Jihadistenprozess in Graz: Zeugin per SMS mit Tod bedroht

26. Februar 2016, 19:24
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Im Grazer Jihadistenprozess wollte eine Zeugin aus Angst der Verhandlung fern bleiben. Sie wurde von der Polizei vorgeführt. Groteske um verwechselten burgenländischen Studenten.

Graz – Die Zeugin mit den schulterlangen blond-melierten Rasterlocken wird von der Polizei vorgeführt. Sie wollte der Ladung nicht nachkommen und eigentlich nicht zum "Jihadistenprozess" nach Graz fahren. Nun sitzt sie aber auf Geheiß des Gerichtes hier als Zeugin im Schwurgerichtssaal – mit den beiden streng bewachten Angeklagten im Rücken. Als sie vorsichtig über ihren streng gläubigen Sohn zu reden ansetzt, spürt der Richter das Zögern: "Haben sie Angst?"

"Ich habe schon Angst", sagt die Frau, die in ihrer Familie als "Ungläubige" beschimpft worden war, "nicht vor dem Gericht oder der Polizei, aber vor Dritten. Ich hab' Angst, dass mir 'was passiert". Sie wolle reden, aber nur, wenn die Öffentlichkeit ausgeschlossen werde.

Später, als die Zeugin das Gericht wieder verlassen hat, reicht der Richter aufklärende Worte nach: Die Frau habe sich gescheut, vor Gericht zu erscheinen, da sie mehrere SMS erhalten habe, in denen ihr mit dem Tod gedroht worden sei, wenn sie in der Verhandlung aussage.

"Gehirnwäsche"

Es geht um ihren Sohn, der in die radial-islamistische Szene abgedriftet und in Wiener Moscheen radikalisiert worden ist. Vorträge, die ihr Sohn gehört habe, seien reine "Gehirnwäsche " gewesen, sagt die Frau. Der Sohn wollte nach Syrien, wurde aber zuvor verhaftet – worüber sie sehr froh gewesen sei. Ihr Ex-Mann kämpft gegenwärtig in Syrien für den IS. Er habe ihr mitgeteilt, der IS werde auch nach Österreich kommen. Mittlerweile habe ihr Ex-Mann neue Frauen, zitiert der Richter aus den Akten.

Jenem Zeugen, auf den die Staatsanwaltschaft gebaut hatte, hat mittlerweile der Mut zur Erinnerung verlassen. Der wegen falscher Aussage in Haft sitzende Bruder eines Syrienkämpfers kann sich auch in der abermaligen Einvernahme vor Gericht am Freitag nicht mehr an seine alten Aussagen vor der Polizei erinnern. Er vermeidet es tunlichst, den angeklagten Prediger zu belasten. Vor der Polizei hatte er dies mehrmals getan. Er meint, er könne sich nicht mehr erinnern, dass er gesagt habe, dass der Prediger junge Muslime aufgefordert habe , in den Jihad zu ziehen. Der junge Mann bleibt vorerst in Haft.

Groteske um Studenten

Und mit einem Mal wendet sich die düstere Gerichtsszenerie in eine Groteske. Ein Zuschauer wird nach vorne zum Richtertisch zitiert. Die Zeugin habe angegeben, er habe regelmäßig die Pension ihres Ex-Mannes, der in Syrien kämpft, abgeholt und ihm zukommen lassen. Sie habe ihn wiedererkannt. "Äh, ich bin Jus-Student im vierten Semester und will mir nur die Verhandlung anschauen", sagt der völlig verdutze junge Mann aus Oberwart. "Aber sie schauen nicht so aus wie auf ihrem Passfoto. Das passt nicht zusammen", sagt er Richter.

"Ich glaub ich bin im falschen Film" schüttelt der Student den Kopf. Die Frau müsse sich fundamental geirrt und ihn verwechselt haben.

Weil sich die Sache ad hoc nicht klären lässt und der Richter samt Beisitzer ihm letztlich doch glauben, darf er den Prozess weiterverfolgen. Wenn er nach dieser unerfreulichen Episode "überhaupt noch will", schmunzelt der Richter. (Walter Müller, 26.2.2016)

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