Wirte gleichen Billigsprit aus

25. Februar 2016, 17:50
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Deftige Preiserhöhungen in der Gastronomie zehren die Erleichterungen durch geringere Treibstoffkosten auf

Wien – Viele Gäste dürften bereits die Erfahrung gemacht haben, dass Wirtshäuser und Kaffeehäuser um den Jahreswechsel teilweise recht kräftig an der Preisschraube gedreht haben. Die Wahrnehmungen der Betroffenen trügen nicht, wie die Inflationszahlen der Statistik Austria für Jänner nun belegen: Die Preise in Gastronomiebetrieben sind im Jahresvergleich um fast vier Prozent angestiegen und haben damit mehr als ein Viertel zur allgemeinen Teuerung von 1,2 Prozent, dem höchsten Stand seit Mitte 2015, beigetragen. Alkoholische Getränke haben sich in der Wirtsstube gar um mehr als sieben Prozent verteuert.

Gute Nachfrage, hohe Kosten

Mario Pulker, Obmann des Fachverbands Gastronomie in der Wirtschaftskammer, führt die Preisentwicklung auf mehrere Faktoren zurück: "Wir haben ein Problem, da wir gute Mitarbeiter massiv über dem Kollektivvertrag bezahlen müssen." Zudem würden Auflagen wie Barrierefreiheit oder Allergenangaben die Kosten erhöhen. Natürlich trage auch die Registrierkassenpflicht zu dem gestiegenen finanziellen Aufwand bei. "Der Preisauftrieb ist der Bürokratie zuzuschreiben", folgert Pulker, der auch für 2017 neuerlich höhere Beträge in den Speisekarten erwartet.

Josef Baumgartner, Inflationsexperte beim Wifo, stuft die Auswirkungen der Registrierkassenpflicht weniger stark ein: "Einen stärkeren Preisauftrieb im Bereich Gastronomie gibt es schon seit 2013. Damals war eine Registrierkassenpflicht noch gar nicht im Gespräch." Als Ursachen für den Preissprung führt Baumgartner an, dass die Nachfrage, vom gut laufenden Städtetourismus gespeist, derzeit stark genug sei, um Preiserhöhungen zu ermöglichen.

Zudem führt Baumgartner kostenseitig höhere Lokalmieten sowie gestiegene Nahrungsmittelpreise an. Dass die Preissteigerungen in der Gastronomie besonders zu Jahresbeginn anfallen, ist für Baumgartner "nichts Besonderes", das zeitliche Zusammenfallen mit dem Registrierkassenzwang sei dem Zufall zuzuschreiben.

Tiefer in die Tasche greifen müssen Konsumenten auch für Bekleidung und Schuhe, deren Preise im Mittel um 2,5 Prozent über dem Vorjahresmonat lagen. Ursache sind geringere Vergünstigungen im Winterschlussverkauf verglichen mit dem Vorjahr. "Das hängt stark mit dem Wetter zusammen", sagt Harald Sippl, Geschäftsführer der Wirtschaftskammersparte Bekleidungshandel. Wegen des warmen Wetters gegen Jahresende seien zahlreiche Preisreduktionen nämlich schon in den Dezember vorgezogen worden.

Die Haushaltskassen wurden hingegen von den tiefen Treibstoffpreisen entlastet, die um knapp zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Das verringerte die Inflationsrate im Jänner um mehr als 0,3 Prozentpunkte und glich damit die höheren Gastronomiepreise beinahe vollständig aus. Auch der Anstieg der Wohnkosten wurde durch den Preisverfall von Heizöl, das sich auf Jahressicht um mehr als ein Fünftel verbilligt hat, gedämpft.

Zweithöchste Teuerung in EU

Die geringeren Spritkosten schlagen auch auf den Miniwarenkorb durch, der den wöchentlichen Einkauf repräsentiert, der um 0,5 Prozent auf Jahressicht gesunken ist. Ganz im Gegenteil zum treibstofflosen Mikrowarenkorb des täglichen Bedarfs, der um 1,9 Prozent gestiegen ist.

Unterm Strich ist die Teuerung in Österreich mit 1,4 Prozent nach EU-Berechnungsmethode die zweithöchste der Union nach Belgien mit 1,8 Prozent. Beides sind jedoch Ausreißer nach oben, denn mit EU-weiten 0,2 Prozent befindet sich der Preisauftrieb weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Zehn Staaten weisen sogar Preisrückgänge, also eine deflationäre Entwicklung auf. Am stärksten ist dieser Effekt in Polen mit minus 1,7 Prozent ausgefallen.

Was Europas Verbraucher freut, sorgt in der Europäischen Zentralbank für lange Gesichter. In der Eurozone befindet sich die Inflation mit 0,3 Prozent weit unter dem, was Währungshüter unter Preisstabilität verstehen, nämlich eine jährliche Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent. Experten rechnen nun damit, dass die Notenbank ihre ohnedies sehr expansive Geldpolitik im März weiter ausweiten werde. (Alexander Hahn, 25.2.2016)

  • Nach dem Alkoholkonsum im Wirtshaus müssen Gäste beim Bezahlen nochmals schlucken.
    foto: apa/techt

    Nach dem Alkoholkonsum im Wirtshaus müssen Gäste beim Bezahlen nochmals schlucken.

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