Alfred Goubran: Die Angst vor dem anderen

27. Februar 2016, 19:00
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Ein Vorabdruck aus seinem neuem Roman "Das letzte Journal"

In Alfred Goubrans neuem Roman Das letzte Journal holen einen alternden Schriftsteller nach der Begegnung mit einer Jugendliebe die eigene und die kollektive Geschichte ein. Es kommt ein Prozess in Gang, der ihm – vielleicht – ein Davonkommen ermöglicht. In weiteren Strängen setzt sich das vielschichtige Buch mit dem ersten Pogrom gegen die Prager Juden im Jahr 1369, der Biografie von Jan Hus und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei auseinander. Die im folgenden Vorabdruck kursiv gesetzten Passagen sind der 1957 vom deutschen Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte herausgegebenen Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa entnommen.

Die Behandlung der Internierten oder Verhafteten durch fanatisierte und der allgemeinen Psychose des Aufstandes in besonderem Maße verfallene Elemente war grausam. Mit der Anwendung von Drangsalierungsmethoden, in denen man oft das nationalsozialistische System kopierte, wurde nicht gespart.

Gemeint sind die Konzentrationslager. Was man dort gesehen oder am eigenen Leib erfahren hatte, ließ man jetzt "die Deutschen" erfahren. Die Internierten mussten auch die Barrikaden wegräumen, um den sowjetischen Panzern den Weg in die Stadt freizumachen. Ein – nicht selten tödlicher – Spießrutenlauf:

Die Kolonnen (Männer und Frauen) wurden meist schon auf dem Anmarschweg vom Mob überfallen, der, sehr oft von den Bewachungsmannschaften ungehindert, die wehrlosen Menschen in grausamer Form misshandelte, sodass einzelne Opfer schon hier den Tod fanden. Während der Aufräumungsarbeiten gingen die Torturen weiter und forderten wieder Todesopfer. In den Lagern verbreitete sich Angst und Entsetzen, als die Zurückkehrenden von den Misshandlungen berichteten.

Das hörte sich dann so an: Die Zurückkehrenden befanden sich in einem Zustande höchster Erregung und Erschöpfung, viele mit großen Hakenkreuzen auf dem Rücken, die Frauen mit geschorenen Köpfen, Straßenvolk hatte sie so zugerichtet. Sie erzählten, dass sie von den Zuschauern gezwungen worden seien, die Schuhe auszuziehen und die Arbeit mit bloßen Füßen zu verrichten, dass sie beschimpft und verprügelt worden seien, vereinzelt auch, dass sie, wo sich in den Trümmern Gelegenheit bot, mit bloßen Füßen hätten über Glasscherben gehen müssen. Soweit die Wachorgane es hätten verhindern wollen, wäre es ihnen nicht gelungen.

Wer nicht Teil der Psychose war, wer helfen, wer lindern wollte, setzte sich der Gefahr aus, als "Deutschenfreund" selbst interniert zu werden. Jetzt begann die "Säuberung Prags von den Deutschen". Große Sammellager wurden errichtet – im Stadion, in der Reitschule -, wo zeitweise bis zu 15.000 Menschen untergebracht waren, manche wurden als Zwangsarbeiter in die Landwirtschaft verdingt, viele in das Konzentrationslager Theresienstadt verbracht.

Ein jüdischer Mitgefangener schreibt: Bestimmt gab es auch unter ihnen welche, die sich während der Besetzungsjahre manches haben zuschulden kommen lassen, aber die Mehrzahl, darunter viele Kinder und Halbwüchsige, wurden bloß eingesperrt, weil sie Deutsche waren. Nur weil sie Deutsche waren ...? Der Satz klingt erschreckend bekannt; man hatte bloß das Wort "Juden" mit "Deutsche" vertauscht. Die Fetzen, in die man die Deutschen hüllte, waren mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Menschen wurden elend ernährt, misshandelt, und es ist ihnen um nichts besser ergangen, als man es von deutschen Konzentrationslagern her gewöhnt war. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass der herzlosen Rache, die hier am Werk war, das von der SS zugrunde gelegte großzügige Vernichtungssystem fehlte.

Die meisten Internierten verblieben in den Lagern bis zu ihrer "Austreibung und Ausweisung". So viel und so wenig zum "Prager Aufstand" von 1945.

Montag, 23. Februar 2009

Mir war das Schicksal der Sudeten- und Prager Deutschen bisher unbekannt. Ich kann mich der Erschütterung nicht entziehen, auch weil sie Bereiche berührt, die mich früh geprägt haben und die sich in dem Satz subsumieren lassen, dass die Deutschen, angesichts der Verbrechen und Greueltaten, die sie begangen haben, keine Opfer sind – dass der Begriff Opfer für die Deutschen nicht, und unter keinen Umständen, zulässig ist.

