ORF will bei Flüchtlingen Realität zeigen und "Empathie wecken"

25. Februar 2016, 14:48
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Kratschmar ortet "erhebliche Glaubwürdigkeitslücke" – Fenniger lobt "hervorragende Arbeit" – ORF arbeitet an "Objektivierungselementen" für Teilnahme an Debatten zur Bundespräsidentenwahl

Wien – Die Flüchtlingsberichterstattung des ORF sorgte am Donnerstag für Diskussionen im ORF-Publikumsrat. "Wir versuchen bestmöglich nach journalistischen Kriterien ein Gesamtbild der Realität zu zeigen", erklärte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Und man werde Entscheidungen und Abläufe in der Berichterstattung zunehmend transparenter machen, kündigte Wrabetz an.

Zuvor hatte der ÖVP-nahe Publikumsrat Andreas Kratschmar Kritik an der Fernseh-Information geübt. Anliegen der Flüchtlings-Berichterstattung des ORF sei "Empathie erwecken". So hätten es zumindest ORF-Verantwortliche gegenüber Publikumsräten formuliert, berichtete Kratschmar. "Das hat mit öffentlich-rechtlicher, objektiver Berichterstattung nichts zu tun. Es geht darum, das Publikum zu informieren und nicht in die eine oder andere Richtung zu emotionalisieren."

Glaubwürdigkeitslücke

Laut Kratschmar gebe es eine "erhebliche Glaubwürdigkeitslücke" des ORF. "Die Berichterstattung des ORF zur Flüchtlingssituation wird laut einer SORA-Studie aus dem Oktober von 8 Prozent sehr gut und von 40 Prozent als eher gut bewertet – zusammen 48 Prozent. Laut Overall-Befragung im aktuellen Qualitätsmonitoring sind mit der Information im ORF-Fernsehen 40 Prozent sehr zufrieden und 35 Prozent eher zufrieden – zusammen also 75 Prozent. Wenn es um die Flüchtlingsberichterstattung geht, ist die Zufriedenheit um ein Drittel niedriger – eigentlich ein Alarmsignal", so der bürgerliche Vertreter.

Der SPÖ-nahe Publikumsrat und Volkshilfe-Geschäftsfüher Erich Fenniger lobte indes die Flüchtlingsberichterstattung des ORF: "Der ORF hat hervorragende Arbeit geleistet. Empathie ist notwendig. Ohne Empathie gibt es keine Demokratie. Und Demokratie zu stärken, ist eine Aufgabe des ORF."

Tatsachen und Fakten

Kommunikationswissenschafter und Publikumsrat Mathias Karmasin betonte, dass die "Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Runfunks vor allem darin besteht, den Tatsachen und recherchierten Fakten eine gewichtige Stimme zu geben". Gerade in der Flüchtlingsthematik würde die Debatte massiv durch "Gerüchte-Kommunikation" und "Troll-Fabriken" getrieben.

Relevanz-Studien zur Wahl

ORF-Generaldirektor Wrabetz begündete vor dem Publikumsrat darüber hinaus die Beauftragung von Relevanz-Studien rund um die Diskussionssendungen zur Bundespräsidentenwahl. Hintergrund des Vorgehens: Nur jene Kandidaten, die als relevant eingestuft werden, sollen in der "Elefantenrunde" und den Kurzduellen auftreten dürfen. Nach aktuellen Umfragen wären dies Rudolf Hundstorfer (SPÖ), Andreas Khol (ÖVP), Norbert Hofer (FPÖ), Alexander Van der Bellen (Grüne) und die unabhängige Bewerberin Irmgard Griss.

"Wir haben immer schon die Relevanz von Kandidaten beurteilt und etwa zwischen Elefanten- und Ameisenrunden unterschieden. Das ist eine journalistische Aufgabe, die auch überprüfbar sein und vor Medienbehörde standhalten muss", sagte Wrabetz. Bisher gab es dabei formale Kriterien: War man im Nationalrat oder im Landtag vertreten, durfte man in Runde 1, war man es nicht, landete man in Runde 2. "Das hat sich bei der Bundespräsidentenwahl verändert, weil es auch sehr relevante Kandidaten gibt, die nicht aus einer Partei oder dem Umfeld einer Partei kommen", erläuterte der ORF-Chef.

Einführung von Objektivierungselementen

Irmgard Griss werde derzeit etwa – auf Basis von Umfragen – wie eine chancenreiche Kandidatin behandelt. Wenn es sieben oder mehrere Kandidaten gibt, könne man nicht alle gleich behandeln, wenn darunter welche sind, die es auf 20 bis 30 Prozent bringen und andere nur auf wenige Prozent. Das wäre sonst umgekehrt eine Bevorzugung der Kleinen, so Wrabetz. "Wir wollen gemeinsam mit Redaktion Objektivierungselemente einführen – Umfragen, journalistische Bewertungen, die Wahrnehmung der Kandidaten in der Öffentlichkeit. Es geht um zwei Formate: die 'Elefantenrunde' und '2 im Gespräch'. In allen anderen Formaten werden ohnehin alle Kandidaten gleich behandelt. Wir wollen das journalistisch entscheiden und durch zusätzliche Empirie absichern." (APA, 25.2.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/georg hochmuth
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