Handelslehrlinge lernen Nerven bewahren

27. Februar 2016, 09:00
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Die Sozialpartner stellen den Lehrberuf auf neue Beine, auch weil Kunden selbstbewusster und ungeduldiger sind. Grüßen spielt immer noch eine wichtige Rolle

Wien – Kunden haben weniger Zeit, dafür mehr Rechte und kennen diese auch. Durchaus selbstbewusst, manchmal aber auch ungeduldig, machen sie sie im Handel geltend. Nicht jeder Beschäftigte ist dank seines Naturells dafür gewappnet, dem mit Geduld und Professionalität zu begegnen.

Ein Grund für Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter, die Lehrlingsausbildung im Einzelhandel dahingehend zu reformieren. Worum es geht, formuliert GPA-djp-Gewerkschafter Manfred Wolf so: "Kommt der Kunde mit einem Umtauschwunsch und sagt: "Was haben Sie mir da verkauft?", ist das potenziell eine Konfliktsituation." Diese so zu lösen, dass der Kunde wiederkommt", sei Teil des Jobs sagt Jörg Schielin, Chef der privaten Berufsschule des Lebensmittelriesen Spar.

Persönliche und soziale Kompetenz

Erstmals ist deswegen persönliche und soziale Kompetenz – inklusive Konfliktlösungsfähigkeit – Teil der Ausbildung. Für 5000 Lehrlinge, die 2015 ihre Ausbildung begonnen haben, ist das neue Regelwerk schon in Kraft.

Anstelle der bisher geforderten Projektarbeit müssen die Lehrlinge bei der Abschlussprüfung künftig starke Nerven zeigen und den berüchtigten lästigen – im Fachjargon herausfordernden – Kunden mit profundem Detailwissen zur Seite stehen, ohne ungeduldig Dazustoßende zu vergraulen. Am Ende gehe es darum, sich dort zu verstärken, wo man seine Vorteile im Kampf gegen die digitale Konkurrenz sieht: Im persönlichen Gespräch erklärt WKÖ-Spartengeschäftsführer René Tritscher das sozialpartnerschaftlich erarbeitete Konzept. Auch neue Ausbildungsbetriebe und Lehrlinge wolle man gewinnen.

Nachwuchsprobleme lösen

Denn zum Teil gebe es ein Nachwuchsproblem. Die Höhe der Lehrlingsentschädigung (958 Euro im dritten Lehrjahr) lässt Tritscher als potenzielle Eintrittshürde für den Nachwuchs nicht gelten. "Viele Betriebe zahlen Prämien, manche übernehmen die Kosten für den Führerschein oder für ein Moped." Vielmehr gelte es die Karrieremöglichkeiten in der Branche aufzuzeigen.

Was die Reform des Handels-KVs betrifft, so sei man noch mitten in den Gesprächen. Auch das Thema Digitalisierung wolle man erst in einem nächsten Schritt angehen. Ohnedies seien alte Tugenden wie Grüßen nicht zu unterschätzen ergänzt Gewerkschafter Wolf: "Das wirkt am besten gegen Ladendiebstahl, weil der Kunde da gleich einmal merkt, dass er hier wahrgenommen wird." (Regina Bruckner, 27.2.2016)

  • Einzelhandelslehrlinge zu Zeiten, als es Zielpunkt noch gab.
    foto: standard

    Einzelhandelslehrlinge zu Zeiten, als es Zielpunkt noch gab.

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