Gipfeltreffen bei der Königin

23. Februar 2016, 17:19
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Uraufführung von Friedrich Cerha mit Vater und Sohn Haselböck im Konzerthaus

Wien – Als 1913 das Wiener Konzerthaus eröffnet wurde, war nicht zuletzt die Orgel im Großen Saal eine Sensation: immerhin die größte Konzertorgel Europas und die größte im ganzen Land einschließlich ihrer Schwestern in den Kirchen.

Nach der letzten großen Renovierung Anfang der 1980er-Jahre wurde sie im Sommer des Vorjahres auf den letzten Stand der Technik gebracht, gereinigt und gestimmt – keine Kleinigkeit bei den auf über 100 Register verteilten insgesamt fast 9000 Pfeifen.

Ausschließlich mit Werken, die jünger sind als sie, präsentierte sich die unsichtbare, architektonisch raffiniert verborgene Königin nun in altem Glanz. Organist Martin Haselböck (Jahrgang 1954), der sie bereits einmal, 1982, zu neuem Leben erweckt hatte, hatte dazu neben Klassikern der Moderne auch eine Uraufführung von Friedrich Cerha (Jahrgang 1926) dabei: die 2013 bis 2014 entstandenen Sechs Postludien, die Vater Hans Haselböck gewidmet sind, der statt der Novitäten "musikalische Interventionen" zwischen den Sätzen beisteuerte: kurze Stücke aus den ältesten Orgelkodizes des Mittelalters.

Dies war jedoch bei weitem nicht die einzige Pointe in dieser Konstellation: Cerha besann sich etwa der alten Praxis, Namen mit Tonbuchstaben zu repräsentieren, und nannte das erste der Postludien denn auch schlicht Hans Haselböck – ein Name, der durch die Folge von "a" und "(e)s" den Vorteil eines markanten Tritonus mit sich bringt, den der Komponist gewinnbringend einsetzte.

Die Möglichkeiten der Orgel ließen sich freilich im 20. Jahrhundert für die Bestrebungen von Komponisten in wechselndem Ausmaß fruchtbar machen: Arnold Schönbergs Variationen über ein Rezitativ bleiben trotz ihrer vielfachen Klangwechsel hinter anderen Werken zurück.

Nach wie vor ein Geniestreich sind jedoch György Ligetis Volumina, deren Klangflächen Haselböck recht beeindruckend realisierte. Das Netteste kam aber zum Schluss, als sich Vater und Sohn Haselböck nebeneinander auf die Orgelbank auf dem Po- dium setzten, um den dritten Satz aus Jean Langlais' Double Fantaisie für zwei Organisten und ergo vier Hände und vier Füße zu spielen. Das nächste Jahrhun- dert mit Orgelmusik kann kommen. (Daniel Ender, 23.2.2016)

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