Fall Kampusch: Anzeige wegen möglichen Mordes an Entführer

25. Februar 2016, 21:20
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Der Bruder des toten Chefermittlers hat sich an die Anklagebehörden gewandt. Er glaubt nicht an einen Suizid des Kidnappers

Wien – Der Fall Kampusch entwickelt sich für die Justiz zu einer unendlichen Geschichte. Karl Kröll, der Bruder des ehemaligen Chefermittlers in dem Fall, hat im Zusammenhang mit dem Tod des Entführers Wolfgang Priklopil bei der Oberstaatsanwaltschaft Wien eine Anzeige wegen Mordverdachts eingebracht.

Die Anzeige richtet sich gegen unbekannt, berichtet das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel". Kröll will nicht glauben, dass Priklopil sich am Abend des 23. August 2006 aus freien Stücken vor einen S-Bahn-Zug in Wien geworfen hat.

Michael Klackl, Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft Wien, bestätigt dem STANDARD, dass ein entsprechender Brief bei seiner Behörde eingegangen sei. Nun werde das Schreiben geprüft, dann über weitere Schritte entschieden.

Anzeige direkt an Oberbehörde

Dass die Oberstaatsanwaltschaft selbst sich mit solchen Anzeigen beschäftigt, ist zwar ungewöhnlich, kommt aber immer wieder vor, wenn sie – und nicht die eigentlich zuständige Staatsanwaltschaft Wien – direkt kontaktiert wird.

Allerdings scheint das Ergebnis der Prüfung eher vorhersehbar zu sein. Denn zunächst werde aufgrund der vorhandenen Ermittlungsakten geprüft, ob in Krölls Schreiben überhaupt neue Sachverhalte stehen, denen man nachgehen kann.

Ermittelt wurde schon recht ausführlich. Bereits kurz nach dem Tod Priklopils war die Polizei von einem Suizid überzeugt. Auch im polizeilichen Endbericht von April 2013 wurde festgehalten, es bestünden keine Zweifel am Selbstmord. Auch die vom Innenministerium eingesetzte "Kampusch-Kommission" mit dem früheren Verfassungsgerichtshofpräsidenten Ludwig Adamovich hat nie Zweifel an einem Selbstmord geäußert.

Verletzungsbild soll untersucht werden

Bis auf Johann Rzeszut, ehemals Präsident des Obersten Gerichtshofs und Mitglied der Kommission. Er glaubt an eine Vertuschung, wie er im "Spiegel" erklärt. Es solle vor allem geprüft werden, ob das Verletzungsbild zu einem Zugunfall passe.

Die damals zehnjährige Natascha Kampusch war am 2. März 1998 entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller bei Priklopils Haus in Strasshof (Niederösterreich) gefangen gehalten worden. Erst am 23. August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht.

Der ehemalige Chefermittler Franz Kröll, dessen Bruder nun die Anzeige erstattete, hat nach offiziellen Angaben im Juni 2010 Selbstmord verübt. (APA, moe, 25.2.2016)

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