Firas Alshater: "Meine Geduld ist weg"

Interview25. Februar 2016, 15:47
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In Deutschland wurde er zum Youtube-Star, im Interview erzählt der Syrer, was sich für ihn in den vergangenen zwei Jahren noch verändert hat

Wien – Eineinhalb Tage für das Script, weitere eineinhalb für den Dreh, dann noch ein bis zwei Tage, bis alles in die richtige Form gegossen ist: Rund eine Woche dauert es, bis Firas Alshater eines seiner "Zuckerstückchen" fixfertig hat.

Gemeinsam mit Filmproduzent Jan Heilig hat der demnächst 25 Jahre alte Syrer bereits zwei solche Kurzvideos auf youtube.com hochgeladen – mit beachtlichem Erfolg: Fast 440.000-mal wurde der erste Drei-Minuten-Clip angeklickt. Er trägt den Titel "Wer sind diese Deutschen?" und lebt von scharfen Schnitten etwa zwischen Pegida-Anhängern und "Refugees welcome"-Aktivisten sowie einem vollbärtigen Firas Alshater, der von der Retro-Couch aus die Pointen liefert.

Das Ganze kam so gut an, dass heute die Medien bei Firas Alshater Schlange stehen. Neben dem STANDARD hatte er am Mittwoch Interviewtermine mit ABC Australia, al-Jazeera und der "Financial Times". "Wir haben viele Leute erreicht, die normale Medien nicht erreichen", glaubt Alshater.

Im Skype-Interview erklärt der Youtuber auch, wie er in Deutschland seine Geduld verloren hat. Früher in Syrien, da habe er kein Problem gehabt, stundenlang auf den Bus zu warten. Aber hier: "Meine Geduld ist weg." Die Verspätungsanzeigen im öffentlichen Verkehr hätten diesen Effekt bei ihm ausgelöst.

derstandard.at/von usslar

In Damaskus, wo Alshater aufgewachsen ist, hat er vor Ausbruch des Syrien-Kriegs Schauspiel studiert. Im Jahr 2011 gehörte er zu den Organisatoren der ersten Demonstrationen gegen das Assad-Regime. Das bescherte ihm neun Monate in den Gefängnissen des Regimes, die Spuren der Folter mit Elektroschocks und an seinem Körper ausgedämpften Zigaretten blieben neben der psychischen Belastung. Auch von Islamisten wurde er gefangen gehalten.

Vor drei Jahren kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Jan Heilig. Bei der Arbeit an "Syria Inside", einem Dokumentarfilm, der stark mit komödiantischen Elementen arbeitet, lernten sie einander kennen. Kurz darauf kam Alshater zur Bearbeitung des Films nach Berlin, wo er heute anerkannter Flüchtling ist.

"Ich muss abnehmen"

Im Herbst möchte er sein Schauspielstudium in Deutschland fortsetzen. Bis dahin ist er voll mit den Kurzvideos beschäftigt. Warum er diese Videos "Zuckerstückchen" nennt? "Das Wort Zukar ist fast das gleiche Wort auf Arabisch, Deutsch und Englisch", erklärt Alshater. "Alle mögen Zucker, das will man gerne haben." Nur er selbst will die täglichen zwei bis drei Zuckerstücke in seiner Tasse Schwarztee gerne reduzieren: "Weil ich abnehmen muss."

Wie er den deutschen Humor findet? "Hm, na ja, es ist wahrscheinlich noch ein bisschen komisch für mich, weil Deutsch ja nicht meine Muttersprache ist. Manchmal werden Witze erzählt, alle lachen, aber für mich ist das nicht witzig." Aber auch umgekehrt erlebe er das öfter, wenn er deutsche Zuhörer mit der arabischen Erzählstruktur langweile: "Da lacht keiner." Im folgenden Video ist es Firas Alshater vermutlich doch gelungen:

zukar

Das Leben in Deutschland habe sich auch nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht für ihn nicht wesentlich geändert, sagt Alshater: "Lass es uns ganz ehrlich sagen: Die rassistischen Leute sind rassistisch vor und nach Köln." Genauso sei es aber auch mit jenen Deutschen, die eine andere Einstellung gegenüber Flüchtlingen haben. Er plädiert für ein differenziertes Urteil über das, was geschehen ist. Wer hier Straftaten begehe, sei auch im Heimatland kein guter Mensch gewesen. Dem gegenüber stünden aber zahlreiche andere Beispiele.

Die Reaktionen auf seine Videos seien oft überraschend, erklärt Firas Alshater. Da gäbe es Leute, die auf seiner Website zukar.org kommentieren: "Ich bin nicht auf der Seite von 'Refugees welcome', aber wenn die (Flüchtlinge, Anm.) alle wie du sind, dann habe ich kein Problem."

Schluss mit lustig

Aber auch Alshaters Humor hat Grenzen, etwa "wenn ich mit meinem Humor jemanden verletze". Als Beispiel fällt ihm eine Karikatur des Satiremagazins "Charlie Hebdo" ein, in der die Frage gestellt wurde, was aus dem ertrunkenen syrischen Flüchtlingskind Alan Kurdi geworden wäre, wenn es überlebt hätte. Und neben dem Bild erwachsener Männer, die einer Frau hinterherrennen, steht sinngemäß: "Ein Hinterngrapscher in Deutschland." Firas Alshater findet: "Das ist kein Humor mehr."

Viel lieber als im Interview politisiert der Syrer aber in seinen Videos, mindestens zehn Folgen will das Team drehen. Im nächsten Video geht es um die pöbelnde Menschenmenge, die vor einem Flüchtlingsheim in Clausnitz gegen die ankommenden Flüchtlinge Stimmung gemacht hat. (Karin Riss, 25.2.2016)

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