Gerhard Haderer: "Es steht uns eine Revolution bevor"

Interview27. Februar 2016, 12:00
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Der Linzer Karikaturist zeigt mit "Think Big!" im Karikaturmuseum Krems seine bisher größte Einzelausstellung. Ein Gespräch über soziale Gerechtigkeit, Selbstzensur und die Gefahren eines Neobiedermeier

Wien – Der Linzer Gerhard Haderer zählt zu den bekanntesten satirischen Zeichnern im deutschsprachigen Raum. Seine an der Werbesprache geschulten Cartoons richten sich gegen kapitalistischen Größenwahn, Umweltzerstörung oder katholische Scheinheiligkeit. In der Ausstellung "Think Big!" plädiert er für eine Rückkehr zum menschlichen Maß. "Größer denken" solle man hingegen in der Flüchtlingskrise.

STANDARD: Sie haben Lampedusa in Cartoons zum Thema gemacht, lange bevor die Flüchtlingskrise in Österreich ankam.

Haderer: Ja. Seit Jahrzehnten sagen viele, dass uns eine Wanderung jener bevorsteht, die sich jetzt ihren Teil vom Kuchen holen wollen. Entweder versuchen wir so schnell wie möglich, den Gedanken "teilen" in den Kopf zu kriegen, oder sie werden kommen, um sich das zu holen.

STANDARD: Es gibt zum Teil auch importierte Kriminalität, siehe Kölner Silvesternacht. Sind das soziale oder kulturelle Probleme?

Haderer: Das eine hat mit dem anderen zu tun. Ich bin überzeugt davon, dass es ohne soziale Gerechtigkeit keinen Frieden geben kann – das ist mein Grundgedanke. Gute Integration ist kein einfacher Weg, das wissen wir. Das wird sehr lange dauern, möglicherweise mehrere Generationen. Man muss ganz klare Regeln formulieren, die alle verstehen.

STANDARD: Wie geht es Ihnen mit Selbstzensur?

Haderer: Wenn man sich 30 bis 40 Jahre mit den Abgründen der österreichischen Seele beschäftigt, kommt alles drin vor: der Umgang mit Unterdrückten, mit Minderheiten. Jetzt könnte ich mich selbst fragen, warum mache ich diese Dinge immer nur an der österreichischen beziehungsweise mitteleuropäischen Seele fest, wo es sie doch woanders auch gibt? Und dann muss ich sagen, es macht für mich einfach keinen Unterschied, woher die Leute kommen oder welche Religion sie haben. Diese Ebene spielt nicht mit.

STANDARD: Haben Sie schon fertige Arbeiten verworfen?

Haderer: Nein, weil ich beim Zeichnen genügend Zeit habe, darüber nachzudenken. Aber es ist schon passiert, dass ich die Bedeutung des Motivs gedreht habe. Zum Beispiel hat mich damals der Satz des ehemaligen Bundeskanzlers Sinowatz, "Es ist alles sehr kompliziert", im ersten Moment wahnsinnig aufgeregt. Dann bin ich aber draufgekommen, dass der ja gar nicht Unrecht hat. Eine solche Aussage steht einem Bundeskanzler vielleicht nicht unbedingt zu, aber es wäre ja naiv zu glauben, dass unsere Politiker auf alles sofort eine Lösung haben.

STANDARD: Die Sinowatz-Aussage markiert dann auch den Punkt, an dem Sie sich von der Politikerkarikatur wegbewegt und den großen Themen zugewandt haben.

Haderer: Ja. Ich suche stets die Zwischentöne, bin kein Freund der Schwarz-weiß-Malerei.

STANDARD: Begonnen haben Sie als Illustrator, die Werbebranche hat Sie dann bald angewidert.

Haderer: In dieser Szene haben sich hochbegabte Künstler umgetrieben, die sich für Geld zum Narren gemacht haben. Ich habe gesehen, wie Literaten als Werbetexter vor die Hunde gegangen sind oder sich begabte Fotografen ohne Medikamente nicht mehr aufrecht halten konnten. Was diese Menschen krank macht, ist, dass sie mit hoher künstlerischer Professionalität ständig die Unwahrheit sagen müssen.

