Windtner: "Der Fußball braucht die Solidarität"

Interview25. Februar 2016, 05:45
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Leo Windtner wird Gianni Infantino wählen. Der ÖFB-Präsident hofft auf eine Entpolitisierung und einen Neuanfang. Er befürchtet, dass die überzogene Elitenbildung und der Gigantismus das Spiel zerstören

STANDARD: Sie haben sich klar deklariert, werden bei der Fifa-Präsidentenwahl Gianni Infantino Ihre Stimme geben. Warum?

Windtner: Weil für den ÖFB Gianni Infantino am meisten gewährleistet, dass auf Fifa-Ebene die Reformen umgesetzt werden, dass hier ein modernes Management kommt und dass vor allem wieder die Glaubwürdigkeit und die Transparenz zurückkehren.

STANDARD: Ist er das geringste Übel?

Windtner: Manche stellen es so dar, vor allem unter dem Aspekt, dass ein Vertreter aus der bisherigen Administration die entscheidende Funktion übernehmen soll.

STANDARD: Sie sehen das nicht so?

Windtner: Es wäre unpassend und unfair, Gianni Infantino als das geringste Übel zu bezeichnen, er ist sicher der beste Kandidat.

STANDARD: Europäer wollen einen Europäer, Afrikaner einen Afrikaner und so weiter. Ist das nicht kindisch? Sollte nicht einfach der beste und der unbestechlichste Kandidat neuer Präsident werden?

Windtner: Die Entpolitisierung ist sicherlich notwendig, es gehört einfach wieder die stärkere Anbindung an den Fußball als solchen. Die Überlegung, die im Raum steht, den Business- und den Fußballbereich aufzuteilen, halte ich für vernünftig.

STANDARD: Eigentlich merkt man gar nicht, dass Fifa-Präsident Joseph Blatter und Uefa-Chef Michel Platini seit längerer Zeit gesperrt sind. Was sagt uns das?

Windtner: Man spürt auf Uefa-Ebene schon stark, dass ein Führungsvakuum herrscht. Bei der Fifa ist das nicht so schlimm, da blicken alle gespannt auf den 26. Februar. Es geht darum, die Vorschläge der Reformkommission mit Dreiviertelmehrheit zu beschließen. Und es geht um den neuen Kopf.

STANDARD: Wie kaputt ist der Fußball? Sind Korruption und Gier die Hauptprobleme? Fallen Ihnen noch andere Baustellen ein, die dringend planiert gehören?

Windtner: Ich glaube, der Fußball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Mit allen Vorteilen, aber auch mit allen Schattenseiten. Die größte Frage ist, wie die Gigantomanie im Profiweltfußball weitergeht. Die Ablösesummen, die derzeit schon kursieren, sind ja in keiner Weise mehr nachvollziehbar.

STANDARD: Auch die Gehälter?

Windtner: Ja. Speziell in England werden Gehälter gezahlt, die fern jeden menschlichen Limits und nicht mehr greifbar sind. Kommt jetzt China als neuer Markt hinzu, dann ist das eine zusätzliche Unbekannte. Eine neue Dynamik, deren Ende nicht absehbar ist. Das von der Uefa initiierte Financial Fairplay müsste noch wesentlich mehr greifen.

STANDARD: Was waren Blatters und Platinis Hauptfehler? Größenwahn? Selbstüberschätzung?

Windtner: Michel Platini befindet sich in einem laufenden Verfahren, und für ihn gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Ich hoffe, dass der Sportgerichtshof CAS relativ bald die Entscheidung fällt. Entweder die Sperre bleibt aufrecht, dann wird seine Funktion obsolet. Oder er wird rehabilitiert, dann muss man schauen, wie es ab Herbst bei der Uefa weitergeht.

STANDARD: Und bei Blatter?

Windtner: Er hört ja auf. Das wird eher eine Sache der zivilen Gerichte. Ich weiß nicht, was es da an Tatbeständen gibt.

STANDARD: Während der vergangenen WM hat Blatter gesagt, ihm schwebt eine interplanetarische Veranstaltung vor, da die Erde für den Fußball zu klein ist. Psychiater würden das krankhaft nennen.

Windtner: Da sind die Träume mit ihm etwas durchgegangen, das wurde allgemein so befunden.

STANDARD: Anfang 2015 hat die Fifa unter Blatter das Sozialprojekt "Hope for the Future" in Nairobi, bei dem ihre Gattin ehrenamtliche Schirmherrin ist, mit 100.000 Dollar unterstützt. Korrekt verlaufen?

