Einen Tag Berater sein

1. März 2016, 09:00
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Zwei Schulklassen tauchten in den Berateralltag ein und lernten dabei die Design-Thinking-Methode kennen

Am Anfang war es ganz still. "Wer von euch weiß, was Design-Thinking ist?", fragen die Gastgeber von IBM in die Runde. Die Hände bleiben unten. "Wer von euch weiß, was Consultants tun?" Auch hier verlegene Stille, ganz leise sagt ein Schüler: "Unternehmen beraten." Kaum vorstellbar, dass dieselbe Truppe drei Stunden später voller Enthusiasmus ihre Businesskonzepte präsentieren wird und der Raum mit einem Teppich von Post-its bedeckt ist.

foto: pepo schuster, austrofocus.at

Die sieben anwesenden Consultants von IBM lassen sich von der Zurückhaltung nicht irritieren. "Wir wollen euch heute die coolsten Seiten unseres Jobs zeigen", werden die Schülerinnen und Schüler begrüßt. Also auch einen (fiktiven) Kunden zu beraten – Amazing Airlines – und zwar mit der Methode Design-Thinking.

Was aber steckt hinter dem wolkigen Begriff? Bei IBM wird seit einiger Zeit damit gearbeitet – sei es in solchen Workshops oder in der direkten Kundenberatung. Grund dafür ist auch das große persönliche Interesse von Andreas Greilhuber, Leiter der Global Business Services bei IBM Österreich. Er habe das Konzept vor drei Jahren in San Francisco kennengelernt und sei sofort begeistert gewesen. "Feedback ist dabei immer wichtig. Ich freue mich auf eure Erfahrungen", sagt er in Richtung der Schüler.

Vom Produktdesign und von einem Nischendasein bei den Kreativen hat es der Innovationsansatz also tief in die Corporate Culture vieler Unternehmen geschafft. Das Ziel ist, an die Nutzer oder Anwender zu denken – Funktion und Wirkung sind zentral.

Um die fiktive Fluglinie zu beraten, orientieren sich die jungen Gäste deswegen an einer Nutzerin der Airline. Das Personenprofil wurde zuvor von den Beratern ausgearbeitet. Bei den Schülern kommt Johanna "Jo" Steiner gut an: Sie ist 22, sehr umweltbewusst – aber wegen ihrer vielen Reisen einem Gewissenskonflikt ausgesetzt. Die Schüler erfahren außerdem, dass sie liebend gern in sozialen Netzwerken unterwegs ist, selber bloggt und demnächst für ein Auslandssemester in Island leben wird.

foto: pepo schuster, austrofocus.at

Hier beginnt die Aufgabe: Jo kommt zum Flughafen – was sagt sie, denkt sie, tut sie und fühlt sie? Nach fünf Minuten hat Gruppe neun schon etwa 40 Post-its in Grün, Gelb und Pink gesammelt, die in der "Empathie-Matrix" Platz finden. "Traurig wegen der Umwelt", steht da etwa oder "Wie komme ich zum Gate?".

Beraterin Katharina Mewald ist beeindruckt. "Bei regulären Kunden dauert das alles viel länger, die Hemmschwellen sind viel größer", erzählt sie aus ihren Erfahrungen. Vielen Topmanagern sei Design-Thinking am Anfang nicht ganz geheuer, sie seien es oft nicht gewöhnt, spielerisch auf Ideen zu kommen. Mit der Zeit würden die meisten aber ihre Zurückhaltung ablegen, erzählt ihr Kollege Klaus Kornfeld. "Es ist einfach eine supercoole Art zu präsentieren, das kommt am Ende viel besser bei den Kunden an." Kornfeld beschäftigt sich auch in seiner Abschlussarbeit für den MBA mit Design-Thinking. Wie auch Greilhuber ist er Feuer und Flamme für den Ansatz.

foto: pepo schuster, austrofocus.at

Die Schüler sind mittlerweile bei Schritt zwei angelangt. Auch hier sollen sie sich vorstellen, was Jo in bestimmten Situationen sagt, denkt und fühlt und was ihr Sorgen bereitet. "Konzentriert euch auf ihre Probleme. Wie kann euer Kunde, die Airline, da weiterhelfen?", spornt Mewald an.

Für Lara Renner und Julia Thummerer ist klar: Die Zwickmühle zwischen Reiselust und Umweltbewusstsein muss irgendwie gelöst werden. Beim Ideensammeln ist die Umsetzung zunächst egal, sagt Mewald. Auch das sei ein Punkt, an dem auch sonst sehr ernste Führungskräfte im Workshop Spaß entwickeln. Renner und Thummerer überbieten sich mit Vorschlägen: Solarzellen an der Oberfläche des Flugzeugs bis zu Fortbewegung auf dem Rücken eines Drachens. Auch für die Schlusspräsentation bleiben sie bei einer Idee, bei der die Umsetzung nicht absehbar ist: Amazing Airlines erfindet das Reisen via Schleuderkapsel – umweltschonend, schnell und komfortabel.

Nach vier Stunden voller Ideen werden per Voting die Sieger ermittelt – sie erwartet nicht nur ein Kinobesuch, sondern auch ein Dinner mit Andreas Greilhuber. Statt der Reisekapsel gewann eine App. Gruppe neun verlässt den Workshop dennoch gut gelaunt. Liegen bleiben nur die Post-its. (lhag, 1.3.2016)

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