"Überkapazitäten bei Banken gehören abgebaut"

Interview28. Februar 2016, 12:00
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Wie es um den Bankensektor bestellt ist und welche Lehren die EZB aus der Stagnation in Japan gezogen hat, erklärt ihr Vertreter Luc Coene

STANDARD: Haben Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere im Jahr 1973 vorstellen können, in einer Welt mit negativen Zinsen zu leben?

Coene: Nein, das habe ich nicht erwartet. Ich habe nicht einmal gedacht, dass so etwas überhaupt möglich ist.

STANDARD: Wodurch ist es möglich geworden?

Coene: Das ist ein Nebeneffekt der extrem niedrigen Inflation. Was soll man tun, wenn man bei null angekommen ist? Daher haben wir entschieden, mit den Zinsen in den negativen Bereich zu gehen. Die Banken horten viel Geld, das wir in der Wirtschaft sehen wollen. Daher drängen wir die Banken auf diese Weise, etwas mit dem Geld zu machen.

STANDARD: Aber das funktioniert bisher nur leidlich. Warum?

Coene: Weil sich die Banken unsicher über die wirtschaftlichen Aussichten sind. Zudem werden sie durch die neuen Kapital- und Liquiditätsanforderungen in der Kreditvergabe eingeschränkt. Außerdem bleiben die Investitionen trotz der günstigen finanziellen Konditionen niedrig. Solange die Unternehmen keine Projekte planen, wird es auch keine Nachfrage nach Krediten geben.

STANDARD: Sie haben nicht das Mandat dazu, aber wäre es sinnvoller, das Geld den Konsumenten zu geben? Dann käme es auch rascher zu den Unternehmen.

Coene: Das können nur die Regierungen machen. Sie müssten Steuern senken, um die Kaufkraft zu stärken. Manche Regierungen könnten es sich leisten, ebenso öffentliche Investitionen. Das würde helfen, ist aber nicht Aufgabe der Zentralbank.

STANDARD: Die EZB erwägt, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Ist es Zufall, dass negative Zinsen zusammenfallen mit dem Feldzug gegen Bargeld, mit dem man Negativzinsen umgehen kann?

Coene: Das ist nur Zufall. Der Krieg gegen das Bargeld hat mit technologischem Fortschritt, Geldwäsche und Terrorfinanzierung zu tun. Wenn man mit Smartphone bezahlen kann, braucht man kein Bargeld. Aber an eine bargeldlose Gesellschaft glaube ich nicht. Eines Tages könnten die IT-Systeme kollabieren. Wenn es dann keine Bargeldreserve gibt, hat man wirklich ein Problem.

STANDARD: Aber Sie geben zu, dass Bargeld Negativzinsen aushebelt.

Coene: Ja, das ist richtig. Auch einige Vermögensverwalter halten hauptsächlich Cash, weil sie damit weniger Geld verlieren als mit anderen Vermögenswerten. Damit kann man zwar kaum verdienen, aber dafür auch nichts verlieren.

STANDARD: Fast die ganze westliche Welt hat dieselben Probleme: Kaum Wachstum, Inflation und Zinsen. Ist das ein stabiles ökonomisches Gleichgewicht, aus dem man kaum wieder herauskommt?

Coene: Das könnte sein, man bezeichnet es als lang andauernde Stagnation. Aber ich glaube, wir haben aus dem, was wir in Japan während dessen Stagnation erlebt haben, unsere Lektionen gelernt.

STANDARD: Aber es sieht so aus, als würde die EZB dasselbe machen wie früher die Bank of Japan. Worin liegt der Unterschied?

Coene: Ich stimme zu, dass es bei der Geldpolitik Ähnlichkeiten gibt. Hinsichtlich der Sanierung des Finanzsektors ist in Europa viel mehr geschehen als in Japan. Dort hat es gedauert, bis man dieses Problem erkannt hat.

STANDARD: Gibt es in Europa keine Zombie-Banken wie einst in Japan?

Coene: Es gibt einzelne Banken, die eine Sanierung benötigen, aber nicht viele. Aber das betrifft nicht den gesamten Bankensektor, der ist zu großen Teilen gesund. Der Sektor als Ganzes ist viel stärker als vor der Finanzkrise hinsichtlich Kapital, Liquidität und Regulierung. Das ist ein großer Unterschied zu Japan. Früher oder später wird sich das in einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung niederschlagen.

STANDARD: Wäre es nicht sinnvoller, manche Banken pleitegehen zu lassen, statt zu restrukturieren?

Coene: Natürlich, ich stimme Ihnen absolut zu. Aber in den nationalen Aufsichtsbehörden gibt es starke Widerstände dagegen. Als Argument wird die finanzielle Stabilität angeführt. Wenn eine Bank liquidiert wird, könnte ein Bank-Run einsetzen aus Angst, dass andere ebenfalls liquidiert werden. Man muss vorsichtig abwägen, unter welchen Umständen man so etwas macht, statt die Lage zu verbessern, könnte man sie sogar verschlechtern. Aber es gibt Überkapazitäten bei europäischen Banken, und die gehören abgebaut.

STANDARD: Wird es in fünf Jahren wieder positive Zinssätze geben?

Coene: Ja, wir können nicht ewig Negativzinsen beibehalten, wenn sich das Wachstum beschleunigt – und das wird es früher oder später tun. Die hohen Wachstumsraten der Vergangenheit werden wir nicht mehr sehen, aber die Zinsen werden sich wieder normalisieren, davon bin ich überzeugt.

STANDARD: Ist es überhaupt möglich, von Null- oder Negativzinsen wieder wegzukommen? Der Fed bläst nach nur einer Zinserhöhung ein scharfer Wind ins Gesicht.

Coene: Natürlich, aber man muss vorsichtig sein und gut kommunizieren, auf welche Weise man es machen will. Man will ja keinen Schock an den Märkten auslösen, daher muss man sie darauf vorbereiten. Dann wissen sie ungefähr, was wann passieren wird.

STANDARD: Bereitet Ihnen der drohende EU-Austritt Großbritanniens Kopfzerbrechen?

Coene: Kopfzerbrechen ist der falsche Ausdruck. Es wäre keine gute Sache für Europa, weil Großbritannien ein wichtiger Handelspartner ist. Wenn sich die Briten dazu entscheiden, werden wir damit leben müssen. Aber für die Briten hätte es größere Nachteile als für den Rest der EU.

Luc Coene (68) ist seit März 2015 Mitglied des Aufsichtsgremiums der EZB, zuvor war er Gouverneur der belgischen Nationalbank. Das Gespräch fand auf Einladung der belgischen Botschaft und der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik statt. (INTERVIEW: Alexander Hahn, 25.2.2016)

  • Das Geld der EZB schwirrt hauptsächlich im Finanzsektor umher  und kommt fast nicht bei Unternehmen oder Haushalten an.
    foto: issei kato

    Das Geld der EZB schwirrt hauptsächlich im Finanzsektor umher und kommt fast nicht bei Unternehmen oder Haushalten an.

  • Einst undenkbar, heute Realität: EZB-Vertreter wie Luc Coene müssen sich mit Negativzinsen beschäftigen.
    foto: francois lenoir

    Einst undenkbar, heute Realität: EZB-Vertreter wie Luc Coene müssen sich mit Negativzinsen beschäftigen.

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