Pathologie: Im Dienst der Lebenden und der Toten

26. Februar 2016, 07:00
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Pathologen haben sich aus den Leichenbeschauräumen in die Operationssäle vorgearbeitet. Ihre Untersuchungen entscheiden, wie Tumoren behandelt werden

Wien – "Jede Krimiserie führt in die Irre" sagt Martin Klimpfinger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie, "denn unser Fach wird meistens mit der Gerichtsmedizin verwechselt, damit haben wir aber nur wenig zu tun." Zu 95 Prozent dient die Pathologie mit ihrer Arbeit der Versorgung lebender Patienten.

Durch die so genannte Molekularpathologie spielt das Fach eine wesentliche Rolle bei der Früherkennung, Diagnose und Therapie verschiedenster Erkrankungen, etwa in der Onkologie. Gerade bei den so genannten Tumorboards, einem Ansatz der Behandlungsplanung bei dem verschiedene Ärzte und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenarbeiten, spielen Pathologiebefunde eine wesentliche Rolle.

Entscheidung über "Gut" oder "böse"

Die Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie beschäftigt sich von 26. bis 27. Februar mit dem Thema Uropathologie. Dabei geht es um die Zusammenarbeit zwischen Pathologen und Urologen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Tumoren der Niere, der Harnblase und der Prostata.

Während es früher noch hieß: "Der Pathologe weiß alles, kann alles, aber leider zu spät", hat dieser Spruch mit der Pathologie von heute wenig zu tun, sagt Michael Rauchenwald, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie. In der Onkologie spielt der Pathologe eine wesentliche Rolle. "Wir entscheiden über 'gut' oder 'böse' und legen damit oft fest, ob ein Tumor entfernt oder weiter beobachtet werden muss", sagt Rauchenwald.

Auch die Methoden hätten sich geändert. "War der Pathologe vor 40 Jahren noch der Mann mit dem langen Messer, der die Leichen aufgeschnitten hat, so arbeitet er heute nicht nur am Mikroskop, er verwendet immunhistochemische und molekularbiologische Methoden – in Zukunft vermutlich auch Gentechnik", sagt Rauchenwald.

Pathologen und Prostatakrebs

Der häufigste bösartige Tumor des Mannes ist das Prostatakarzinom, mit jährlich 4.800 Neuerkrankungen. Eine Erkrankung verläuft meist so: Wird bei einer Vorsorgeuntersuchung eine Erhöhung des Tumormarkers PSA festgestellt, führt der Urologe eine Biopsie durch, entnimmt also Gewebeproben und leitet sie an den Pathologen weiter, der sie dann unter dem Mikroskop untersucht. 11.000 Biopsien mit jeweils 10 bis 14 Proben werden jährlich durchgeführt.

Ist in den Proben Krebs erkennbar, wird vom Pathologen der so genannte Gleason-Score verwendet und Typ, Grad und Ausmaß des Befalls angegeben. Der Urologe entscheidet nach diesen Werten wie es weitergeht.

Bei einem aggressiven Tumor muss radikal therapiert werden. "Ist der Tumor behandlungsbedürftig, wird durch seine Eigenschaften bestimmt, ob eine medikamentöse Therapie oder ein chirurgisches Vorgehen die bessere Wahl ist und welche Medikamente beim einzelnen Patienten am besten wirken", sagt Martin Susani, Referenzpathologe für Uropathologie. Im Fall eine Operation entscheidet der Pathologiebefund, ob eine zusätzliche Hormontherapie und eine Chemotherapie notwendig sind.

Abwarten ist eine Option

Beim wenig aggressiven Tumor wird der therapeutische Ansatz der so genannten "Active Surveillance" praktiziert. Eine sofortige Behandlung ist nicht immer notwendig. "Aktives Beobachten" ist bei bestimmten Patienten möglich und weitgehend sicher. "Therapiert werden muss nur dort, wo ein Tumor aggressiv ist", sagt Susani. Man wisse heute, dass es auch Tumoren gibt, die mehr oder weniger "schlafen", eine Therapie sei in diesem Stadium nicht unbedingt notwendig.

Das Verhältnis von Krankeitshäufigkeit und Sterblichkeit liegt bei Prostatakrebs in Westeuropa bei 7,5:1. Dieser große Unterschied zwischen Morbidität und Mortalität könnte dazu führen, dass man "überschießend vorgeht" und Behandlungen vornimmt, obwohl sie nicht notwendig sind, sagt Susani. Für die Zukunft hofft er darauf, dass die Wissenschaft einen exakten Marker findet, der den Zeitpunkt angibt, an dem ein Tumor aus dem "Schlaf" erwacht. In diesem Moment könnte von der Überwachung zur aktiven Behandlung übergegangen werden. (Bernadette Redl, 26.2.2016)

Die Immunhistochemie ist eine Methode in der Pathologie, mit der Proteine oder andere Strukturen mit Hilfe markierter Antikörper sichtbar gemacht werden. Dafür werden Zell- oder Gewebestrukturen mit an Antikörper gekoppelten Farbstoffen eingefärbt. Es kann etwa bestimmt werden, in welchem Gewebe ein Protein vorhanden ist und wo in der Zelle es lokalisiert ist.

Mit Hilfe der Molekularpathologie können Informationen über einen Tumor auf molekularer Ebene gewonnen werden, die für bestimmte Therapieformen entscheidend sind. Untersucht wird dabei DNA und RNA aus Geweben und Körperflüssigkeiten, wodurch Veränderungen in bestimmten Tumorgenen festgestellt werden sollen.

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  • Pathologen tragen wesentlich zur Therapieentscheidung bei Prostatakrebs bei.
    foto: reuters

    Pathologen tragen wesentlich zur Therapieentscheidung bei Prostatakrebs bei.

  • Schnitt durch eine Prostata mit Adenokarzinom.
    foto: wikipedia/alex_brollo/(CC-Lizenz)

    Schnitt durch eine Prostata mit Adenokarzinom.

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