Malediven-Boom: Auf der Suche nach der heilen Welt

26. Februar 2016, 09:31
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Terrorismus hat auf die Reisefreudigkeit kaum Einfluss. Ziele wie die Malediven, die eine heile Welt simulieren, sind jetzt gefragt

Als ganz Europa nach den Terroranschlägen in Paris in Schockstarre war, gab der Chef des Deutschen Reiseverbands folgende Empfehlung ab: "Reisen Sie in muslimische Länder", sagte Norbert Fiebig im November 2015. Er sei der festen Überzeugung, dass die Erfahrung mit dem Alltag in islamisch geprägten Ländern enorm wichtig sei, um Vorurteile zu vermeiden. Aber besteht derzeit nicht eher die Gefahr, dass die Menschen grundsätzlich seltener verreisen?

Josef Peterleithner, Präsident des Österreichischen Reiseverbands, beantwortet die Frage so: 97 Prozent der Österreicher ändern ihr Reisevorhaben nach Terroranschlägen nicht. In manchen Fällen ist das Reiseziel danach ein anderes, gleichzeitig ist er überzeugt: "Die Menschen haben gelernt, mit Krisen umzugehen und sich anzupassen." Das ist sinngemäß dasselbe, das Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation, nach den Pariser Anschlägen sagte: Terrorismus hat nur kurzfristige Auswirkungen auf den Tourismus. Ist der Tourist also ein Wesen, das dem Terrorismus recht gleichgültig gegenübertritt? Nicht ganz.

Schwenk in die Ferne

Schon im gesamten Jahr 2015 war bei großen Reiseveranstaltern und -büros ein Schwenk hin zu Fernreisen zu beobachten. Symptomatisch ist dabei der aktuelle Boom von Zielen wie den Malediven, die auch als Partnerland der bevorstehenden 50. Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, der weltgrößten Reisemesse, firmieren. Bei Rewe Austria Touristik verzeichnete das Land zuletzt ein Umsatzplus von 19 Prozent, bei Ruefa steht es auf Platz eins aller Fernreiseziele und sorgt damit für mehr als zehn Prozent des gesamten Filialumsatzes. Soll das nun heißen, dass österreichische Reisende vorauseilend der Empfehlung des Chefs vom Deutschen Reiseverband gefolgt sind? Die Malediven sind ja ein muslimisches Land.

Die Erklärung, die die Motivforscherin Helene Karmasin für den Boom von Zielen wie den Malediven anbietet, erscheint da plausibler: "Mehr denn je sind Reisende vor dem Hintergrund andauernder Krisen auf der Suche nach der sprichwörtlichen heilen Welt." Gleichzeitig ist die Annahme zu kurz gegriffen, Reisenden würden vielleicht nicht einmal mitbekommen, dass sie mit den Malediven ein muslimisches Land bereisen. Denn anders als in den Anfängen des Tourismus in den 1970er-Jahren erfahren Reisende jetzt etwas vom echten Leben: Der Besuch maledivischer Dörfer gehört bei den meisten Veranstaltern zum Standardprogramm, das auch in Anspruch genommen wird.

72 Prozent der Österreicher geben laut einer Gallup-Umfrage an, dass die Sicherheit ein Kriterium bei der Urlaubsentscheidung ist. Die Malediven gelten grundsätzlich als sicheres Reiseland, dennoch rief die maledivische Regierung erst im November 2015 den Notstand aus wegen einer nicht näher genannten Bedrohung. "Sicherheit auf Reisen ist wohl auch zum Verkaufsargument geworden", räumt Josef Peterleithner ein. (Sascha Aumüller, RONDO, 26.2.2016)

  • Die Malediven boomen unter den Fernreisezielen.
    foto: tui

    Die Malediven boomen unter den Fernreisezielen.

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