STANDARD: Die Ästhetik der Werbebranche haben Sie sich nach Ihrem Wechsel zur Karikatur behalten.

Haderer: Ja, weil wir auf diesen Hochglanz trainiert sind. Die Ästhetik meiner Arbeiten hat schon damit zu tun, dass ich – genau wie die Werbung – Menschen verführen will, aber zu politischen Gedanken. Über mich hat man dann gesagt: "Es lebe der Verräter!"

STANDARD: Der Hochglanz wurde in der Photoshop-Ära auf die Spitze getrieben. Mittlerweile feiern analoge Illustrationen ein Comeback. Haben wir uns an Photoshop satt gesehen?

Haderer: Ich kenne viele Photoshop-Arbeiten, die bloß die Möglichkeiten dieses Werkzeugs angebetet haben. Und am Ende hat das dann eine Perfektion, die keine Seele mehr hat. Maschinen können rational sein, aber sie haben keine Seele. In einem Strich muss Leben drin sein. Und natürlich freue ich mich über das Comeback der Illustration. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich eingeladen wurde, auch mit Photoshop zu arbeiten. Da habe ich gesagt: Nein, ich werde eine Firewall zwischen Zeichentisch und Rechner installieren. Ich wollte mir die sinnliche Lust am Zeichnen nicht nehmen lassen. Der Zeichenblock ist mein Tagebuch.

STANDARD: Erstmals zeigen Sie auch großformatige Ölbilder, in denen Sie Caravaggio karikaturistisch umdeuten. Fasziniert Sie dessen Hell-dunkel-Malerei?

Haderer: Eigentlich habe ich keinerlei künstlerische Vorbilder, außer Manfred Deix. Aber ich habe mich immer schon für die Lichtführung der Alten Meister interessiert. In Malta stand ich dann vor diesem riesen Caravaggio "Die Enthauptung des Johannes". Den Auftrag des Meisters habe ich verstanden und mir gesagt, ich mache eine Parodie auf Ölmalerei. Es war eine tolle Übung, eine Herausforderung. Es gab zwei Wege für mich, aus der eingefahrenen Linie auszubrechen: das eine ist Stift und Papier, die Moff-Comic-Strips – und das zweite ist jetzt diese große Leinwand.

foto: gerhard haderer
Eine Parodie auf den Nationalsozialismus und die Ölmalerei an sich: "Das Attentat" (2012).

STANDARD: In ihrer "Schule des Ungehorsams", einer Art Denkfabrik in der Linzer Tabakfabrik, wollen Sie politischen Aktivismus befördern. Wie kann der heute aussehen?

Haderer: Ich bin davon überzeugt, dass der Begriff Gehorsam aus historischer Perspektive an sich ein bisschen stinkt – er ist unangenehm. Ungehorsam ist deswegen keine Weltformel, weil das würde in die Verblödung führen; aber die Herausforderung ist, in den Mainstream auch einmal einen eigenen Gedanken einzubringen. Es soll in dieser Schule, die sich als ergänzendes Angebot zum normalen Schulsystem versteht, Party, Kreatives und politische Bildung geben. Meine Rolle wird sich auf die des Schulwarts beschränken. Die ideale Schule müsste so gestaltet sein, dass man freiwillig hingeht und glücklicher als zuvor wieder heimkommt. Protest muss auch erlernt werden – Unzufriedenheit zu Protest zu machen, erfordert Kultur. Pegida hat zum Beispiel keine Kultur. Es steht uns aber eine Revolution bevor.

STANDARD: Inwiefern?

Haderer: Die Festungen, die gerade aufgebaut werden, sind brüchig und zu kurz gedacht. Wie hoch will man die Zäune um Europa denn bauen? Das ist ein Fehlmanöver. Es muss andere Formen des Umgangs miteinander geben. Und dazu braucht man nicht links oder rechts, sondern nur humanistisch sein. Menschen lassen sich nicht durch Stacheldraht fernhalten. Diese Revolution wird hoffentlich unblutig ablaufen. Ich habe wie jeder Mensch negative Gedanken und auch Angst wegen dem, was uns bevorsteht. Aber der Angst sollten wir nicht militärisch begegnen.

