeordneten Dmitri Gudkow als "Anarchie". Die übrigen Parlamentarier lehnten das Ansinnen unter Verweis auf formale Hindernisse ab.

In Moskaus politischer Elite ruft inzwischen jede Erinnerung an die Ermordung des damals 55-jährigen Nemzows in Kremlsichtweite Aversionen hervor. Nach schnellen Anfangserfolgen in der Aufklärung – die mutmaßlichen Vollstrecker wurden nur eine Woche nach dem Anschlag festgenommen – gestaltet sich die Suche nach den Hintermännern nämlich quälend langsam. "Als klar wurde, dass die Spuren zu Ramsan Kadyrow führen, wurden die Ermittlungen gebremst", meint Ilja Jaschin, Co-Vorsitzender der Oppositionspartei "Parnas" und einer der engsten Mitstreiter Nemzows zu dessen Lebzeiten. Die Opposition hat am Samstag, zum Jahrestag der Ermordung, zu einer Demonstration in Moskau aufgerufen und erwartet eigenen Angaben nach zehntausende Teilnehmer. Auch in anderen russischen Städten, wie in Jekaterinburg, Nischni Nowgorod und Nowosibirsk, sind Gedenkveranstaltungen geplant.

"Gefahr für die nationale Sicherheit"

Für Jaschin ist klar, dass Kadyrow, Moskaus Statthalter in Grosny, hinter der Tat steckt. "Die Frage besteht nur darin, ob Kadyrow das letzte Glied in der Kette ist", oder ob der Auftrag von noch höherer Stelle kam, sagte Jaschin am Dienstag bei der Vorstellung seines Berichts "Gefahr für die nationale Sicherheit", der sich mit den mafiösen Strukturen des Kadyrow-Clans befasst und den Tschetschenenchef der Korruption, der Islamisierung Tschetscheniens, des Personenkults und der Ermordung politischer Feinde bezeichnet.

Klar ist, dass die fünf Angeklagten im Nemzow-Mord in enger Beziehung zu Kadyrow stehen. Saur Dadajew, der die sechs Schüsse, vier davon tödlich, abgefeuert haben soll, ist Angehöriger des tschetschenischen Sonderbataillons "Nord", das als Leibgarde Kadyrows gilt und von Alibek Delimchanow, einem Cousin des Tschetschenenchefs, geführt wird. Kadyrow lobte den Angeklagten selbst nach der Tat noch als "echten Patrioten Russlands". Trotzdem wurde die Forderung des Nemzow-Anwalts Wadim Prochorow, Kadyrow zumindest als Zeugen zu vernehmen, von der Staatsanwaltschaft abgewiesen.

Verdächtiger

Die Behörden haben es bisher nicht einmal geschafft, den entfernten Kadyrow-Verwandten Ruslan Geremejew zu befragen, der als unmittelbarer Verdächtiger in dem Fall gilt, weil er drei Tage vor dem Mord mit Dadajew aus Grosny einflog und einen Tag später mit ihm zusammen auch wieder in den Kaukasus abreiste. Als die Ermittler Geremejew in einem Dorf in Tschetschenien ausfindig gemacht hatten, wurde ihnen der Zugang dazu von tschetschenischen Polizeieinheiten verwehrt.

Nun hat sich Geremejew immerhin per Brief zu Wort gemeldet. Seine Aussagen kommen einer Verhöhnung der russischen Ermittler gleich. Natürlich sei er unschuldig, betonte der Gesuchte. Von den Anschuldigungen habe er "erstaunt" aus den Medien erfahren, habe sich aber wegen verschiedener Kampfeinsätze gegen islamistische Terroristen in den tschetschenischen Bergen nicht bei den Behörden melden können. Die übrigen Angeklagten haben ihre zwischenzeitlichen Geständnisse alle zurückgezogen und schieben die Schuld nun auf einen Toten ab: Beslan Schawanow, der sich bei seiner versuchten Festnahme mit einer Handgranate in die Luft sprengte.

Die Hintermänner hat keiner der Verdächtigen verraten – und so hat Kadyrow keine Unannehmlichkeiten zu befürchten. Im Gegenteil. Angesichts seiner völligen Narrenfreiheit ging der Tschetschenenführer zuletzt zu unverblümten Morddrohungen gegenüber weiteren Oppositionellen über. In seinem Instagram-Account nahm er virtuell die beiden Oppositionspolitiker Michail Kassjanow und Wladimir Kara-Mursa ins Visier eines Scharfschützengewehrs. Ersterer wurde kurz danach Opfer eines "Tortenanschlags" in einem Moskauer Restaurant. Trotz zahlreicher Kameras, die unter anderem die Nummernschilder der kaukasischen Täter erfasste, blieb die Polizei tatenlos.

Daraufhin erwischte es dann in dieser Woche auch Alexej Nawalny. Kadyrow bezeichnete sich einst als "Infanterist" des Kremlchefs Wladimir Putin. Die Opposition spricht daher ein halbes Jahr vor der wichtigen Dumawahl von massiven Einschüchterungsversuchen. Immerhin hatte es auch auf Nemzow zuerst "lustige Attentate" gegeben, erinnert Gudkow. (André Ballin, 26.2.2016)

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