"The Walking Dead": Fleisch ist ihr Gemüse

Reportage28. Februar 2016, 09:00
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Die Protagonisten der erfolgreichen TV-Serie "The Walking Dead" werden auf einer Fan-Convention in Madrid wie Popstars gefeiert

Einer der wichtigsten Lehrsätze der Popkultur lautet: Junge Frauen haben immer Recht. Wenn jetzt im deutschen Sprachraum nach einer traditionellen Weihnachtspause die zweite Hälfte der aktuellen sechsten Staffel der US-Zombie-Serie "The Walking Dead" ausgestrahlt wird, sehen zwar in unseren Breiten meist junge, geschmacklich belastbare Männer zu.

Die aktuellen Einschaltquoten liegen bei rekordverdächtigen 400.000 Zusehern pro Folge auf Fox. Dies macht "The Walking Dead" zur erfolgreichsten Pay-TV-Serie daheim in den USA sowie im deutschen Privatfernsehen. In Spanien allerdings kann diese Quote dank weiblicher Anhängerschaft mit einer Affinität für blutrünstige Grauslichkeiten locker verdoppelt werden.

Wie man in der vergangenen Woche im Rahmen einer Fan-Convention in Madrid beobachten konnte, waren es also vor allem hunderte enthusiastische Frauen, die die eingeflogenen Stars stürmisch begrüßten. Dank Selfie-Wahn und Autogrammwünschen sorgten sie für eine eineinhalbstündige Verzögerung der Panel-Interviews im größten Kino Madrids.

Hunger auf Menschenfleisch

Wer die Serie nicht kennt: Immer bevor die Untoten Hunger auf Menschenfleisch haben, was zu drastischen Szenen aus dem Bereich Bisswunden mit ernsten Folgen führt, läuft eine sich spiralförmig um die eigene Achse drehende bedrohliche Titelmelodie auf Geigenbasis. Sie krümmt einem nervlich nicht nur die Zehennägel. Mittels 90-minütiger Dauerbeschallung gelangte die eingeflogene europäische Weltpresse in Madrid auch recht schnell in eine gewisse, für die Serie unbedingt nötige, Endzeitstimmung.

Das führte am nächsten Tag bei den Interviews nicht nur zu brennenden Fragen wie "What do you like most about Serbia?" oder "Which weapon would you choose in private to kill Zombies?".

Eingeflogene, Bart-Simpson-Shirts tragende Kollegen für TV-Serien sorgten mit ihren Vergleichen zwischen der Original-Comics-Vorlage des Erfinders Robert Kirkman und diesbezüglichen inhaltlichen Abweichungen der TV-Umsetzung auch für jene Traurigkeit in den Befragungsrunden, die sonst nur zu einem Zeitpunkt auftaucht:

Man ist in einem von Schutzmauern abgeschirmten Dorf der US-Südstaaten gefangen. Dieses wird von sehr, sehr vielen Lebewesen mit eingeschränktem Wahrnehmungsapparat belagert – und man weiß, dass man nicht so schnell wieder aus dieser Sache rauskommt.

Drinnen wird der Mensch des Menschen größter Feind. Verhaltensoriginelle Irre sind, gruppendynamisch gesehen, für Serien, die nach dem Reise-nach-Rom-Prinzip vorgehen, sehr wichtig! Draußen lauern abertausende Zombies, denen das Fleisch in Fetzen vom Körper hängt und die kein Frühstück hatten.

Schauspieler Josh McDermitt gibt in "The Walking Dead" den scheinbaren Dorftrottel Eugene Porter. Er sagt zu den Geschehnissen rund um Hauptprotagonist Sheriff Rick Grimes und seine, aufgrund regelmäßiger Sterbefälle äußerst volatile, Patchwork-Familie: "Wir alle sind in diese Serie gekommen, um zu sterben."

Grimmiges Entertainment

Der wie der jüngere Bruder Willie Nelsons aussehende Maskenbildner, Produzent und Regisseur Greg Nicotero, ein Veteran der Beuschelreißerfilm-Szene seit 30 Jahren und unter anderem auch verantwortlich für die Kopfschuss-Effekte in Quentin Tarantinos aktuellem Schneewestern "The Hateful Eight" oder zuvor "Evil Dead", "Hostel", "Land of the Dead" und "Sin City", meint lapidar:

"Es ist nur Entertainment. Ok, es ist grimmiges Entertainment. Und wir wollen Grenzen austesten. Im Wesentlichen handelt es sich aber um einen linear erzählten Western im Stile Clint Eastwoods. So wie noch in jedem Zombiefilm zuvor, geht es in "The Walking Dead" aber auch um grundsätzliche Fragen. Was geschieht zum Beispiel nach einem totalen Zusammenbruch aller Systeme, einer kleinen Apokalypse? Der Strom fällt aus und die Leute können nicht länger auf ihre Handys starren, sondern müssen dem Tod ins Auge blicken und mit einfachsten Mitteln zu überleben versuchen. Der Tod ist ganz schön gefräßig. Besonders heikel wird es, wenn aus deinen Verwandten plötzlich Zombies werden. Welche moralischen Dilemmas treten auf, wenn man seine Nächsten von ihrem Schicksal erlösen muss?"

