Bernie Sanders: Eine Karriere gegen den Mainstream

Userkommentar29. Februar 2016, 10:20
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Vieles von dem, was der US-Präsidentschaftsbewerber fordert, haben wir in Österreich verloren

Als Bernie Sanders in den 70er-Jahren mit einer links-grünen Gruppe namens Liberty Union zu Wahlen in Vermont antrat, erreichte er 1976 ganze sechs Prozent der Stimmen. Schon damals vertrat er dieselben Anliegen wie heute: Aufbau einer öffentlichen Gesundheitsversorgung, Ausbau des öffentlichen Verkehrs, Nationalisierung der Banken. Verglichen mit dem Österreich jener Jahre war das alles andere als revolutionär – das war bei uns die Normalität. Sanders war so etwas wie ein politisch linker Vertreter der New-Age-Generation. Wir lernten einander damals kennen, meine in den USA lebende Schwester gehörte zu seinem persönlichen Freundeskreis.

Ungewöhnlich sozialstaatlich

In einer Pattsituation zwischen lokalen Demokraten und Republikanern gelang es ihm, zum Bürgermeister von Burlington, der größten Stadt von Vermont, gewählt zu werden. Heute, etwa 30 Jahre später, zählt Burlington zu den US-amerikanischen Städten mit der höchsten Lebensqualität: ein belebtes Stadtzentrum mit Fußgängerzone, ein unter Sanders aufgebautes öffentliches Verkehrssystem, Unterstützung der ärmeren Haushalte, ein reges, von der öffentlichen Hand gefördertes Kulturleben – all das ist Österreichern nichts Besonderes, für die USA jedoch ungewöhnlich sozialstaatlich. Das wirkt sich aus auf eine niedrige Kriminalität und eine entspannt-freundliche Grundstimmung.

Sanders' Engagement

Die Wähler honorierten Sanders' Engagement, er wurde dreimal wiedergewählt. Er wurde als Unabhängiger in den amerikanischen Kongress gewählt, mehrmals, später in den Senat, und wiedergewählt, mit immer größer werdenden Mehrheiten.

Bei regelmäßigen Besuchen in Vermont hört man immer wieder, dass er auch im Kongress die Allmacht und Korruption der Konzerne und der Klasse der Superreichen anprangerte und durch entsprechende Gesetzesinitiativen bekämpfte. Er wurde immer als integer und sehrt engagiert porträtiert. Zuletzt sah ich ihn vor etwa zwei Jahren bei einer Parade zum Nationalfeiertag – die Leute jubelten ihm zu: "Thank you, Bernie, thank you." Als es dann vor etwa einem Jahr hieß, Sanders überlege eine Teilnahme an der Präsidentenwahl, glaubte keiner aus unserem Freundeskreis, dass damit mehr als eine Thematisierung gesellschaftlicher Missstände gemeint sein kann. Und jetzt ist er in den Meinungsumfragen fast gleichauf mit Hillary Clinton!

"Thank you, Bernie!"

Vieles von dem, was Sanders für die USA fordert, haben wir inzwischen in Österreich verloren – zum Beispiel die Gemeinwohlorientierung der Banken. Eine seiner Hauptforderungen ist, eine Trennung von Geschäftbanken (Sparkassen et cetera) und Investmentbanken wieder gesetzlich zu verankern. Dieses Gesetz wurde unter Bill Clinton (!) aufgehoben, was zur Finanzkrise von 2008 führte. Wenn seine Themen bei uns diskutiert würden, wäre das ein Grund, sich denen anzuschließen, die da "Thank you, Bernie!" gerufen haben. (Hans Bednar, 29.2.2016)

  • Bernie und Jane Sanders beim Vorwahlkampf in Fort Collins, Colorado.
    foto: reuters/brian snyder

    Bernie und Jane Sanders beim Vorwahlkampf in Fort Collins, Colorado.

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