STANDARD: Viele flüchten vor der politischen Wirklichkeit ins Private. Bioladen statt Straßendemo.

Haderer: Ja, seit 30 Jahren mache ich im Grunde idyllische Zeichnungen, die eine Provokation sind für Menschen, die das lesen können. Die Botschaft ist, dass man es sich nicht zu bequem machen soll in dieser Kleinteiligkeit.

STANDARD: Es richtet sich an Leute, die es eigentlich besser wüssten, aber nicht tun?

Haderer: Ja, da sind wir bei der Ambivalenz. Ich glaube, dass deswegen so viele Neurotiker herumlaufen, weil es krank macht, auf Dauer gegen seine Überzeugungen zu leben. Dieses Neobiedermeier ist etwas demokratiegefährdendes, weil es sich zurückzieht in kleine Gemütlichkeiten, kleine private Idyllen.

STANDARD: Auch den Parteien kehren viele den Rücken zu. Sollte nicht gerade eine Hinwendung stattfinden?

Haderer: Genau. Das soll die Schule des Ungehorsams auch fördern. Ich glaube, es ist im Augenblick auch nicht möglich, sich unpolitisch zu definieren, das geht nicht. Auch die Verweigerung ist nämlich eine politische Haltung. Daher ist es wichtig, sich in die Prozesse einzubringen.

STANDARD: Die meisten äußern sich auf Facebook und glauben, es ist getan.

Haderer: Auch das ist eine Form des neuen Biedermeier.

STANDARD: In einem Cartoon thematisieren Sie Auswüchse des Selfie-Narzissmus. Wie sehen Sie dieses Phänomen?

Haderer: Das ist im Grunde ein oberflächlicher, kleiner Witz. Zu dieser Selfie-Sache mache ich mir gar nicht viele Gedanken. Außer, dass ich es absurd finde, dass man die Welt nur noch durch das Handydisplay wahrnimmt. Ich stelle fest, dass man viele auch gar nicht mehr porträtieren kann, weil sie das Handy vorm Gesicht haben.

STANDARD: Man hat nur noch Apfelgesichter?

Haderer: Ja, ein sehr netter Begriff, der gefällt mir.

STANDARD: Hat sich ihr Verhältnis zur katholischen Kirche, stets eines Ihrer Lieblingsthemen, verändert?

Haderer: Seit in Rom dieser aufgeklärte Papst auf dem Heiligen Stuhl sitzt, habe ich eine ganz seltsame Beziehung dazu. Mir gefällt sehr, was er äußert und wie er denkt. Für massive Katholenkritik habe ich derzeit keinen Anlass. Als allerdings damals in Österreich unter dem Mantel dieser vermeintlichen Moralisten Kinder missbraucht wurden, bin ich ausgerastet. Es ist nicht gut, Wasser zu predigen und Wein zu trinken.

STANDARD: Am Islam reiben Sie sich weniger gerne. Warum?

Haderer: Weil ich mich prinzipiell nicht auskenne mit dieser Religion. Ich bin katholisch sozialisiert, heute aber Agnostiker. Man kann von mir nicht erwarten, dass ich mich auf Religionsdetails einlasse. Je größer die Rolle des Islam wird, desto mehr wird man sich aber damit auseinandersetzen.

STANDARD: Spätestens seit dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" muss man das wohl, oder?

Haderer: Ja, aber ich weigere mich zu sagen, dass dieser islamistische Terror ein rein religiöses Phänomen ist. Das sind in erster Linie soziale Probleme. Und die thematisiere ich. (Stefan Weiss, 27.2.2016)

Gerhard Haderer, 64, geboren in Leonding, wechselte 1984 von der Werbebranche zur Karikatur. Seine Arbeiten erscheinen in großen deutschsprachigen Nachrichtenmagazinen. Das kirchenkritische Buch "Das Leben des Jesus" löste 2005 eine heftige Kontroverse aus. Die Ausstellung "Think Big!" läuft bis 20.11.

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