Michael Moore: "Wenn Sie ein Held sind, werden Sie helfen"

Interview25. Februar 2016, 16:12
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In "Where to Invade Next" unternimmt der US-Dokumentarist eine Bildungsreise durch die Alte Welt. Ein Gespräch über Manipulation und Macht, guten Sex und brutale Konkurrenz

Wien – Der Irakkrieg spukt Michael Moore immer noch im Kopf herum. Aus guten Gründen. Viele Probleme der Gegenwart wurzeln nicht zuletzt in den Fehlern des "Kriegs gegen den Terror". In "Where to Invade Next" richtet der Weltstar des politischen Dokumentarfilms die US-Flagge an vielen Stellen Europas auf, weil er hier Dinge vorfindet, für die es sich eigentlich lohnen würde, in den Krieg zu ziehen – eine bessere Gesellschaft.

STANDARD: Mr. Moore, in Europa herrscht derzeit Krisenstimmung. Sie zeichnen aber in Ihrem Film ein sehr positives Bild: das finnische Schulsystem, die französischen Kantinen, das deutsche Arbeitsrecht, die italienischen Urlaubsregelungen – alles wunderbar. Wo liegt der Irrtum?

Moore: Nirgends. Es gibt zweifellos eine ganze Reihe von Krisen, an deren Lösung Europa derzeit arbeitet. Aber mir ging es mit diesem Film nicht um das, was ihr lösen müsst. Ich wollte nur ein paar von den guten Ideen nehmen, Dinge, die in Europa funktionieren, und sie meinen amerikanischen Landsleuten zeigen. Gleichzeitig könnte ich einem österreichischen Publikum zeigen: Wenn ihr die richtige Richtung beibehaltet, dann wird es schon klappen.

STANDARD: Der gute Weg, das sind im Wesentlichen die wohlfahrtsstaatlichen Errungenschaften, die auch mächtig unter Druck sind.

Moore: Das ist schade. Denn Europa macht eine Menge richtig. Ihr habt es lieber friedlich, anstatt dauernd in den Krieg zu ziehen. Ihr habt ein System des Wir und nicht des Ich, und ihr strukturiert die Gesellschaft auf diese Weise. In den USA ist die Gesellschaft auf brutaler Konkurrenz aufgebaut: Jeder ist sich selbst der Nächste.

STANDARD: Haben Italiener tatsächlich besseren Sex als Amerikaner?

Moore: (lacht) Italiener organisieren ihr Leben mit dem Ziel, auch Zeit für das Vergnügen zu haben. Amerikaner arbeiten, arbeiten, arbeiten. Hier sind die Leute erschöpft, viele haben zwei oder mehr Jobs. Aber wir brauchen Zeit für menschlichen Kontakt, für Berührungen. Das hat alles auch eine politische Dimension.

STANDARD: Auch die USA hatten einen New Deal, nicht immer schon war das System so oligarchisch wie heute. Warum haben diese Traditionen so einen schlechten Stand?

Moore: Diejenigen, die an der Macht sind, wollen nicht, dass wir uns daran erinnern, dass es einmal anders war. Wir hatten auch einmal das beste Bildungssystem, nun sind wir Nummer 29. Das hilft den Mächtigen, so können sie leichter manipulieren.

STANDARD: Gehören Ihre Filme auch zum Bildungssystem? "Where to Invade Next" hat ja Züge einer heiteren Bildungsreise.

Moore: Es ist ein Dokumentarfilm, aber auch eine Satire. In erster Linie wollte ich einen tollen Film machen, der auch Vergnügen bereitet. Auf dieser Grundlage kann man dann auch etwas lernen.

STANDARD: Das wichtigste politische Faktum des vergangenen Jahres waren die Flüchtlingsströme. Sehr viele Menschen wollen nach Deutschland und Österreich. Weil sie dort das bessere Leben erhoffen, das auch Sie gefunden haben. Fühlen Sie sich bestätigt?

Moore: Ja. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie die Deutschen und die Österreicher das machen. Natürlich bringen die vielen Flüchtlinge auch viele Probleme mit sich, aber das Erste ist der Instinkt, helfen zu wollen. Wir dürfen nicht vergessen: Deutschland badet aus, was die USA angerichtet haben.

STANDARD: Sie haben in Nürnberg und Berlin gedreht. Glauben Sie, dass Deutschland diese schwierige Situation bestehen wird?

Moore: Ja. Sicher gibt es hier auch viele Rassisten, vielleicht Hunderttausende. Und könnte die Zahl der Flüchtlinge irgendwann zu groß werden? Ich weiß es nicht. Die Deutschen werden das schon herausfinden. Wenn Sie eislaufen gehen, und es bricht jemand ein, dann werden Sie nicht darüber nachdenken, wie dick das Eis mindestens sein muss, um helfen zu können. Wenn Sie ein Held sind, werden Sie helfen.

STANDARD: Im US-Wahlkampf tritt mit Bernie Sanders ein Kandidat an, der Ihnen gefallen müsste.

Moore: Ich habe mich schon für ihn ausgesprochen. Es ist wirklich erstaunlich, dass ein unverhüllter Sozialist so stark ist, dass er nicht mehr als Randphänomen wahrgenommen wird.

STANDARD: Bernie Sanders gegen Donald Trump – das wäre eine Wahl zwischen zwei weit entfernten Polen.

Moore: Das wäre eine Wahl der Extreme: Liebe gegen Hass. Ein Kandidat steht für Hass, für Zorn, für Bigotterie. Der andere plädiert dafür, dass alle einen Platz am Tisch bekommen sollen. (Bert Rebhandl, 25.2.2016)

Michael Moore, 1954 in Michigan geboren, ist einer der bekanntesten Dokumentaristen sowie Oscar-Preisträger ("Bowling for Columbine").

  • Michael Moore hisst die US-Flagge in Europa und nimmt sich gute Ideen mit nach Hause.
    foto: dog eat dog films

    Michael Moore hisst die US-Flagge in Europa und nimmt sich gute Ideen mit nach Hause.

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    Englischer Trailer.

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    Deutscher Trailer.

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