Albanien stellt verstärkten Andrang von Flüchtlingen fest

26. Februar 2016, 11:17
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Route syrischer Flüchtlinge verschiebt sich offenbar – Notfallplan für Unterbringung von bis zu 10.000 Flüchtlingen

Tirana – Angesichts verschärfter Einreisebedingungen in Ländern der sogenannten Balkanroute stellt Albanien einen wachsenden Flüchtlingsandrang an seiner Grenze fest. Eine "große Zahl" syrischer Flüchtlinge warte derzeit darauf, nach Albanien gelassen zu werden, sagte der Integrationsministerin Klajda Gjosha am Donnerstag bei einem Besuch in Korca im Süden des Landes. Eine genaue Zahl nannte er nicht.

Da im griechischen Idomeni an der Grenze zu Mazedonien mittlerweile tausende Flüchtlinge festsäßen, zeichne sich offenbar eine neue Fluchtroute in west- und nordeuropäische Aufnahmeländer ab. "Die Regierung muss bereit sein, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um keine Mauern zu errichten und diese Flüchtlinge daran zu hindern, nach Albanien einzureisen", mahnte Gjosha.

Albanischer Premier: Werden Grenzen nicht öffnen

Albaniens Premier Edi Rama hat den Aussagen der Integrationsministerin vom Donnerstagabend widersprochen. Sein Land werde die Grenzen für Flüchtlinge nicht öffnen, "wir haben keinen Grund dafür", erklärte Rama gegenüber dem TV-Sender Top Channel. Sein Land werde sich so wie andere Staaten auf der Flüchtlingsroute verhalten.

Albanien habe nicht die Kraft, die Welt zu retten, während andere die Grenzen schließen, argumentierte Rama. Gjosha hatte am Donnerstag bei einem Besuch in Korca im Süden des Landes gesagt, dass Albanien keine Mauern errichten solle, die die Flüchtlinge daran hindern, nach Albanien einzureisen. Ihr Land müsse daher eng "mit allen Nachbarländern, mit Griechenland und den anderen EU-Mitgliedsländern zusammenarbeiten", um der Flüchtlingskrise zu begegnen.

Einigen griechischen Medienspekulationen zufolge sollen derzeit etwa 4.000 afghanische Flüchtlinge planen, nach Albanien einzureisen. Die albanische Polizei hat unterdessen ihre Präsenz auf dem Gebiet um die zwei wichtigsten Grenzübergänge zu Griechenland Kakavia-Ktismata und Kapshtice-Krystallopigi aufgestockt.

Experten rechnen mit Umgehungsrouten

Wenn Österreich und die Balkanländer ihr Grenzmanagement verschärfen und weniger Flüchtlinge durchlassen, wird dies nach Ansicht von Experten unweigerlich zu weiteren Umgehungsrouten führen. "Wir wissen, wenn Mazedonien seine Grenze schließt, werden die Menschen irgendwo anders hingehen", sagte Leonard Doyle von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf am Freitag.

Doyle betonte, er wolle nicht Österreich kritisieren. "Es gibt einen hohen finanziellen Anreiz für die Schmuggler", daher würden sie sich Ausweichrouten finden. Die Schlepper würden nämlich nur bezahlt, wenn sie "liefern" könnten. Traditionell seien in dem Angebot von Schleppern drei Versuche für den erfolgreichen Grenzübertritt inkludiert, dies gelte vor allem für Migranten aus Afghanistan.

Auch Routen über Bulgarien und Türkei möglich

Die Schließung von Grenzen entlang der Balkanroute führe daher nur zu noch höheren Anreizen. Die nächstgelegene Ausweichroute verläuft laut Doyle über Albanien, "man muss nur auf die Karte schauen". Von Albanien aus könnten die Menschen versuchen, über Montenegro und Kroatien weiter nach Westeuropa zu fliehen.

Auch eine Reise über den Kosovo sei möglich, da die Grenze zu Serbien kaum bewacht sei, oder die Überfahrt nach Italien über die Meerenge von Otranto, wird der Experte in der "Süddeutschen Zeitung" zitiert. Aber auch andere Routen etwa von der Türkei über Bulgarien und weiter nach Rumänien kämen in Betracht.

Nach Zahlen der EU-Grenzschutzagentur Frontex kamen von Donnerstag vergangene Woche bis zum Mittwoch (18. bis 24. Februar) zwölf Flüchtlinge aus Griechenland nach Albanien, 185 gelangten von der Türkei nach Bulgarien. Auch über Russland kamen 110 Flüchtlinge nach Finnland.

"Die Menschen werden sich nicht von Zäunen aufhalten lassen. Sie werden andere Wege suchen", sagt Neven Crvenkovic, Sprecher für das UNO-Flüchtlingshilfswerk in Südosteuropa, der Zeitung. (APA/AFP, 26.2.2016)

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