"Bella e perduta": Ein Büffel und der Wert des Wertlosen

26. Februar 2016, 05:30
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Die Geschichten eines herrenlosen Palastes und eines verwaisten Büffels verwebt Pietro Marcello zu einer Ballade über die Verantwortungslosigkeit unserer Kultur: ein großartiger Film

Wien – Ein Barockpalast und ein junger Büffel haben dem ersten Anschein nach wenig gemeinsam. Dabei benötigt es nur eine Person, um sie zu verbinden: einen Hirten namens Tommaso Cestrone, der über eine altruistische Ader und ein großes Herz verfügt. Für die Reggia di Carditello, den Prachtbau in Caserta, fühlte sich niemand zuständig. Der Hirte hat sie beaufsichtigt und vor dem Verfall bewahrt. Den Büffel, der im Garten des Anwesens grast, hat Tommaso auch gerettet. Denn männliche Tiere sind im Rahmen der industriellen Mozzarellaproduktion nichts mehr wert, sie werden wie Hähne aussortiert, getötet.

Der Palast und der Büffel stehen in Bella e perduta (dt.: "Schön und verloren") für ein Italien der Gegenwart, welches auf Kultur und Tradition nichts mehr hält. "Das erste Paradoxon liegt schon darin, dass der Hirte das Schloss und seine Fresken zu schätzen weiß", sagt Regisseur Pietro Marcello im Standard-Gespräch. Er kommt selbst aus der Provinz Caserta, und sein Film leistet eine kleine Kulturgeschichte dieser Region. Bei aller Kritik allerdings nicht im Tonfall der Empörung, sondern als rhapsodische Ballade auf den Niedergang: poetisch und politisch, dokumentarisch und zugleich auf Mythen und Volkskultur zugreifend.

"Tommaso weiß, dass er zu ungebildet ist, um über den Palast sprechen zu können. Zugleich versteht er, dass es ungeheuerlich ist, dass er der Einzige ist, der dies erkennt. Wie kann es sein, dass sich niemand auf diese Kultur besinnt?" Was Tommaso und mithin auch Marcello beklagen, ist eine Geschichtsvergessenheit, die sich auf vielen Ebenen, etwa auch beim Raubbau des Landes abzeichnet.

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Kampanien war einmal eines der reichhaltigsten Gebiete Italiens, "mit drei Ernten im Jahr, wie höchstens im alten Ägypten". Die Büffel seien die ersten Einwohner in bourbonischen Zeiten gewesen, "sie waren ungemein wichtig für die Hirten, um das Land zu bearbeiten." Deshalb findet man sie auch auf den Fresken des Malers Jakob Philipp Hackert im Schloss.

Heute liegt der Palast in der sogenannten Terra dei fuochi, dem Feuerland im Umfeld Neapels, das durch die illegale Entsorgung von Giftmüll und Müllverbrennungsanlagen zu einem Menetekel für Umweltverschmutzung wurde. Bella e perduta erzählt von der Krankheit dieser Region, der Mikrokosmos steht aber auch für Zusammenhänge ein, die viel weiter, ins Herz unserer Zivilisation zielen. Die Frage des Südens, sagt Marcello, sei in Italien seit Jahrzehnten unbeantwortet geblieben. In seinem Ursprung ist der Italiener Bauer, doch "diese sind gewaltsam ihrem Land entrissen und in die Nachkriegsindustrie eingeschleust worden."

Der Film endet jedoch nicht bei der Verzeichnung solcher Missstände. Marcello riskiert, ähnlich wie der Portugiese Miguel Gomes in 1001 Nacht, den Sprung in die Fiktion, um die Wirklichkeit zu ergänzen: um ein utopisches Moment, welches das Verhältnis der Bilder zur Welt und damit die Einstellung des Zuschauers neu ausrichtet. Notwendig wurde dies durch den plötzlichen Tod Tommasos, dem zu Weihnachten einfach das Herz stehenblieb. "Wir hatten keinen Hirten mehr, aber den Büffel und die Reggia", sagt Marcello. "Wir haben es als moralische Notwendigkeit empfunden, die Geschichte weiterzuführen. Solche Unvorhersehbarkeiten passieren mir immer wieder."

Kostbare Seele

Der Büffel Sarchiapone wird zum Ersatzprotagonisten des Films, was an Robert Bressons Meisterwerk Au hasard, Balthazar (1966) erinnert. Allerdings ist die Parabel um das Leiden eines Tiers nun stärker in einem Paralleluniversum verortet. Wir hören die Gedanken des Büffels – seine Seele ist kostbar, er wundert sich über die Menschen und träumt davon, auf dem Mond zu leben. Mit Pulcinella stellt ihm Marcello auch den maskierten Narren der Commedia dell'Arte zur Seite, der Tommasos Wunsch entspricht und den Büffel auf eine Reise zu seinem neuen Besitzer begleitet.

Die mythenhafte Erzählung ist jedoch nicht als Flucht vor den harten Bedingungen der Realität zu verstehen. Sarchiapones Schicksal bleibt auch in der Logik der Fabel ein prekäres. Allerdings wird der Blick des Films geschärft, auf Wünsche, Leidenschaften und Eigenschaften, auf den Wert des nur scheinbar Wertlosen. Dies erstattet der Welt eine Würde, eine Form von Moral zurück. "Die Fabeln erzählen die Wahrheit", heißt es folgerichtig im Film. "Sie erzählen von ziviler Verantwortung", präzisiert Marcello: "Das war Maurizio Braucci, dem Drehbuchautor, sehr wichtig. Es bedeutet, dass wir für unsere Umwelt Verantwortung übernehmen müssen. Das ist mein Gesichtspunkt – das, woran ich fest glaube."

Für den Barockpalast ist inzwischen der Staat aktiv geworden. Was man damit vorhat, wisse man freilich noch nicht so genau. Bella e perduta könnte in seinem Beharren auf den Geschichten eines Schlosses, eines Büffels und seines Hirten als Ausgangspunkt eines erneuerten Traditionsverständnisses dienen. Aus den Ruinen möge die Veränderung hervorgehen. (Dominik Kamalzadeh, 26.2.2016)

Jetzt im Kino

  • Der Narr Pulcinella und ein Büffel übernehmen in Pietro Marcellos Film "Bella e perduta" das Kommando,  als der zentrale Protagonist überraschend das Zeitliche segnet.
    foto: stadtkino

    Der Narr Pulcinella und ein Büffel übernehmen in Pietro Marcellos Film "Bella e perduta" das Kommando, als der zentrale Protagonist überraschend das Zeitliche segnet.

  • Pietro Marcello: Die Fabeln erzählen von der Wahrheit.
    foto: r. newald

    Pietro Marcello: Die Fabeln erzählen von der Wahrheit.

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