Drei Klassen von Zombies

In der Serie sollten die verwandten Zombies auf alle Fälle ausgemergelte, schlaksige Typen sein. Der stattliche Schauspieler Josh McDermitt verrät, dass dicke Menschen sehr schwer als Zombies zu schminken seien. Der schauspielerisch nötigen Darstellung übermäßigen Hungers komme entgegen, wenn die Menschen keine Goderln mit sich herumschleppen.

Es gibt übrigens in der Serie rein make-up-technisch drei Klassen von Zombies. Die in der dritten Reihe, von der Kamera aus gesehen, tragen meist nur Masken und lange Ärmel, weil man sie ohnehin nur undeutlich erkennt. Die zweite Reihe wird seriös geschminkt. In der ersten Reihe wird es mit künstlichen Körperflüssigkeiten auch für die Schauspieler richtig abstoßend.

Der in "The Walking Dead" den auf Gott, die Welt und die Zombies zornigen GI Abraham gebende Michael Cudlitz schätzt in Madrid das familiäre Element der Serie. Nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Private Grillfeste seien normal: Fleisch ist ihr Gemüse. Serien seien laut Cudlitz ein sehr gut mundendes, regelmäßig kommendes Grundnahrungsmittel für Schauspieler.

Keine Hoffnung

Irgendwann (die Comics-Vorlage weiß mehr) müsse man die Serie zwar, für den Zuschauer schrecklich anzusehend verlassen, vorher aber entstünden Schauspieler-Freundschaften, die ein Leben lang halten würden. Laut Greg Nicotero geht es in "The Walking Dead" eben auch um die Pflege menschlicher Beziehungen während der Krise.

"The Walking Dead", eine Mischung aus "The Waltons", Spätwestern und Igitt-igitt. Fun, Family, Forensik. Raubtierkapitalismuskritik inklusive. Im Kapitalismus, so die verdeckte Botschaft der Serie, ist selbst der Tod noch lange nicht das Ende. Die Gier mag die Menschen zwar umbringen. Danach aber geht es nicht mehr ganz so frisch, aber munter weiter.

Draußen vor dem Kino haben sich inzwischen die für die Veranstaltung gebuchten Zombie-Darsteller die Holzpfähle aus dem Körper gezogen. Auch die Titelmelodie der Serie ist längst verklungen. Es gibt trotzdem keine Hoffnung. Für alle von uns.

Das macht aber Spaß. (Christian Schachinger, 28.2.2016)

Hinweis

"The Walking Dead" (Staffel sechs) ist derzeit montags um 21.00 Uhr auf Fox bei Sky zu sehen sowie abrufbar über Sky On Demand, Sky Go und Sky Online. Abrufbar sind außerdem alle Folgen der Staffeln eins bis fünf als Sky Box Set.

Hinweis im Sinn der redaktionellen Richtlinien: Die Reise nach Madrid zur Fan-Convention erfolgte auf Einladung von Sky.

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  • Der 51-jährige Greg Nicotero zeichnet in der Fernsehserie "The Walking Dead" nicht nur für "Special make-up effects" sowie als Produzent und Regisseur verantwortlich. Wenn Not am Mann ist, springt Nicotero auch einmal als Zombie ein, wie man es hier in der Bildmitte sieht.
    foto: fox

    Der 51-jährige Greg Nicotero zeichnet in der Fernsehserie "The Walking Dead" nicht nur für "Special make-up effects" sowie als Produzent und Regisseur verantwortlich. Wenn Not am Mann ist, springt Nicotero auch einmal als Zombie ein, wie man es hier in der Bildmitte sieht.

  • Michael Cudlitz: Nach dem Schlachten wird gegrillt.
    foto: fox

    Michael Cudlitz: Nach dem Schlachten wird gegrillt.

  • Josh McDermitt: "Wir sind gekommen, um zu sterben."
    foto: fox

    Josh McDermitt: "Wir sind gekommen, um zu sterben."

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