Windtner: Selbstverständlich, in jeder Hinsicht. Das Projekt Acakoro in einem der schlimmsten Slums Kenias wurde vom Sportministerium, dem Land Oberösterreich, der Uefa und vielen anderen unterstützt. Es gehört laut Willi Lemke, dem Uno-Sonderbeauftragten für Sport, zu den besten weltweit, und die Verwendung eines jeden Cents kann nachgewiesen werden. Da geht es nicht um Blatter oder mich, sondern um die gute Sache für die Ärmsten.

STANDARD: Der ÖFB hätte sich ursprünglich Platini als Blatter-Nachfolger gewünscht. Wolfgang Niersbach hätte dann Uefa-Chef werden sollen. Die Geschichte ist bekannt, Niersbach ist als DFB-Präsident über die WM-Affäre 2006 gestolpert. Ist es nicht frustrierend, wenn alles, was man möchte, nicht eintritt?

Windtner: Ja, es ist frustrierend, wenn die wichtigsten Ansprechpartner wegfallen, ein Dominoeffekt einsetzt. Es ist kein Geheimnis, dass wir mit den Deutschen oft den Schulterschluss geübt haben. Der DFB ist der führende Verband. Gibt es dort keine Leadership, leiden alle.

STANDARD: Fällt Ihnen ein Nachfolger für Platini ein?

Windtner: Es kursieren Namen, der Spanier Ángel María Villar zum Beispiel. Genannt wird auch der Niederländer Michael van Praag, ein erfahrener Mann.

STANDARD: Kleiner Spaß: Wie wäre es eigentlich mit Leo Windtner?

Windtner: Ich glaube, der hat nicht vor, umzuziehen.

STANDARD: Zum Sportlichen: Österreich ist Zehnter in der Weltrangliste, trotzdem bleibt der Einfluss gering. Kann ein kleiner Verband überhaupt etwas bewirken?

Windtner: Ich denke, dass wir gerade durch unsere Allianz im Rahmen der M6-Gruppe – Ungarn, Polen, Tschechien, die Slowakei, Liechtenstein und Österreich – doch ein hohes Ausmaß an Solidarität und Dynamik entwickelt und ein Zeichen gesetzt haben.

STANDARD: Das ist sicher ganz nett, aber die Großen werden trotzdem immer größer. Es wird im Klubfußball damit spekuliert, dass sich England, Deutschland, Spanien und Italien irgendwann zusammentun, um einen Champion zu küren. Stehen wir am Ende der Restsolidarität? Motto: Wo das Geld ist, spielt die Musi.

Windtner: Die Gefahr ist latent. Ich habe oft darauf hingewiesen, dass der Fußball in Europa die Solidarität der Großen mit den Kleinen braucht. Auch im Sinne der Großen, denn sie bedienen sich ja von den Kleinen. Die Spieler werden bei uns ausgebildet, man braucht sich ja nur die steigende Zahl der österreichischen Legionäre anschauen. Es wäre schrecklich, die Europa League abzuschaffen. Die kleinen Nationen müssen sich in dem Gesamtkonstrukt wiederfinden können. Die überzogene Elitenbildung zerstört den Fußball.

STANDARD: Noch zu zwei österreichischen Themen: In der Liga ist die nicht gerade famose Infrastruktur ein Dauerthema. Nun wird zumindest über ein neues Nationalstadion im Prater diskutiert. Ist das politisch durchsetzbar, würde sich der ÖFB an den Kosten beteiligen?

Windtner: Wir sind in sehr konstruktiven Gesprächen mit der Politik. Wir wollen hier nicht Druck erzeugen, sondern um Verständnis werben, dass es ein berechtigtes Anliegen des österreichischen Fußballs ist, mit einem Nationalstadion auch wieder Großereignisse in Wien zu haben. Wir sind die begehrteste Host-City in Europa, haben aber nicht die strukturellen Voraussetzungen. Ich glaube an die Realisierung, denn so ein Zeitfenster wie jetzt haben wir schon lange nicht mehr gehabt.

STANDARD: Kostenbeteiligung?

Windtner: Ich gehe davon aus, dass der ÖFB stark mitwirken kann, wenn es um private Investoren geht. Direkte Kostenbeteiligung erscheint nicht möglich.

STANDARD: Zweites Thema: Ist Marcel Koller auch nach der EM Teamchef? Glauben Sie an den Verbleib?

Windtner: Wir stehen in konstruktiven, allerdings harten Verhandlungen mit Koller und seinem Manager. Ich verspreche, dass die österreichische Fußballöffentlichkeit vor der EM wissen wird, wer nach der EM Teamchef ist. (Christian Hackl, 25.2.2016)

Leo Windtner (65) ist Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich und seit 2009 Präsident des ÖFB.

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    foto: apa/expa/sebastian pucher

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