(....)

Es gibt eine Verlogenheit, die eingewachsen ist, ein Falschsein, das in der Angst gründet – und das ist im deutschsprachigen Raum die Angst vor dem anderen. Deshalb müssen wir uns ständig des anderen versichern, auch in der Literatur, uns ständig umarmen – deshalb haben wir eine Literatur, die weltweit ohne Belang ist, weil niemand an diesen Selbstumarmungen und Selbstversicherungen interessiert ist.

Die Angst vor dem anderen – das ist auch die Angst vor jeder Veränderung (vor Begegnung, Berührung etwa im offenen Gespräch). In Österreich tritt das mit besonderer Schärfe hervor, weil das Land klein ist und das Personal begrenzt. Gemeinschaftsdruck. Ständig wird man belauert, niemand traut sich etwas zu sagen, etwa gegen die Erfolgreichen, die Etablierten – kein Problem der Kritik, wie ich lange vermutete, sondern ein Ausdruck der Angst. Und diese Angst ist begründet. Wer die Regeln bricht, wird ausgeschlossen, ignoriert, er wird keinen finden, dem die Qualität über die Gesinnung geht. OMERTA. Ein Schweigegelübde, ein Denkverbot, verinnerlichte Ideologie. Die Denunziation. Ein Klima der Repression und Unfreiheit. Die Abrichtung beginnt schon in der Schule. Und in den Kellern wächst der Hass auf das Leben und das Lebendige, das Freie und das Offene, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Angst wieder einen Führer findet, dann schlägt die Schwäche in Brutalität um und die Geducktheit in Größenwahn. – Auch ein Gemeinschaftserlebnis.

Und so finde ich in mir, der ich die deutsche Sprache liebe, einen Hass auf das Deutsche und die Feigheit der Menschen hier, die alles zugrunde richtet. Und auch wenn ich diesen Hass begründen kann, weiß ich doch nicht, wo er seinen Anfang genommen hat und wie dieser Hass in mich hineinkam. Denke ich zurück, in die Schulzeit noch, so gab es eine Zeit, da ich stolz auf diese Nation war, etwa beim Sport, und mich bruchlos mit diesem Land identifizierte – ich stelle das zu meiner eigenen Verwunderung fest; weiß auch gar nicht, ob es das heute bei den Kindern noch gibt: diesen Stolz auf das Herkommen, der sich im Kleinen in Rivalitäten zeigt, von Dorf zu Dorf, von Bundesland zu Bundesland. Und dieses Stolzsein trug ich auch später noch in andere Länder, bei den ersten Reisen und Begegnungen mit Fremden. Ganz naiv zählt man dann die Speisen, die Besonderheiten, die Musik und die Dichtung auf. Zu den Deutschen jedoch gab es schon immer eine Konkurrenzhaltung, einen Wunsch, sich abzugrenzen – seltsam leblos erschienen mir die ersten Deutschen, die zu uns zur Sommerfrische kamen, seltsam korrekt die Sprechweise, die nie berührte, immer nur in den Kopf ging – bei einem Ohr hinein, beim anderen hinaus. Das hat sich bis heute nicht geändert: Die kalten Deutschen, wie man sie in den südlichen Ländern nennt oder wie es Nick Cave einmal auf den Punkt gebracht hat, als er sagte, jede Beziehung mit einer deutschen Frau sei politisch. – Ja, das kann ich unterschreiben, zu diesem Deutschsein hat Heine schon alles gesagt, auch Hölderlin und Nietzsche, doch erklärt mir das nicht den Hass in mir, der ja auch ein Selbsthass ist, und wie und wann dieser Hass in mich hineingekommen ist. Ein Dibbuk vielleicht, ein jüdischer Totengeist ...? (Alfred Goubran, Album, 27.2.2016)

Das Wien Volkskunde-Museum (Gartenpalais Schönborn, Laudongasse 15-19, 1080 Wien) zeigt bis zum 10. 4. die Ausstellung "Vertriebene und Verbliebene erzählen. Tschechoslowakei 1937-1948.

Am 1. 3., 19 Uhr findet die Präsentation von Goubrans Roman statt.

Alfred Goubran, "Das letzte Journal." € 21,90 / 384 Seiten. Braumüller-Verlag, Wien 2016

  • Kriegsende 1945, "Säuberung Prags von den Deutschen".
    foto: picturedesk

    Kriegsende 1945, "Säuberung Prags von den Deutschen".

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    foto: braumüller
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