"Mir war sofort klar, dass das ein hammermäßiges Bild wird"

27. Februar 2016, 17:00
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Ein Künstler im Zirkus der Sportler ist Fotograf Christian Walgram. Mit seinem Sturzfoto gewann er beim World Press Photo Award

Wien – Richtig "grausig" sei es gewesen, diesen Sturz anzuschauen, sagt Christian Walgram: "Die Minuten danach waren schrecklich, als er regungslos dort gelegen ist". Man hätte im Stadion eine Stecknadel fallen gehört. Davor hat der Fotograf das Richtige gemacht, nämlich auf den Auslöser gedrückt, als der Tscheche Ondrej Bank bei der Weltmeisterschaft in Beaver Creek im Februar 2015 über den Zielsprung segelte: "Mir war sofort klar, dass das ein hammermäßiges Bild wird." Das fand auch die Jury des World Press Photo Award und krönte Walgram zum Sieger in der Kategorie Sport.

Der 34-jährige Steirer, der seit 2006 in Diensten der Grazer Bildagentur Gepa steht, ist der erste Österreicher, der beim weltweit prestigeträchtigsten Fotopreis in einer Kategorie reüssieren konnte. Dass seine Freud' auf dem Leid eines anderen basiert, sei grundsätzlich nicht schön, sagt er im Gespräch mit dem STANDARD, aber: "Auf das Foto bin ich sehr stolz." Und Bank kam mit einer Gehirnerschütterung, Cuts und Prellungen davon. "Ich bin heilfroh, dass es relativ glimpflich ausgegangen ist."

foto: apa/gepa pictures/ christian walgram
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort war Gepa-Fotograf Christian Walgram, als Ondrej Bank in der Kombiabfahrt bei der Ski-Weltmeisterschaft in Beaver Creek brutal vom Hang abgeworfen wurde.

80.000 Einreichungen

In allen Kategorien wurden für den heurigen World Press Photo Award über 80.000 Fotos von 6.000 Fotografen eingereicht. Es war Walgrams erster Versuch: "Jetzt habe ich eine Trefferquote von 100 Prozent", sagt er schmunzelnd. Vom Gewinn hat er nicht von den Organisatoren erfahren, sondern telefonisch von einem Kollegen, als er wieder einmal auf der Piste stand: "Das war beim Abfahrtstraining in Chamonix." Und die Reaktion? "Zuerst war ich völlig ungläubig, dann war die Freude riesengroß."

Für die Gepa fotografiert er fast alle Sportarten. Walgram ist einer von nur zwei angestellten Pressefotografen der Agentur. Die restlichen Kollegen, etwa 20, arbeiten als Freie mit Pauschalen pro Termin. Das Metier sei hart, sagt Walgram: "Zu jedem Thema gibt es unzählige Bilder." Der Bildpreis sinke in den Keller.

foto: gepa pictures / mario kneisl
Christian Walgram begann 2006 bei der Gepa als Bildbearbeiter, seit 2008 ist er Fotograf der Agentur.

Olympia das Größte für Pressefotografen

Im Winter ist Walgram "viel unterwegs", denn sein Schwerpunkt sei der Wintersport. Im Sommer wartet mit den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro jedoch ein besonderes Highlight: "Das ist nicht nur für Sportler das Größte, sondern auch für Sportfotografen." Vorher geht es noch nach Frankreich zur Fußballeuropameisterschaft, wo er mit vier Gepa-Kollegen vor Ort sein wird. Die Gepa beliefert nicht nur heimische Medien, sondern vertreibt ihre Fotos auch über Partneragenturen in einem weltweiten Netzwerk. Ob er regelmäßig verfolge, wer seine Fotos veröffentlicht? "Bei besonderen Bildern schaue ich mir das an." Jede Veröffentlichung sei eine Anerkennung der eigenen Arbeit.

Die "Königsdisziplin" ist für ihn der Riesentorlauf: "Das sind die komplettesten Skifahrer. Das ist am schönsten zu fotografieren." Am schwierigsten sei der Super G, weil es kein Training gibt, um sich Positionen anzusehen. Beim Besichtigen der Strecke komme ihm die Routine zugute: "Ich muss antizipieren, wie der Läufer daherkommt und ob das eine gute oder langweilige Stelle ist."

Mühsames Warten

Laut FIS-Regulativ müssen Fotografen ihre Position eine Stunde vor Rennbeginn beziehen und dürfen sie nicht verlassen, bis der Letzte im Ziel ist. "Bei Verschiebungen kann das sehr mühsam werden." Eine Stunde vor dem Start schickt die FIS einen Sicherheitsdelegierten zur Inspektion, um zu überprüfen, ob die Pressefotografen korrekt postiert sind. Wenn nicht, heißt es Abmarsch – und zwar nach unten: "Außer vielleicht beim Slalom, da kann man ein paar Tore raufmarschieren." Das Schlimmste war bis jetzt ein Abfahrtstraining in Beaver Creek bei minus 28 Grad und Schneesturm: "Nach fünf Stunden Verschiebungen im Halbstundentakt wurde es abgesagt."

Zum Weltpressefoto des Jahres wurde heuer das Foto eines Flüchtlings mit seinem Baby am ungarischen Grenzzaun gekürt. Zu recht, sagt Walgram: "Das Foto ist sensationell und irrsinnig aussagekräftig." Gemacht hat es der Australier Warren Richardson. Nur bei Mondlicht. "Es ist nicht ganz scharf, es hat eine extreme Körnung, das macht das Bild aus."

foto: reuters/warren richardson
Das Foto eines Flüchtlings mit seinem Baby am ungarischen Grenzzaun ist das Weltpressefoto des Jahres 2015.

Leer ausgegangen beim APA-Fotopreis

Was für eine internationale Jury herausragend ist, kann für eine österreichische Jury nicht gut genug sein. Denn sein Sturzfoto hatte Walgram zuvor auch beim APA-Fotopreis Objektiv eingereicht, der Österreichs beste Pressefotos auszeichnet. Ohne Erfolg: "Es hat nicht für eine Nominierung gereicht." Für den Steirer ist das kein Problem: "Das liegt immer im Auge des Betrachters. Zum Glück sieht das jeder anders, sondern wäre das langweilig." (Oliver Mark, 27.2.2016)

Ondrej Banks Sturz mit ORF-Kommentar

hanse10068
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