Ungarns Aufbruch aus der Stagnation

Kommentar der anderen24. Februar 2016, 17:08
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Die Apathie in Orbáns Ungarn weicht erstmals seit längerer Zeit einer Protestkultur, die vom Volk ausgeht. Wenn sie standhaft bleibt und weiterwächst, könnte sie die Fidesz durchaus gefährlich werden

Zugegeben, lange Zeit schien es so, als ob es in Ungarn niemanden mehr gäbe, der nicht unbedingt in Orbáns rigidem und autokratisch regiertem Land leben wollte. Als ob ein riesengroßer grauer Schleier auf das Land herabgelassen worden wäre, der alles versteckt, aber auch verhindert, etwas anderes sehen zu können, was scheinbar darunter verborgen ist. In persönlichen Gesprächen mit ausländischen Freunden wurde ich oft gefragt: "Was ist los mit euch, wo seid ihr? Wir haben gedacht, Ungarn würde als Erstes von den neuen EU-Mitgliedern eine normale, gewöhnliche europäische Demokratie. Und nun?"

Es gab persönliche Gespräche, hier und da mal einen Artikel. Die zu Beginn der Orbán-Ära noch großen Demonstrationen wurden immer kleiner, bis nur die Stille blieb, die Apathie, übertönt von der Lautstärke der Regierung, der brüllenden Mittelmäßigkeit, die im In- und Ausland gleichermaßen ihre Lügen verbreitete.

Orbán hat ungefähr 1,5 Millionen Wähler, die ihn, egal was er macht, wählen würden. Das ist viel, gewiss, aber das eigentliche Problem sind nicht sie. János Kádár hätte sicherlich ebenso viele Wähler gehabt, wenn es damals, in den "kommunistischen" Zeiten Wahlen gegeben hätte. Das Problem sind die anderen 6,5 Millionen, die nicht für Orbán sind. Wo sind sie?

Verschwunden sind sie, so wie das ganze Land von der Oberfläche verschwunden ist. Geblieben ist nur die Regierungspartei Fidesz, die das gesamte Land wie eine Aktiengesellschaft als ihr Privateigentum betrachtet. Die Fidesz hat alles zentralisiert, mit einem Wort gleichgeschaltet, die öffentlich-rechtlichen Medien (den Ausdruck kann man in Ungarn nur noch mit einem bitteren Schmunzeln aussprechen) sind zu Parteiorganen degradiert worden.

Mehr Entschlossenheit

Doch was vor kurzem noch völlig unmöglich schien, ist jetzt ganz plötzlich nicht mehr so. Vor ein paar Wochen schrieben die Lehrer eines Gymnasiums in Miskolc, der zweitgrößten Stadt nach Budapest, einen öffentlichen Brief, in dem sie zusammenfassten, warum die Regierung ihre Arbeit unmöglich mache und welche Änderungen sie für nötig hielten. Innerhalb einiger Tage unterschrieben Zehntausende diese Petition, nicht nur Lehrer. Und am 13. Februar versammelten sich 50.000 Lehrer und Eltern, aber auch Vertreter zahlreicher Gewerkschaften im Zeichen der Solidarität vor dem Budapester Parlament. Darunter Vertreter der Gewerkschaft der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und der Polizei.

Es gab zwar zahlenmäßig auch schon größere Demonstrationen gegen Orbán, doch lag auf dem Kossuth-Platz trotz allem etwas in der Luft, das in Ungarn bislang so nicht zu spüren gewesen war. Nicht nur Entschlossenheit, auch Solidarität. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen waren anwesend und erklärten sich mit der Lehrerschaft solidarisch – eine enorme Kraft. Die Lehrer unterrichten bekanntlich in erste Linie Kinder, und diese Kinder haben meist Eltern, die das möglichst Beste für ihre Kinder wollen.

Und die Lehrer sind durchaus in der Lage, ihnen zu erklären, was eigentlich Sache ist. Dann können die Parteimedien und die Lakaien Orbáns zwar sagen, dass kein Geld für Gehaltserhöhungen da ist und die Lehrer nur mehr Geld wollen, um die Bevölkerung möglichst gegen sie zu stimmen, jedoch können die Lehrer klarstellen, dass es hier jetzt um etwas anderes geht, nämlich um die Zukunft des gesamten Bildungswesens.

Die Lehrer scheinen jetzt entschlossen, beginnen bereits mit der Organisation von Streiks und genießen dabei die Solidarität anderer Gewerkschaften. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ist eine neue Kraft erwacht. Und diese Kraft sind nicht die schwachen und zum Teil unglaubwürdigen Oppositionsparteien, sondern ist – egal wie pathetisch es klingen mag – das Volk selbst.

Das ist eine völlig neue Situation – auch für Orbán. Er ist nämlich kein Politiker, sondern Fußballer, der nicht verhandeln, sondern nur gewinnen kann. Verhandlungen und Kompromisse sind für ihn Zeichen der Schwäche, und er als Fußballer kann keine Schwäche zeigen, verlieren schon gleich gar nicht, also muss er immer weiter vorwärts, auch wenn ihn ganz vorn nur noch eine Mauer erwartet. Zweifelsohne ist Orbán ein großer Kämpfer. Dass aber seine Gegner sozusagen von unten kommen, dass große Teile der Bevölkerung gegen ihn sind, das ist für ihn neu.

Er kann zwar weiterhin behaupten, diese Menschen würden von irgendwelchen geheimnisvollen Kräften außerhalb Ungarns gelenkt, von George Soros, aus Brüssel oder was auch immer. Wenn Entschlossenheit und Solidarität nachhaltig bleiben, und das scheint jetzt der Fall zu sein, dann macht er sich am Ende damit nur lächerlich. Und wer lächerlich ist, der ist auch schwach. Und wer schwach ist, der kann auch verlieren. Selbst im Fußball.

Ein anderes Schweigen

Es ist durchaus möglich, dass in Ungarn wieder heiße Zeiten kommen, und nicht ausgeschlossen, dass einige der erwähnten 6,5 Millionen jetzt doch wach werden. Am Ende der Demonstration sprach eine zierliche junge Dame, eine Krankenschwester namens Mária Sándor, zu den Demonstranten. Als sie ihre Rede beendete, bat sie die Menge, fünf Minuten zu schweigen. Mehrere Zehntausend Menschen schwiegen im Regen, fast reglos auf dem Kossuth-Platz.

Aber das war ein anderes Schweigen, nicht jenes, an das wir uns in Ungarn fast schon gewöhnt haben. Das war ein würdiges und zugleich kraftvolles Schweigen. Wenn die nächsten Zeiten tatsächlich heiß werden sollten, dann werden sie für die Fidesz ganz besonders heiß, dann werden sie heiß für die Regierung und heiß für Viktor Orbán. (Péter Mesés, 24.2.2016)

Péter Mesés war am Ungarischen Kulturinstitut Stuttgart als Kulturreferent tätig, er arbeitet derzeit als freischaffender Übersetzer, Publizist und Redakteur (u. a. bei der Literaturzeitschrift "Ex Symposion" und dem Portal HuBook.de).

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